Tibetischer Buddhismus im Westen

Fakten, Hintergründe, Standpunkte

 

Kein Interview mit Ole Nydahl

 

Seit 1998 weigert sich die Österreichische Buddhistische Religionsgesellschaft (ÖBR), den dänischen Lama Ole Nydahl anzukündigen — zu Recht oder ist das eine Schikane?

Peter Riedl

Der tibetische Buddhismus steht hoch im Kurs, ganz besonders die Schule der Karma Kagyüs (KK) und dort wiederum ein ganz bestimmter Lama — der durch die Welt rasende Ole Nydahl.

Der gebürtige Däne befindet sich jedoch seit Jahren im Zentrum wiederkehrender Probleme und Auseinandersetzungen, die 1997 zur Spaltung des österreichischen Kagyü-Ordens führten. Man wollte sich dadurch „von einem für uns und den Buddhismus untragbaren Lehrer distanzieren.“ Auch die Deutsche Buddhistische Union (DBU) sah damals „erhebliche Differenzen“ mit dem rührigen Lama und teilte ihre Bedenken in einem Schreiben dem Karma Kagyü-Dachverband mit, wobei vor allem Ole Nydahls Pauschalurteil über den Islam im Mittelpunkt der Kritik stand. Er zeichne damit ein falsches Bild und schüre dumpfe Ressentiments. Seine ‚markigen’ Sprüche und sein Denken in Kategorien des Kampfes seien mit der Lehre Buddhas nicht vereinbar. Die DBU warnte auch vor der ‚Selbstüberschätzung’ des Lamas. Der Dachverband ging ausführlich auf die Vorwürfe der DBU ein, konnte jedoch an Oles Äußerungen und Verhalten nichts Falsches finden. Einen qualifizierten buddhistischen Lehrer, so lautete die Antwort, prüfe man nicht am schwammigen Begriff der ‚rechten Rede’, sondern in seinem gesamten Wirken für andere. Auch der Schweizer Karma Kagyü-Verband reagierte in einem offiziellen Schreiben auf die Vorwürfe und kam zur Schlussfolgerung, dass die aufgestellten Behauptungen gegen KK und Ole „jeder realen Grundlage entbehren“.

Hochrangige Lamas von KK sahen das anders. In Österreich war es 1998 zum Bruch zwischen dem dänischen Lama und der ÖBR gekommen, und diese erteilte der Gruppe rund um Lama Ole nicht nur ein Ankündigungsverbot in all ihren Publikationen, sondern trat sogar mit einer Delegation offiziell an Lama Jigme Rinpoche, einen der ranghöchsten Kagyü-Lamas, heran. Lama Jigme teilte die Bedenken der ÖBR und sagte zu, dass KK zur Frage, wie man einen Lehrer prüfen könne, schriftlich Stellung zu nehmen habe. Diese Stellungnahme wurde von Khenpo Chödrag Tenphel Rinpoche verfasst und in U&W 31 veröffentlicht. Der Lama riet dazu, „einen Lehrer, dessen Lehre mit jener des Buddha nicht übereinstimmt, aufzugeben“ und führte aus:

„Ich habe den Eindruck, viele westliche Praktizierende tun sich schwer, buddhistische Lehrer einer gesunden Beurteilung zu unterziehen … Es gibt nur einen Grund, wofür man einen Lehrer braucht, nämlich den Dharma so vermittelt zu bekommen, dass man mit diesen Anleitungen den Weg gehen und Befreiung erlangen kann. Andere Gründe, sich für einen Lehrer zu entscheiden, wie die Tatsache, dass er einem gefällt, charmant ist, lustig oder ‚einfach toll’, sind bei der Auswahl eines authentischen Lehrers ebenso unwichtig wie die Frage, ob er zölibatär lebt oder nicht oder ob er einen Titel wie Rinpoche, Tulku, Lama usw. hat.“

Ole reist seitdem mit seinen ‚markigen’ Sprüchen weiter um die Welt und gibt seinen Schülern Kraft. „Im Diamantweg“, sagt er, „geht es um ein nahes Band zwischen Schüler und Lehrer. Der Lehrer kann nicht ‚wischiwaschi’ alles sein, er muss zeigen, wie er ist, und der Schüler kann sehen, ob ihm das gefällt oder nicht. Deshalb mache ich in jedem Vortrag irgendwelche spaßvollen sexuellen Anspielungen, denn dann laufen mir die ganzen Neurotiker weg und blockieren nicht unser Zentrum.“ Manchmal sage er auch etwas politisch Unkorrektes gegen den Islam, damit die Leute, die nicht denken können, wegbleiben. „Indem wir die Exotiker, die Probleme mit ihrem Geschlechtsleben haben, und die anderen, die nicht klar denken können, von meinen Vorträgen abfiltern, bleiben nur die, die für den Diamantweg, die für das Band mit der Linie und dem Lehrer geeignet sind.“ So gibt Lama Ole seinen Schülern die scheinbare Sicherheit, sie seien nicht neurotisch und können klar denken — solange sie ihm beipflichten.

In seinem ‚Spiegel von Sonne und Mond’ in U&W 15 schrieb der englische ‚Yogi’ Ngakpa Rig´dzin Dorje über die Problematik von Männern, die den Kontakt zu ihrer inneren Sensitivität verloren haben und sich daher durch besondere Bestimmtheit, Kraft und Gewalt ausdrücken: „Im spirituellen Leben könnte so ein Mann ein ‚kosmischer Gorilla’ werden, ein Mann mit spirituellen Muskeln. Er hat Power aus seiner Geradlinigkeit, unterstützt von einer Power, die ihm andere verleihen. Er könnte eine Art Guru mit Anspruch auf den Weltenlehrer sein. Der ‚kosmische Gorilla’ sucht nach Siddhis, nach übernatürlichen Kräften, durch die er sein sorgfältig geschärftes und poliertes Ego weiter aufbläht.“ Auch Lama Oles Kräfte scheinen ‚übernatürlich’ zu sein, er betont immer wieder, er lebe, als ob er an einer Steckdose hinge.

In den letzten Jahren ist es um ihn als Person ruhiger geworden, Skandalträchtiges drang kaum mehr nach außen, eher Berührendes. Von einem schweren Unfall bei einem Fallschirmsprung war zu hören und vom tragischen und raschen Tod seiner langjährigen Ehefrau Hannah. Als er nun gemeinsam mit dem 17. Karmapa Thaye Dorje nach Wien kam, nahmen wir über Caty Hartung mit ihm Kontakt auf. Caty ist Oles treue Begleiterin und war schon zu Hannahs Lebzeiten seine zweite Lebensgefährtin. Wir wollten herausfinden, ob sich die Schatten der Vergangenheit gelöst haben und der alte ÖBR-Beschluss überhaupt noch gerechtfertigt ist. So lenken wir gleich zu Beginn das Gespräch auf Oles heutige Ansichten über den Islam. Er antwortet ganz spontan und offen, dass er in der gegenwärtigen Auseinandersetzung ausschließlich im Islam die große Gefahr für unsere Zeit und unsere Kultur sähe und befürchte, dass wir Gutmenschen den Muslimen erlaubten, uns die Freiheit zu nehmen. Dabei betont er, dass er diese Aussagen nicht als Lama, sondern als sehr erfahrener Mensch und Humanist tätige. Er zitiert aus dem Koran, dass Juden, Christen, und Ungläubige zu töten und Frauen zu schlagen seien. Der Islam sei eine Eroberungsreligion, in der es keine Liebe gäbe, sondern nur Gesetz und Rache. Es fehle dort ein Jesus. Europa habe die besten Gesetze, Europa habe das Beste von allem. Ole holt weit aus, um seine Argumentation gegen den Islam zu untermauern. Auf jeden Einwand unsererseits folgt eine neuerliche Anti-Islam-Tirade.

Caty Hartung gefallen diese Fragen nicht — und noch weniger gefallen ihr Oles spontane Antworten. Sie fühlt sich hintergangen: Ihrer Meinung nach sprechen wir im Interview besonders heikle Themen an. Was sie nicht sieht, ist, dass wir unsere Fragen nicht stellen, um Ole zu provozieren. Ich selbst habe ihn viele Jahre nicht gesehen, schätze seine Offenheit und habe mir insgeheim erwartet, dass er sich nach all den Dramen in seinem Leben gewandelt hätte. Uns wird dann noch untersagt, den ‚Islam-Teil’ des Gespräches abzudrucken, doch könnten wir das Interview neu beginnen.

Dazu kommt es nicht mehr. Stattdessen ergibt sich eine lebhafte Debatte zwischen Ole und Mitgliedern von KK. Wir fragen Ole nach dem Bruch zwischen ihm und der ÖBR, doch er kann sich an Details nicht mehr erinnern. Erst der ebenfalls anwesende Wolfgang Pojer, Österreich-Vertreter des Kagyü-Dachverbandes, hilft aus, denn ihm haftet die Angelegenheit noch gut im Gedächtnis. Es sei alles Schnee von gestern, meint er, und wenn man in einem Schaukasten der ÖBR nicht aufscheinen dürfe, würde das hier niemanden stören. Sein Interesse, stellt nun auch Ole Nydahl fest, sei es ohnehin nicht, von Leuten vertreten zu werden, die anders denken als er: „Letztlich sind wir die Einzigen, die Wurst auf den Tisch bringen, die etwas machen. Die anderen sitzen in ihren kleinen Klügeleien und singen in ihren exotischen Sprachen herum, und wir machen Tatsachen.“ Als wir nachfragen, ob denn die anderen wirklich nur herumsitzen würden, erklärt uns der schlagfertige Däne seinen Sprachgebrauch. Er würde die Sache deshalb so extrem ausdrücken, um zu zeigen, dass es Neid sei, wenn andere mit der Gruppe Schwierigkeiten hätten.

 
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PeterRiedl-OleNydahl
  • PeterRiedl-OleNydahl
    Peter Riedl und Ole Nydahl begegnen sich beim Besuch des Dalai Lama 2002 in Graz.
  • Nydahl-Hartung-UW
    Ole Nydahl und Caty Hartung treffen das U&W-Team zum geplanten Interview in der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde.

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Vielleicht liegt darin sogar ein Körnchen Wahrheit, vielleicht schwingt bei vielen Kritikern tatsächlich Neid auf Oles großen Erfolg mit. Ich sehe in Ole einen Mann, der sich ehrlich bemüht, Menschen zu helfen, und dem der ‚Diamantweg’ ein echtes Anliegen ist. Doch in gewisser Weise hat er sich verrannt, wenn er immer noch zweimal jährlich um die Welt jettet, um alle Zentren zu besuchen und seinen Anhängern Kraft zu geben. Auf meine Frage, wer Ole Nydahl sei, antwortet er prompt: „Er ist mehr ein Programm als ein Mensch.“ Dieser Satz spricht für sich.

Ole scheint nicht nur ein Mann zu sein, der einen Teil seiner Menschlichkeit aufgegeben hat, sondern auch einer, der von der Last seines Amtes und dem schweren Unfall gezeichnet ist. Es wäre ihm zu wünschen, dass die Aufgabe, sich um alle Zentren zu kümmern, der junge Karmapa in die Hände nimmt, damit Ole sich zurückziehen und einen Weg nach innen gehen kann. Er hätte es verdient, und es würde sicherlich auch seiner Gruppe wohltun. Der seit vielen Jahren schwelende Konflikt innerhalb des Buddhismus könnte so ein gutes Ende finden.

Peter Riedl

 

© Ursache und Wirkung, Nummer 61, 2006.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Peter Riedl.

 

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