Tibetischer Buddhismus im Westen

Fakten, Hintergründe, Standpunkte

 

Interviews mit ehemaligen NKT- Mitgliedern

Buddhistisches Magazin »Ursache und Wirkung«,
Nr. 56, 06/2006


Mein Anliegen ist es, vor der NKT zu warnen

 

Tenzin Peljor

Tenzin Peljor (Michael Jäckel) wurde 1998 in der NKT ordiniert und verbrachte 6 Jahre in ihrem Umfeld. Heute bezeichnet er die NKT als Sekte. Seinen Ausstieg beschreibt er als nicht leicht. Im März 2006 wurde er von S.H. dem Dalai Lama zum Mönch vollordiniert.

Im Gespräch mit U&W berichtet er über seine Zeit bei der NKT:

Geshe Kelsang ist dort die einzige spirituelle Autorität, es gibt keine älteren Mönche und keine lebenden Lehrer neben oder über ihm. Zuflucht sind er, seine Bücher und westliche Lehrer, die schon nach ganz kurzer Zeit von ihm die Lehrbefugnis bekommen. Außerhalb davon gibt es nichts.

Es gibt dort eine bestimmte Form von »mind control« und einen subtilen Missbrauch des Dharma, der buddhistischen Lehre. Er suggeriert gläubigen SchülerInnen, er sei ein Buddha und hätte besondere Kräfte. Viele Menschen bringen viel Geld in die NKT ein. Er und seine Lehrer erklären ständig: »Ohne Verdienste kein spiritueller Fortschritt. Wer den ›Drei Juwelen‹ gibt und dem Guru dient, erlangt die meisten Verdienste.« In Bezug auf die NKT heißt das: Wer Geshe Kelsang und den NKT-Zentren Geld spendet, borgt oder für sie arbeitet (dient), der bekommt die meisten Verdienste und schnellen spirituellen Fortschritt. Dann wird betont: »Die Zeit, in der wir leben, ist so degeneriert, kaum noch jemand hat Vertrauen, es gibt kaum noch den reinen Dharma und heilige Wesen, aber wir in der NKT haben den reinen Dharma, wir haben eine ganz besondere Tradition, wir müssen zum Wohl der Wesen diesen besonders reinen Dharma verbreiten.« Im Mittelpunkt der Praxis steht eher das Verbreiten und Unterstützen der NKT, weniger die Entwicklung des eigenen Geistes. Broschüren, wie man sein Erbe der NKT zukommen lassen kann, liegen auch auf.

Ich bin problemlos eingetreten, und nur mit ganz großen Problemen kam ich wieder heraus. Es wird dort eine naive Variante des ›Guru Yoga‹ praktiziert, und es wird gesagt, wenn man seinen Wurzellama verlässt, wird man für lange Zeit in der Hölle wiedergeboren, und so kann man Geshe Kelsang und die NKT aus den im Inneren aufgebauten Ängsten nicht wieder verlassen. In der NKT gibt es nur einen Abt, einen Wurzellama, einen Buchautor und eine lebende Autorität: Geshe Kelsang Gyatso. Die Strukturen sind sektenhaft, in anderen Gruppen, die ich nach meinem Weggang kennen lernte, gibt es solche Strukturen nicht. So gut wie alle, die ich in der NKT kennen lernte, mit denen ich sprach oder in Kontakt kam, stehen dort unter Anspannung, sind verwirrt über den Dharma und glauben, der Dalai Lama zerstört den ›Reinen Dharma‹. Es gibt diesen überzogenen Glückskult. Alle wollen zeigen, sie sind glücklich, aber das ist nicht echt, kaum spricht man sie auf den Dalai Lama oder Dorje Shugden an, verlieren sie die Balance – bis dahin, dass sie ausfällig werden. Es gibt Fröhlichkeit und Harmonie nach außen und eine große innerliche Verwirrung. Das ist alles sehr subtil und schwer zu durchschauen.

Anfänglich haben mir die Strukturiertheit in der NKT und die systematische Präsentation der Bücher Geshe Kelsangs geholfen. Letztlich weiß man aber durch die subtilen Fehlauslegungen des Dharma nicht mehr, wo oben und unten ist. Wenn man etwas kritisiert oder Fehler sieht, sind das immer die eigenen Projektionen, die beruhen auf der eigenen ›Unreinheit‹. Wäre man ›rein‹, würde man die Fehler nicht sehen. Das ist sicher einer der besten ›Tricks‹ in der NKT. Wenn das nicht hilft, Kritik wegzureden, dann versucht man es mit einer Variante von Leerheits-Erklärungen, die nihilistisch ist: Alles ist leer, so ist der Fehler, den man sieht, nur der Fehler im Geist des Kritikers. Deshalb sehen manche Fehler und manche eben nicht.

Für mich entlarvte er sich als ›Alleinherrscher‹. In einer Auseinandersetzung, in der es darum ging, wer und was NKT überhaupt sei, antwortete er: »I. I am NKT!«

Ich denke, vor diesem Hintergrund ist es berechtigt, wenn ich bei der NKT von einer Sekte spreche.

Weitere Infos unter: www.buddhistische-sekten.de
Ungekürzter Bericht (Word Dokument, 50KB) hier.

 

 

 

NKT Demonstration 1998 vor dem Tempodrom Berlin

"Meine Tradition, mein Lehrer, mein Beschützer"

Interview mit N.N., einem ehemaligen Mitglied der Neuen Kadampa Tradition (NKT), das seinen Namen nicht nennen möchte.

U&W: Wie kamen Sie zur NKT?

N.N.: Ich war recht unbedarft, hatte einiges über Buddhismus gelesen und wollte die Praxis kennen lernen. Die NKT bringt gute Bücher heraus, und so fasste ich zunächst Vertrauen.

U&W: Was hat Sie dann gestört?

N.N.: Alles drehte sich um Geshe Kelsang Gyatso. In den Seminaren besprachen wir ausschließlich seine Bücher, die Mitglieder lasen nichts anderes, im ganzen Zentrum gab es keine andere Lektüre. Sie hüteten sich aber zu sagen: "Du sollst keine Bücher von anderen Meistern lesen", sondern es klang so: "Der ganze Dharma ist bei Geshe-la, da muss ich nichts anderes lesen." Andere Traditionen wurden ausgeklammert oder totgeschwiegen.

U&W: Welches Verhältnis besteht zum Dalai Lama?

N.N.: Im Zentrum gab es kein einziges Bild vom Dalai Lama (NKT ist aus der Gelug-Schule entstanden, zu der der Dalai Lama eine besondere Verbindung hat, Anm. d. Red.). Sie sagten nicht: "Stell’ kein Bild vom Dalai Lama auf", sondern: "Wir haben doch Geshe-la, wozu brauchen wir noch etwas anderes?" In den Veranstaltungspausen führten die Lehrer gezielt Einzelgespräche mit den Teilnehmern. Darin betonten sie die hohe Qualität der NKT, und häufig fielen die Worte "rein", "reine Lehre". Durch den Tunnelblick und die Fixierung auf "meine Tradition, meinen Lehrer, mein Dharma" wurde eigenes Denken unterdrückt. Das geschah wie von selbst, über Gruppendynamik und Selbstzensur, allerdings untermauert durch die Unterweisungen. Die Lehrer sagten: "Wenn ihr den Lehrer aufgebt, gebt ihr alle Buddhas auf." Die Konsequenz war, dass du deine Höllenexistenz quasi schon gebucht hattest, wenn nur der leiseste Zweifel an Geshe Kelsang Gyatso aufkam. So wurde der Dharma benutzt, um Ängste zu schüren und die Eigenverantwortung und Wahlfreiheit außer Kraft zu setzen. Es geschah nicht über flammende Reden oder plumpe Einschüchterungsversuche.

U&W: Wie war das Gemeinschaftsleben?

N.N.: Sehr intensiv. Die Schüler versammelten sich nicht nur regelmäßig im Zentrum, sondern trafen sich auch privat. Kontakte zu Leuten, die nicht NKT angehörten, wurden wenig gepflegt. Diskussionen fanden kaum statt. Wenn ich eine kritische Frage stellte, herrschte manchmal verständnisloses Schweigen. Die Mitglieder von NKT schienen nicht gern mit Andersdenkenden zusammenzutreffen. So erkläre ich mir auch, dass mein neu gewonnener »Freundeskreis« sich nach meinem Austritt sofort verabschiedete.

U&W: Welche Rolle spielte die Shugden-Praxis?

N.N.:  Sie war zentral, jede Woche gab es eine größere Shugden-Puja, an der die meisten teilnahmen. Viele wussten nicht, was dieser Kult bedeutet. Ich wurde wach, als der Dalai Lama öffentlich sagte, dass er die Praxis für schädlich hält. Als Reaktion wurde bei uns im Zentrum eine Shugden-Einweihung angeboten.

Der Shugden-Kult schuf eine beinahe unauflösliche Bindung an NKT und ist ein weiteres Instrument der Abgrenzung von jenen, die diesen Kult nicht ausüben. Man merkte am Anfang gar nicht, dass er zur Ausgrenzung anderer Lehrer und Traditionen, also in die Isolation führt.

U&W: Würden Sie NKT als eine Art Sekte innerhalb des Buddhismus bezeichnen?

N.N.: Vielleicht nicht als Sekte im herkömmlichen Sinn, wo es um Geld und Macht im weltlichen Sinne geht. Eher als sektiererisch, es mischte sich stark mit religiösem Eifer. Fast missionarisch hieß die Losung, alle Wesen aus dem Leiden zu befreien. Implizit ging man davon aus, dass nur die NKT im Besitz der rechten Mittel dazu war. Das schlug sich auch in einem gewissen Expansionsdrang nieder: NKT ist heute in allen großen deutschen Städten vertreten.

U&W: Wie wurde mit Kritik umgegangen?

N.N.: Durch das starke Sendungsbewusstsein wurde die ganze Kritik von außen gar nicht verstanden. Man deutete sie als Neid und Konkurrenzdenken der anderen. Angriffe von außen schweißten die Gemeinschaft in ihrem Ringen um den "wahren, reinen Dharma" noch mehr zusammen. Heute weiß ich: Wenn man sich auf das System NKT einlässt, nimmt man sich selbst die Freiheit, und das ist für mich das Gegenteil von dem, was der Buddha gelehrt hat.

 

Das Interview für U&W führte Birgit Stratmann
Sie ist freie Journalistin und arbeitet u.a. für die 
Zeitschrift "Tibet und Buddhismus".

 

 

Lama Dechen

Die ehemalige Leiterin des
Lehrerausbildungsprogrammes von NKT
Deutschland, heute:

Dechen (Carola Däumichen) war nach unseren Recherchen Anfang der 90er Jahre zu NKT gekommen und dort maßgeblich an den Demonstrationen gegen den Dalai Lama beteiligt. Sie ließ sich dann als Tulku (wiedergeborener Lama) anerkennen und eine Zeit lang ›Ihre Heiligkeit Lama Tenzin Sangmo Dechen Rinpoche‹ nennen. Dies dürfte unter anderem auch im Juli 2000 zum Ausschluss aus der NKT geführt haben. Danach hat sie eine eigene Gruppe gegründet, die ähnliche Strukturen und Mechanismen wie die NKT haben soll. Dort gibt es auch schon 20 westliche Ordinierte. Auf die Anfrage von U&W ist sie die Einzige, die nicht nur in negativer Weise über ihre Erfahrungen in der NKT berichtet:

»… Geshe Kelsang verfügte in der Satzung der NKT Restriktionen, die mit meinem Verständnis von freiheitlich-demokratischem Denken nicht vereinbar waren. Die Auseinandersetzung darüber führte letztendlich zu meinem Ausschluss. Wie die Erfahrungen waren? Ein Buddhist würde sagen, so wie ich sie verdient habe, nicht wahr? Geshe Kelsang gegenüber hatte ich viel Zuneigung im Herzen, diese Ressource gab mir die Kraft, meinen Weg nicht zu verlieren, nachdem mein buddhistisches Fundament heftig wackelte. Ich denke nach wie vor, dass dies so für mich bestimmt war und damit lebe ich heute recht ordentlich, selbst wenn diese Zeilen einen schmerzenden Punkt in meinem Geist aktivieren. Der Organisation und der Art und Weise von NKT gegenüber bin ich nach wie vor eher zurückhaltend eingestellt.

Mit besten Dharmagrüßen Lobsang Chöma Lama Dechen«

http://www.tashi-choeling.de

© Ursache und Wirkung, Nummer 56, Juni 2006.

Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von Peter Riedl.