Tibetischer Buddhismus im Westen

Fakten, Hintergründe, Standpunkte

 

Mythos Tibet und (k)ein Ende?

von Helmut Clemens


Nichts ist so zählebig wie ein Mythos. Und er hält sich um so länger, je schwieriger es ist, ihn an der Wirklichkeit zu messen. Tibet war über Jahrhunderte hinweg ein nahezu hermetisch abgeschottetes Stück Erde hinter dem Himalaya, erreichbar nur in der Phantasie. Das Geheimnisumwitterte, Fremdartige war es, was die Menschen faszinierte. Westliche Träumer und Sinnsucher projizierten ihre Wünsche und Sehnsüchte in das Land und seine Menschen. Das ist trotz eines gewissen Wandels in den Voraussetzungen weitgehend so geblieben und wirkt selbst in die Politik hinein. Denn da bei allen Vorstellungen über Tibet der Mythos Pate gestanden hat, werden an die Tibeter und ihr Oberhaupt Erwartungen herangetragen, die sie nicht erfüllen können. Sie sollen nicht sein, wie sie sind, sondern wie man sie haben möchte.

Lange Zeit war das besetzte Tibet, sieht man von ein paar schwachbrüstigen UN-Resolutionen in den 50er und 60er Jahren ab, für die politische Welt kein Thema. Die USA unterstützten zwar anfangs den tibetischen Widerstand, aber nicht aus christlicher Nächstenliebe, sondern aus Antikommunismus, klandestin, niemand wußte davon. Doch als China sich mit der Sowjetunion überwarf, verloren die tibetischen Resistenzler für die CIA an Interesse und wurden nach der Normalisierung der amerikanisch-chinesischen Beziehungen und Pekings Einzug in den Weltsicherheitsrat vollends fallengelassen.

Die kritische Linke im Westen war dazumal ziemlich unkritisch pro-maoistisch und sah Tibet, wenn sie es denn überhaupt wahrnahm, unter dem Klischee der Befreiung aus dumpfmittelalterlichen Verhältnissen. Daß es ein Kolonialproblem war, kam den studentischen Antikolonialisten, die in jenen Tagen für Vietnam auf die Straße gingen, nicht in den Sinn und wird von vielen Linken bis heute nicht realisiert.

Was das Tibetbild interessierter Westler in unserer Zeit prägte, war bestenfalls das, was in den Büchern der wenigen stand, denen es gelungen war, dort zu reisen und zu forschen, etwa Alexandra David-Néel in den ersten Jahrzehnten unseres Jahrhunderts. David-Néels Werke setzten bei der Leserschaft ein gewisses Niveau voraus, beschäftigten sich mit Tibet unter religionswissenschaftlichem und ethnologischem Aspekt und webten zugleich als gehobene Abenteuerlektüre mit am Mythos. Erst Heinrich Harrers Sieben Jahre in Tibet, erschienen in den 50er Jahren, wurde zum internationalen Bestseller und fand breiteres Publikum. Sozusagen die Volksausgabe der Tibetliteratur, hatte es einen hohen Unterhaltungswert und förderte den Mythos Tibet auf nachhaltige Weise. Tibet, das jahrhundertelang abgeschottete geheimnisumwitterte Land, wurde zur Attraktion für eine wachsende Zahl von Abenteurern und Fernwehsüchtigen.

Buchmesse Frankfurt am Main: Thierry Dodin, Jamyang Norbu, Dr. Jan Andersson, Dr. Franz Alt, Tsering Shakya

Thierry Dodin, Jamyang Norbu, Dr. Jan Andersson, Dr. Franz Alt, Tsering Shakya (von links)
auf der Frankfurter Buchmesse 1999 Foto: M. Deimann-Clemens

Deren Kreis erweiterte sich später um Spintisierer und New-Age-Apostel, die auf der mit dem Ende der 68er Bewegung beginnenden Esoterik-Welle schwimmend östliche Spiritualität mißverstanden. Spiritualität kam in Mode. Sinnsucher aller Schattierungen traten auf den Plan und alsbald auch Geschäftemacher, die daraus Kapital zu schlagen verstanden. Scharlatane wie "Lobsang Rampa" fanden ihre Gemeinde und Millionen verrenken sich wie Die fünf Tibeter.

Doch die Sehnsucht nach Spiritualität blieb nicht auf solch fragwürdiges Niveau beschränkt. Östliches Denken zog philosophische Köpfe an; Buddhismus begann religiöse Menschen zu interessieren, denen das in Institutionen erstarrte Christentum zu viele Antworten schuldig zu bleiben schien. Buddhistische Zirkel hatte es schon im 19. Jahrhundert gegeben, doch sie blieben in der Öffentlichkeit unbeachtet. In den 60er Jahren fand der Zen-Buddhismus eine beachtliche Anhängerschaft unter den Intellektuellen. Und mit der tibetischen Emigration gelangte schließlich der Vajrayana in den Westen, attraktiv namentlich durch seine Philosophie und Psychologie. Tibetisch-buddhistische Zentren entstanden in Europa, Amerika und Australien. Im indischen Dharamsala konnten Interessenten bei hochrangigen Lamas studieren. Die Mehrheit der Westler freilich, die den kleinen Ort frequentierte, an dem der Dalai Lama seinen Wohnsitz hat, rekrutierte sich unverkennbar aus jenen, die der Exotik und dem Mythos Tibet nachlaufen ­ Nachfolger der Hippies auf dem Weg ins New Age. Das ist heute noch so.

»Es gibt zwei Tibets: das eine strahlt im glänzenden Licht der Hollywood-Stars, wundervoller Rock-Konzerte, Museumseröffnungen … Mit diesem Tibet sind die meisten von uns bis zu einem gewissen Grad vertraut. Aber es gibt noch ein anderes Tibet, und in diesem Tibet herrscht Arbeitslosigkeit, sexuelle Erniedrigung, tagtägliche, ganz reale Furcht und Angst. Dieses Tibet wird meist ignoriert, man zieht das andere, das strahlende, vor. Wir können unsere Träume und Mythen und selbst Stereotype ruhig bewahren, ich habe nichts dagegen, aber wir sollten es nur dann tun, wenn wir imstande und bereit sind, auch die Realität, das andere Tibet, zur Kenntnis zu nehmen.« Jamyang Norbu

Auf ganz unterschiedlichen Schienen wird das Interesse an Tibet und die Sympathie für seine Menschen seit den 80er Jahren durch die immer häufiger im Westen auftauchende charismatische Gestalt des Dalai Lama beflügelt. Da gab (und gibt) es die Schwärmer, die dem Mann in der roten Mönchsrobe mit feuchten Augen begegnen, die Groupies, die überall zu finden sind, wo er sich zeigt; da wuchs aber auch die anfangs verschwindend geringe Zahl derer, die die politische Dimension der Tibetfrage wahrnahmen, unter ihnen auch Politiker. Namen von Abgeordneten wie Petra Kelly und Gert Bastian haben hier ihren Platz. Selbst die politisch Verantwortlichen können seither das Tibetproblem nicht mehr übersehen, egal, wie sie dazu stehen. Staatsoberhäupter, Minister, Regierungschefs empfingen den Dalai Lama, wenngleich in der Regel nur als religiöses Oberhaupt der Tibeter. Westliche Parlamente boten ihm ungeachtet dessen auch ein politisches Forum. Seinen Fünf-Punkte-Friedensplan gab er 1987 vor dem amerikanischen Kongress bekannt; sein darauf aufbauendes Verhandlungsangebot an die Chinesen ein Jahr später vor dem Europaparlament in Straßburg; es wurde als Straßburger Erklärung zum Begriff in den politischen Wörterbüchern. 1989 wurde der Versöhnung und Gewaltlosigkeit postulierende Anwalt seines Volkes international durch die Verleihung des Friedensnobelpreises geehrt.

Auch das Land Tibet war seit Mitte der 80er Jahre keine terra incognita mehr. Touristen durften einreisen und konnten sich selbst ein Bild machen. Die kurze Periode der Freizügigkeit endete jedoch mit den Demonstrationen im Herbst 1987. Westliche Besucher waren Zeugen der Schieß- und Prügelorgien geworden, mit denen die Besatzungsmacht reagierte. Manche Shangri-La-Sucher sahen sich brutal mit der tibetischen Wirklichkeit konfrontiert. Fotos und Videos gelangten in den Westen und empörten die Welt. Allein wie lange hält so etwas vor!

»Die Unterstützung für jede Sache, jede Bewegung, muß aus der grundsätzlichen Überzeugung kommen, daß das, was wir sehen ein Unrecht ist, und daß der Kampf einer gerechten Sache gilt. So sollte das Tibetproblem angegangen werden!« Tsering Shakya

Im Bewußtsein der Weltöffentlichkeit blieb, daß Tibet ein besetztes Land ist, in dem schlimme Dinge geschehen sind. Was aber ebenfalls blieb, war der Mythos, der dieses Bild überlagert und verfälscht; die armen Tibeter, die man aus dem Paradies vertrieben hat. Dieser Mythos wurde gepflegt und weiterentwickelt. Die tibetische Geschichte wurde zu einer Friedensidylle umfrisiert, das tibetische Volk für seine Sympathisanten zu einer Gemeinde von Friedensengeln, die kein Wässerchen trüben können und denen man grausam die Flügel gestutzt hat. Da paßte der Dalai Lama als Fundamentalpazifist wunderbar ins Bild. Und die Freundlichkeit und Fröhlichkeit, die in der Tat als hervorstechende Züge des tibetischen Volkscharakters ins Auge fallen, auch.

Der Mythos schönt nicht nur das Tibet von gestern mit seiner Götter- und Menschenwelt, er produziert auch ein falsches Bild der Tibeter von heute, ob sie nun im Lande selbst oder im Exil leben. Manche Exiltibeter, die ihr Land nie gesehen haben, beginnen schon selbst, die verlorene Heimat in dem verklärenden Licht ihrer westlichen Bewunderer zu sehen und die von ihnen erwartete Rolle zu spielen. Es tut schließlich dem Selbstbewußtsein gut, einem auserwählten Volk anzugehören, wenn man schon sonst nichts hat.

Genährt wird der Realitätsverlust der einen und die Wirklichkeitsfremdheit der anderen, die ihn hervorrief, durch bestimmte Medien. Seit ein paar Jahren ist auf dem Büchermarkt eine editorische Tibetwelle zu beobachten. Unzählige Titel überschwemmen ihn. Bildbände, die in der Tat einiges hergeben, Bücher über Land und Leute in Tibet und im Exil, sogar Romane. Einige sind wirklich informativ, von kenntnisreichen Autoren geschrieben. Doch zu viele zeichnen sich durch Oberflächlichkeit aus ­ schlechte Texte, kurzfristig zusammengeschrieben, weil Tibet en vogue ist. Und zu viele, nicht nur die seriösen, sind mit einem Vorwort des Dalai Lama versehen. Das putzt ungemein, könnte man mit Thomas Mann sagen.

»Daß man die Tibetfrage zu einer Entscheidung zwischen gut und böse macht, das halte ich für sehr gefährlich. Der Dalai Lama hat sich dafür entschieden, den gewaltfreien Weg zu gehen, soweit es geht. Und aus seiner Sicht ist es sicherlich auch richtig so. Nur sollten wir als diejenigen, die Tibet unterstützen wollen, nicht unbedingt daraus den Gedanken entwickeln, gewaltfrei ist gut, Gewalt ist schlecht, also unterstütze ich die Tibeter. Das ist meiner Meinung nach falsch. Was im Vordergrund stehen sollte ist die Frage: ist die tibetische Sache gerecht oder nicht. Ich meine, sie ist es.« Thierry Dodin

Auch das Filmgeschäft blüht. Hollywood entdeckte die Attraktion Tibet und drehte ein paar aufwendige Streifen, in denen vor der Kulisse einer grandiosen Landschaft die pittoresken Seiten der alten tibetischen Gesellschaft dominieren, so, als hätte dort permanent Feiertagsstimmung geherrscht, bis die chinesischen Kommunisten kamen und all dem ein Ende setzten. Bei der Rezeption dieser Filme zeigt sich mutatis mutandis das gleiche Phänomen wie bei denen zum Thema Juden im Dritten Reich: Was Spuren in den Köpfen der Menschen hinterläßt, sind weniger die Dokumentationen, deren es zu beiden Themen sehr gute gibt, als vielmehr Melodramen wie Holocaust oder das Annaud-Opus Sieben Jahre in Tibet mit Brad Pitt als Heinrich Harrer, wie es ihn nie gegeben hat. Besser dies als garnichts, mag man gleichwohl sagen. Denn die Minderheit derer, die politische Fragen stellen und Konsequenzen ziehen, hat nicht selten ihre ersten Anstöße durch derlei oberflächliche oder sentimentale Stücke bekommen. Es ist dennoch augenscheinlich, daß die große Mehrheit des Publikums auf diesem Level verharrt.

»Reverend Jackson aus den Vereinigten Staaten hat kürzlich gesagt: 'Weiße wollen keinen Frieden, sie wollen Ruhe. Denn der Preis für Frieden ist Gerechtigkeit.' Die Unterstützung, die wir heute von Amerika bekommen, selbst vom Establishment dort, wird unter der Bedingung gewährt, daß der status quo nicht in Frage gestellt wird. Ich glaube, daß die Tibeter und ihre Unterstützer und Freunde einen taktischen Fehler begangen haben in ihrer Kampagnenarbeit: wir haben uns an Entscheidungsträger gewandt, an Politiker, und dieser Weg ist falsch! Diese Leute sind glatt wie Aale und versprechen alles mögliche … Wir müssen umdenken und an die Basis gehen, wie man es in Südafrika getan hat.« Jamyang Norbu

Natürlich hat sich der Mythos auch der Person des Dalai Lama bemächtigt, den er zum "Gottkönig" hypostasiert. Unter den Anhängern des freundlichen Idols aus dem Fernen Osten gibt es viele, die offenbar nicht imstande sind, von ihm zu sprechen, ohne den Titel Seine Heiligkeit" zu strapazieren. Weil Mythen aber in falschen Vorstellungen von der Wirklichkeit wurzeln, wecken sie falsche Erwartungen. Wehe, das Projektionsobjekt, Person oder Volk, verhält sich nicht diesen Erwartungen gemäß. Wehe, man ist eines Tages gezwungen, zur Kenntnis zu nehmen, daß das sozusagen genetisch friedfertige Himalayavölkchen sich mit der Gewaltlosigkeit viel schwerer tut als sein Oberhaupt. Wehe, der Dalai Lama offenbart außer seinem unwiderstehlichen Charme und Humor vielleicht auch noch andere menschliche Züge. Aus dem nervenden "Hosianna" an die Adresse "Seiner Heiligkeit" könnte sehr rasch ein schrilles "Kreuzige ihn!" werden.

»Was in Tibet geschieht ist Unrecht, moralisch und gesetzlich und in jeder anderen Hinsicht auch. Und weil dort Unrecht geschieht, sind wir gefordert. Ein positives Zeichen ist, daß eine wachsende Zahl von Menschen sich gerade aus diesem Grund für Tibet engagiert, weil es nämlich für sie eine Frage von Recht und Unrecht ist. Menschen, die nicht aus der New-Age-Bewegung kommen oder an spirituellen Dingen interessiert sind sondern an Menschenrechten, an Ökologie, an Gerechtigkeit. Und das ist, denke ich, der Anfang eines Wandels.« Tsering Shakya

Schrille Töne sind in der Tat schon manchmal zu vernehmen. Enttäuschte Anhänger des Dalai Lama unterstellen ihm Intoleranz und Gesinnungsterror. Sie tragen die Shugden-Kontroverse auf den Markt und versuchen, die Weltmedien für den tibetischen Familienstreit zu instrumentalisieren, was ihnen hier und da auch gelungen ist. Andere rechnen mit der Verbissenheit von Renegaten mit dem tibetischen Buddhismus ab und unterstellen ihm Dinge, wie man sie vergleichbar nur in den Protokollen der Weisen von Zion lesen kann, von Ritualmord bis zu Weltherrschaftsplänen des Dalai Lama. Statt Vergötterung nun Dämonisierung! Zur Entmythologisierung trägt das alles nicht bei. Es wirkt vielmehr an einem neuen Mythos. Sachliche Kritik am Mythos Tibet und seinen Folgen ist statt dessen vonnöten. Das sieht nicht zuletzt eine wachsende Zahl intellektueller Exiltibeter. Kritik am falschen Tibetbild des Westens und den daran festgemachten Erwartungen wird von ihnen artikuliert und auch publiziert. Insbesondere den Jüngeren ist schmerzhaft bewußt, daß die Schriften von ein paar Renegaten und Ideologen ihrer Sache weniger schaden als die in Teilen der Sympathisantenszene scheinbar unausrottbare Stilisierung Tibets und der Tibeter zu etwas Besonderem. Auch im Westen wird das Problem thematisiert, doch zumeist auf akademischer Ebene und daher mit geringer Breitenwirkung. Wissenschaftler und Publizisten wie Thierry Dodin von der Universität Bonn, Tsering Shakya von der Universität London oder Jamyang Norbu, Direktor des Amnye Machen Institute, um nur drei zu nennen, brauchen Bundesgenossen und Mitstreiter. Alle drei haben auch an der von Tibet-Forum und der Gesellschaft für bedrohte Völker in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Zentrum auf der Frankfurter Buchmesse veranstalteten Podiumsdiskussion teilgenommen.

»Wenn man Tibet zu positiv sieht oder sehen will, und die tibetische Geschichte nur aus der Sicht des Buddhismus betrachtet und nach dem, wofür der Dalai Lama steht ­ wobei durchaus berechtigt ist, wofür er steht ­, dann unterstützt man in der tibetischen Gesellschaft, besonders in der Exilgesellschaft, aber auch in Tibet, eher konservative Kräfte. Und ich denke, wenn uns etwas daran liegt, daß Tibet als Nation weiter existiert, dann muß uns auch daran liegen, daß diese Gesellschaft, wie jede andere Gesellschaft, sich weiterentwickeln kann. Wenn man ausschließlich die konservativen Kräfte unterstützt, indem man ein idyllisches Bild von Tibet vertritt, dann macht man es denjenigen in der tibetischen Gesellschaft schwer, die versuchen, auch einen alternativen Diskurs zu führen. Und das ist etwas, das jede Gesellschaft braucht, wenn sie auf lange Sicht überleben will.« Thierry Dodin

Auch in dieser Diskussion wurde deutlich: Die Einstellung des Westens zum Tibetproblem darf sich nicht vornehmlich aus Sympathie für den Dalai Lama und romantischen Vorstellungen von seinem Land herleiten. Sie muß aus dem Bewußtsein kommen, daß dort Unrecht geschieht, daß den Tibetern ­ unabhängig davon, ob sie so sind, wie wir sie haben möchten ­ das Recht auf Selbstbestimmung vorenthalten wird, daß Tibet eine der letzten Kolonien unserer Welt ist. Je weniger diese Erkenntnis vom Nebel des Tibetmythos verschleiert wird, je selbstverständlicher sie im Bewußtsein der Weltöffentlichkeit Platz greift, um so fragwürdiger werden die opportunistischen Eiertänze der Politiker um das Goldene Kalb China. Die Volksrepublik wird eines Tages ebenso die Rechte ihrer Kolonialvölker anerkennen müssen, wie es die europäischen Kolonialisten mußten. Denn alle Völker haben das Recht auf Freiheit von Unterdrückung und Fremdbestimmung, das ist eine der großen Errungenschaften unseres Jahrhunderts. Dieses Recht durchzusetzen, bedürfen die Tibeter moralischer und politischer Unterstützung. Unterstützung, nicht Bevormundung, und sei sie noch so gut gemeint.

Autor & Copyrights

HELMUT CLEMENS (1928–2005) war Rundfunk- und Fernsehjournalist und lange Jahre ARD-Korrespondent in Osteuropa.

© Monika Deimann-Clemens und Tibet-Forum

Online-Veröffentlichung mit freundlicher Erlaubnis von Monika Deimann-Clemens. Der Beitrag erschien in TIBET-Forum 3/1999.