Tibetischer Buddhismus im Westen

Fakten, Hintergründe, Standpunkte

 

Ein Geist geht um …

Dorje Shugden und die Neue Kadampa Tradition (NKT)

Peter Riedl
Magazin »Ursache & Wirkung«
Juni 2006


NKT Demonstration 1998 vor dem Tempodrom Berlin

1998 fanden weltweit NKT-Demos gegen den Dalai Lama statt

Im tibetischen Buddhismus gibt es einen Richtungsstreit, dessen Auswirkungen sogar Echo in der Weltpresse gefunden haben. Es kam zu Morden, Demonstrationen und Anschuldigungen gegen den Dalai Lama. Danach ist es wieder ruhiger geworden. Die eigentlichen Hintergründe sind kaum bekannt, und der Konflikt hält unverändert an. Worum geht es?

NKT - Neue Kadampa Tradition

Der Tibeter Geshe Kelsang Gyatso gründete in den 1990er Jahren diese Organisation. Er ist Mönch der Gelug-Schule und hat die englische Staatsbürgerschaft angenommen. Im Jahre 1977 wurde er in das Manjushri Institute als Gastlehrer eingeladen. Ca. 1983 übernahm er dieses gegen den Willen der Organisation und gründete seine eigene Richtung.
Heute hat NKT ca. 800-900 Zentren in ca. 40 Ländern und gehört zu den am schnellsten wachsenden Gruppen des tibetischen Buddhismus. Als Lehrer sind ausschließlich NKT-Anhänger zugelassen.

Gelegentlich haben kleine Anlässe unerwartete Folgen. So ein kleiner Anlass war es, als uns das Kloster Tashi Rabten anlässlich der 15-Jahre-Jubiläumsausgabe von U&W öffentlich gratulierte und uns für unsere Bemühungen dankte. Über diese freundliche Geste haben wir uns sehr gefreut. Umso überraschter waren wir, als wir von einer Leserin einen vorwurfsvollen Anruf bekamen: »Wo bleibt denn die Unabhängigkeit und Objektivität von U&W? Wisst ihr nicht …«. Auf die Frage »Was?« kam die Antwort, dass man im Tashi Rabten Kloster die ›Dorje Shugden-Praxis‹ betreibe. Uns war natürlich bekannt, dass mit dieser Praxis eine Kontroverse verbunden ist. Der ganze Hintergrund und die genaue Problematik waren uns allerdings nicht geläufig - Grund genug, um zu recherchieren und der Kontroverse rund um ein ›Geistwesen‹ auf den Grund zu gehen.

Ein Problem geht um im tibetischen Buddhismus. Es ist mit der ›Dorje Shugden-Sichtweise‹ und der gleichnamigen Praxis verbunden. Der Konflikt betrifft vorwiegend die Gelug-Schule, eine der vier traditionellen Schulen im tibetischen Buddhismus, und auch die Person des 14. Dalai Lama. ›Dorje Shugden‹ ist nach tibetischem Verständnis ein Geistwesen, und zwar ein so genannter ›Schutzgeist des Buddhismus‹. Ob er dies wirklich ist oder nicht, ist ein Aspekt der Kontroverse. Der zweite und eigentlich viel wichtigere Aspekt bezieht sich auf das Thema der ›buddhistischen Sekten‹. Beide Bereiche sind eng miteinander verwoben und ohne Hintergrundwissen zu tibetischer Kultur und Denkweise schwer verständlich.

Vier schwer wiegende Ereignisse haben bisher die Öffentlichkeit beschäftigt: 1998 kommt es im indischen Dharamsala, Hauptstadt der Exiltibeter und Sitz des Dalai Lama, zu einem grausamen Verbrechen, zu den so genannten ›Ritualmorden‹ an Mönchen der Gelug-Schule. Es wurden der von Seiner Heiligkeit eingesetzte Direktor der Buddhist Dialectic School, Geshe Lobsang Gyatso, und zwei seiner Schüler ermordet. Ein Mitschüler, der auch heute seinen Namen noch nicht nennen möchte, erzählt U&W über die Ereignisse: »Es war der totale Schock. Geshe hatte schon vorher Morddrohungen erhalten, einen Personenschutz jedoch abgelehnt.« Auf unsere Frage, ob es sich erkennbar um Ritualmorde gehandelt habe, antwortet er: »Es waren damals Fotos von den Leichen gemacht worden. Sie schienen mit gezielten Stichen zwischen die Augen, in den Hals und in das Herz hingeschlachtet worden zu sein. Die indische Polizei hat viel dazu beigetragen, die Identität der Täter zu klären. Sie standen mit der Dorje Shugden Society in New Delhi in Verbindung, konnten aber nach Tibet bzw. China fliehen.«

Das zweite wesentliche, aber weniger dramatische Ereignis findet 1983 in England statt. In einem Gelug-Kloster, dem Manjushri Institute, war ein Lehrer, Geshe Kelsang Gyatso, eingesetzt worden. Dieser gründete jedoch eine eigene Schule, die New Kadampa Tradition (NKT), und übernahm mit dieser handstreichartig das Institut. Der Shugden-Kult spielt dabei ebenfalls eine zentrale Rolle.

Als drittes Ereignis lassen sich um 1998 öffentliche Demonstrationen der NKT-Anhänger gegen den Dalai Lama nennen. Drohungen werden bei Kundgebungen gegen das tibetische Oberhaupt ausgestoßen, auf Transparenten wird gegen ihn polemisiert. Der Dalai Lama hatte sich öffentlich gegen die Praxis der Shugden-Anhänger ausgesprochen und die NKT als Sekte bezeichnet. 

In den letzten Jahren ist es an dieser Front jedoch ruhig geworden. Die öffentlichen Demonstrationen gegen das Oberhaupt der Tibeter haben der Neuen Kadampa geschadet. In Deutschland hat man ihr die Mitgliedschaft in der DBU verweigert, die Schweizer SBU hat die Gruppe von Geshe Kelsang zwar aufgenommen, sie aber in ihren Rechten beschnitten. NKT darf bei den buddhistischen Eidgenossen keine Vertreter in den Vorstand entsenden. In Österreich hat die NKT um eine Aufnahme in die ÖBR nicht einmal angesucht, zu deutlich war signalisiert worden, dass diese kaum wahrscheinlich sei.

Worum geht es? Was ist die Shugden-Praxis, und warum ist sie gefährlich? Um diesen Komplex auch nur halbwegs verstehen zu können (ihn ganz zu verstehen, scheint uns Europäern, tibetische Buddhisten eingeschlossen, unmöglich zu sein), müssen wir uns mit dem tibetischen Buddhismus, vor allem auch mit tibetischer Kultur und Tradition beschäftigen. Diese Kontroverse wird sowohl auf einer weltlich-politischen als auch auf einer spirituellen Ebene ausgetragen. Dabei geht es um Macht und Gefolgschaften, um jahrhundertealte innertibetische Konflikte, um den ›Schutzgeist‹ Dorje Shugden und ob dieser ›erleuchtet‹ oder ›weltlich‹ sei. Mit derartigen Fragen werden aufgeklärte Europäer wenig anzufangen wissen. Für traditionelle Tibeter sind es jedoch alltägliche Themen. Der amerikanische Universitätsprofessor für Tibetologie George Dreyfus sagt dazu: »Der Konflikt zwischen weltlichen Schützern oder Göttern ist für Tibeter ein normales Ereignis in einem Universum, in dem es zahllose Wesenheiten gibt, die Menschen schaden können. Sie miteinander zu versöhnen, ist ein wesentlicher Bestandteil tibetischer Kultur.« Der gegenwärtig in Berlin lebende amerikanische Tibetologe Alexander Berzin (www.berzinarchives.com) weist beim telefonischen Interview auf andere wesentliche Elemente des Konfliktes hin: »Da sind Freundschafts-, Gefolgschafts-, Treue- und Verbindungsverpflichtungen, sowohl vom Schüler zum Lehrer als auch zur Gruppe. Diese ein Leben lang andauernden Verpflichtungen werden in den tantrischen Ermächtigungen eingegangen.« Und hier besteht nach Berzins Meinung ein wesentlicher Unterschied zwischen Shugden-Anhängern und (fast) allen anderen tibetischen Buddhisten: »Den Anhängern des Shugden-Kultes, die eine Ermächtigung erhalten, wird gesagt, dass man diesen ›Schützer‹ oder diese ›Praxis‹ nie wieder aufgeben kann. Entsprechend einer alten Anweisung von Ashvaghosha gilt jedoch, dass man trotz empfangener Ermächtigung immer noch die Möglichkeit hat, das Lehrer-Schüler-Verhältnis wieder zu beenden. Dafür kann es unterschiedliche Gründe geben: Man hat seinen Lehrer nicht ausreichend geprüft oder man ist auf kritischer Distanz zu ihm und seinen Methoden. Es heißt, man kann dann respektvoll auf Distanz zu diesem Lehrer gehen, aber man möge über ihn und seine Praxis keine bösen Worte verlieren.«

Und noch etwas ist bei der Dorje Shugden-Praxis problematisch: Sie basiert auf einer Art von geheimem Eid, den sich die Anhänger untereinander schwören und der sie zu einer lebenslangen Freundschaft und Loyalität verpflichtet. Das geschieht in einer Praxis, die ›Life Entrusting – Das Leben anvertrauen‹ genannt wird. Bei dieser verpflichten sich die Anhänger - wie in einem Geheimbund - auch zu einer lebenslangen Ergebenheit gegenüber Dorje Shugden. Im Gegenzug dient und hilft ihnen der Geist Shugden ebenfalls ihr Leben lang (George Dreyfus). Der Dalai Lama ist strikt gegen diesen Kult. Wer Dorje Shugden praktiziert, »hat zuerst viele Schüler, dann viel Geld und am Ende viele Probleme«, sagen Gegner dieser Praxis wie z. B. Gangteng Tulku Rinpoche.

Die Verpflichtungen, die man mit den tantrischen Ermächtigungen eingeht, sind weit reichend. Sie bestehen sowohl gegenüber dem Lehrer als Person als auch gegenüber seiner spirituellen ›Sichtweise‹, die auch den Glauben an die jeweiligen Schutzgeister beinhaltet. Im vorliegenden Fall geht es um Shugden, der seinen Anhängern innerhalb der Gelug-Schule und der NKT als ›erleuchtet‹ gilt und von anderen (dem Dalai Lama und seinen Anhängern) als nicht erleuchtet angesehen wird. Es stellt sich die Frage, warum bei der Vielzahl von tibetischen Geistern gerade Dorje Shugden zum Streitobjekt werden konnte. Dazu George Dreyfus: »Die Antwort liegt in der sektiererischen Art, in der diese Praxis von ihren Gründern definiert wurde. Shugden und seine Praxis stehen für eine traditionelle Sichtweise der Gelug-Schule und gegen eine Öffnung zu Sichtweisen und Praktiken anderer Schulen.«

Genau das aber ist die Intention des 14. Dalai Lama: Er öffnet sich. Diese Absicht hatten nicht alle seine Vorgänger. Hier sollte auch etwas über Stellung und Bedeutung der ›Institution‹ des Dalai Lama gesagt werden. Der jeweilige Dalai Lama gilt als Reinkarnation von Avalokiteshvara, dem Buddha des Mitgefühls. Er ist einerseits politischer Führer Tibets und wird andererseits als die höchste spirituelle Autorität in allen vier großen tibetischen Traditionen anerkannt (Ausnahmen sind New Kadampa und einzelne andere Minoritäten). »Er gehört keiner einzelnen Schule an, sondern sitzt in allen Klöstern und bei allen Ritualen immer höher als die anderen Lamas«, weiß der Tibetologe Berzin. Es gab mächtige, sehr einflussreiche Dalai Lamas und weniger herausragende Persönlichkeiten. Als besonders bedeutungsvoll galten der 5. Dalai Lama und der 13. Dalai Lama. Der gegenwärtige, also der 14. Dalai Lama zählt ebenfalls zur Riege der wichtigen Autoritäten.

Nimmt man nun alle diese Spezifika des tibetischen Buddhismus zusammen, wird der Konflikt um Dorje Shugden, NKT und den Dalai Lama etwas verständlicher. Es geht um einen Richtungsstreit innerhalb des Gelug-Ordens, und zwar ob er sich gegenüber anderen Traditionen öffnet oder nicht. Die Anhänger der engeren, sektiererischen Sichtweise rufen Dorje Shugden an und sehen diesen Schutzgeist als ›erleuchtet‹. Das erste Mal bekam Dorje Shugden vor ca. 300 Jahren unter dem 5. Dalai Lama öffentliche Bedeutung. Damals war am Ende eines über 100 Jahre andauernden Bürgerkrieges bereits die Situation, in der sich der 5. Dalai Lama anderen Richtungen und Praktiken, vorwiegend der Nyingmapa, einer weiteren tibetischen Schule, öffnen wollte. Und bereits zu diesem Zeitpunkt gab es darüber eine Auseinandersetzung. Doch dann starb der Gegner des 5. Dalai Lama. Es gibt auch die Theorie, dass er umgebracht worden sei oder Selbstmord begangen habe. Sein Geist jedenfalls wurde zu Dorje Shugden. In den nachfolgenden Jahrhunderten wurde es jedoch still um diesen. Aufmerksamkeit und Bedeutung erlangte er erst wieder 1975, als das ›Gelbe Buch‹ erschien. Die Aussage dieses Buches ist eindeutig, sagt Dreyfus: »Gelug-Lamas sollen auf keinen Fall die Belehrungen anderer Schulen praktizieren, andernfalls sie Shugdens Zorn hervorrufen und dadurch sterben würden.« Dieses Buch rief nun seinerseits eine vehemente Reaktion des jetzigen Dalai Lama hervor. Er äußerte sich strikt gegen die Shugden-Praxis, und seit dieser Zeit gibt es den offenen Konflikt. Das tibetische Oberhaupt betont immer wieder, dass die Shugden-Praxis schädlich sei und dass man entsprechend der Anweisung von Ashvaghosha diese Praxis und die Verpflichtung zum Lehrer wieder aufgeben könne. Er verlangt aber nicht, dass man sie aufgeben muss, jeder kann praktizieren, was er oder sie möchte. Lediglich wenn man von ihm eine Ermächtigung haben möchte oder eine enge spirituelle Beziehung, könne man Shugden nicht praktizieren (Berzin). In diesem Sinne sind die Vorwürfe falsch, dass der 14. Dalai Lama keine Religionsfreiheit gewähre.

So viel zu den historischen Hintergründen des Konfliktes. Unsere Recherchen haben ergeben, dass es innerhalb der Gelug-Schule offensichtlich drei unterschiedliche Sichtweisen der Problematik gibt, also drei Gruppierungen. Die erste, die für Offenheit gegenüber anderen Gruppen eintritt, folgt dem Dalai Lama nach. Ihre Vertreter haben uns offen über den Konflikt und seine Hintergründe Auskunft gegeben. Dann gibt es eine zweite Gruppe, für die der Konflikt anscheinend besonders schwierig und traurig ist. Sie praktizieren schon länger Dorje Shugden, halten also gegen die Empfehlung des Dalai Lama daran fest, ohne gegen das tibetische Oberhaupt öffentlich aufzutreten. Von ihnen bekamen wir zwar offene Worte und Informationen über ihre Haltung, jedoch nur mit der Zusicherung, dass sie anonym bleiben können. Die dritte Gruppe, die Vertreter der Neuen Kadampa, deren Oberhaupt Geshe Kelsang Gyatso ist, hüllten sich in Schweigen. Sie wollten keine Stellungnahme abgeben.

Wie groß ist die Bedeutung? Grundsätzlich geht es bei der Auseinandersetzung rund um die Dorje Shugden-Praxis jedoch nicht um den Kern des tibetischen Buddhismus. Der ist, so wie im Buddhismus immer, der Weg zur Befreiung. Es gibt daher zahlreiche tibetische und westliche Lehrer (auch der Gelug-Schule), die abraten, diesen Aspekten der Auseinandersetzung im tibetischen Buddhismus zu viel Bedeutung zu geben. Ihre Kernaussage lautet: »Wir müssen im Westen lernen zu sehen, was befreiendes Dharma, also der befreiende Teil der buddhistischen Lehre, ist und was kulturelle Zugehörigkeiten und Zutaten sind, die wir ausklammern sollten.«

Prof. Dr. Peter Riedl ist Präsident der Österreichischen Buddhistischen Religionsgemeinschaft (ÖBR) und Außerordentlicher Universitätsprofessor für Medizin. Er leitet seit 1979 das Diagnose Zentrum Urania.

© Ursache und Wirkung, Nummer 56, Juni 2006.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Peter Riedl.

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