Tibetischer Buddhismus im Westen

Fakten, Hintergründe, Standpunkte

 

Ist der Dalai Lama ein Nazifreund?
Die Protokolle der Weisen von München

von Helmut Clemens

TIBET-Forum Nr. 2/2000

(Anlaß war der Kongreß »Ganzheitlich und ohne Sorgen in die Republik von morgen«, der an der Uni München u.a. von Goldner organisiert wurde.)


Als hätten wir in diesem Land keine ernster zu nehmenden Probleme mit NS-Vergangenheit und Neonazismus, versucht eine Handvoll Unverdrossener, ausgerechnet den Dalai Lama und den tibetischen Buddhismus in eine geistige Nähe zum deutschen Alt- und Neofaschismus zu rücken. Es handelt sich namentlich um die Autoren zweier Bücher, das Ehepaar Herbert und Mariana Röttgen, Pseudonym: Viktor und Viktoria Trimondi (Der Schatten des Dalai Lama, Düsseldorf 1999) und den Psychologen Colin Goldner (Dalai Lama – Fall eines Gott­königs, Aschaffenburg 1999).

Die einen versuchen eine essentielle Verwandtschaft zwischen der Ideologie und den Menschen verachtenden Praktiken der Nazis und dem »Lamaismus« herzustellen, der andere stützt sich darüber hinaus auf eine Auswahl von Fakten, die er dann höchst eigenwillig interpretiert. Etwa, wenn er in der historisch unleugbaren Tatsache, daß braune Esoteriker sich für Tibet interessierten und daß Himmler eine Expedition des Zoologen Schäfer und des »Rasseforschers« Beger dorthin tatkräftig unterstützte und weitere plante, ein Indiz für eine Nazi-Tibet-Connection zu erkennen glaubt, um nur  e i n  Beispiel zu nennen. Daß das Interesse einseitig war und daß es für die Einreiseerlaubnis der Himmler-Protegés englischer Vermittlung bedurfte, ficht ihn nicht an. Es genügt, daß die SS-Mannen 1939 vom Reting Rinpoche, dem damaligen Regenten in Lhasa, empfangen wurden und daß dieser ihnen ihre Bitte um eine freundschaftliche Adresse an ihr Staatsoberhaupt nicht abschlug, das damals, wie man weiß, Hitler hieß.

Jedem vernünftigen Menschen stellt sich hier die Frage: Wieviel konnten die Verantwortlichen im fernen, abgeschotteten Tibet wohl über die Verbrechen der Machthaber im Vorkriegsdeutschland, über deren Ideologie und Ziele wissen?

Der Dalai Lama war in jenen Tagen noch keine vier Jahre alt und noch nicht in Lhasa. Seine NS-Verbindung muß also jüngeren Datums sein. Aber gab es da nicht die beiden Österreicher Aufschnaiter und Harrer, mit denen er es später als Halbwüchsiger und als junger Mann zu tun hatte?

Das waren in der Tat Nazis – der eine NSDAP-Mitglied, der andere SS-Unterführer –, doch hatte ihre Organisationszugehörigkeit nichts mit ihrem Aufenthalt in Tibet zu tun. Sie hatten dort keinen wie immer gearteten Auftrag. Auch waren sie keine Fanatiker. Daß sie ihren anfänglichen Plan, sich nach gelungener Flucht aus dem britischen Internierungslager in Indien zu den Japanern durchzuschlagen und mit deren Hilfe nach Großdeutschland zurückzukehren, später aufgaben und sich statt dessen nach Tibet absetzten, dürfte eher dem Beginn eines politischen Umdenkens geschuldet sein. Denn unter NS-Gesichtspunkten entzogen sie sich der Wehrpflicht, das war in Kriegszeiten Desertion.

Von keinem der beiden hat man später je eine faschistoide Äußerung vernommen. Aufschnaiter hat bis an sein Lebensende Exiltibetern in Nepal Entwicklungshilfe geleistet, und auf seine Weise setzt Harrer sich bis heute für Tibet ein. Wenn der Dalai Lama immer noch mit ihm Kontakt hat, dann ist das wahrhaftig kein Indiz für die unterstellte Nazi-Tibet-Connection. Auch daß er Schäfer und Beger später empfing, offenbart keine Sympathie zur SS oder zum Rassenwahn. Von einem Gespür für den rechten Umgang zeugt es freilich auch nicht und erst recht nicht von einem guten Beraterstab.

Natürlich laden solche Ungeschicklichkeiten die andere Seite zu Schlägen unter die Gürtellinie ein. Auch die Treffen mit dem chilenischen Fascho-Esoteriker Serrano oder dem Japaner Shoko Asahara sind hier zu nennen. Sie gelten denen, die dem prominenten Mönch an der Robe flicken möchten, als Beleg für dessen innere Verbundenheit mit dem Faschismus (Serrano) und für den Anspruch des tibetischen Buddhismus auf Weltherrschaft (Asahara).

Zwar hat sich der Japaner bei dem Tibeter nicht als künftiger Schreibtischverbrecher geoutet, sondern er verstand es, mit Kenntnissen in der Philosophie des Mahayana-Buddhismus zu beeindrucken. Doch bei jemandem wie Goldner wird daraus eine »enorme Wirkkraft auf den Dalai Lama«, der den U-Bahn-Mörder in der Folge beauftragt habe, den »wirklichen Buddhismus« in Japan zu verbreiten (S. 219 a.a.O.): »Du kannst das gut. Wenn du dies tust, wäre ich sehr erfreut, und es würde mir in meiner Mission helfen.«  Quelle: Shoko Asahara. Und was der unter »wirklichem Buddhismus« versteht, weiß die Welt ja inzwischen.

Was soll also der geneigte Leser, dem die Quelle nicht zu trüb ist, daraus schließen? Man muß diese Methode nur konsequent anwenden, es wird schon etwas hängen bleiben. Um so mehr, als wir seit Röttgen/Trimondi auch über die »Mission« des Dalai Lama im Bilde sind, die kein geringeres Ziel haben soll als die Weltherrschaft und zwar in der finstersten Form des tibetischen Buddhismus von vorgestern. Eine andere nehmen die beiden ehemaligen Dalai-Lama-Verehrer erst garnicht zur Kenntnis. Tibetischer Buddhismus, das ist für sie Tantrismus mit den vulgärsten Implikationen. Ihr Ansatzpunkt ist innerreligiös, wobei man den Eindruck gewinnt, daß sie selbst die bösen Geister und Dämonen des Tantrismus für existent halten.

Goldner hingegen, der in seinem eigentlichen Beruf als klinischer Psychologe durchaus ernst zu nehmen sein mag,  kommt  als Dalai-Lama-Kritiker von einer fundamentalistisch-anti­religiösen Position, wie sie etwa der Internationale Bund der Konfessionslosen und AtheistInnen und Teile des Deutschen Freidenker-Verbandes, dem er nahesteht, vertreten. So unterschiedlich ihre Denktunnel auch sind, alle drei eint, wo es um Tibet und den Dalai Lama geht, die fragwürdige Methodik, die Neigung zu Totschlagargumenten, das Verwechseln von wissenschaftlichem Arbeiten mit dem Verifizieren eigener Vorurteile. Wo immer sich eine Gelegenheit bietet, sind sie mit missionarischem Eifer zur Stelle, nicht nur im Internet.

So machten sie mobil, als die Münchener SPD Mitte Mai zu einem Podiumsgespräch zwischen dem Dalai Lama und Innen­minister Schily vor 6000 Menschen einlud. Redaktionen wurde Material angedient, die Sozialdemokraten an ihre grosse Geschichte und das rationale politische Denken ihrer Partei gemahnt, als gehe es bei einer Diskussion mit dem Friedensnobelpreisträger um eine Propagandaveranstaltung für irrationalen Hokuspokus.

Ob die SPD eigentlich wisse, »welchen Wechselbalg sie sich eingeladen hat?« fragte der Deutsche Freidenker-Verband  in einem Pamphlet. Hinter der Fassade von Gewaltfreiheit, Ökologiebewußtsein und Spiritualität verberge sich nämlich die Geschichte des Lamaismus mit Gewalt, Unterdrückung, Kindesmißbrauch und Frauenfeindlichkeit. Die Weisheiten des »smarten« Dalai Lama, so die Schmähschrift, entlarvten sich als Allgemeinplätze mit teilweise rechtslastigem Einschlag. Das alles habe der »Münchener Wissenschaftsjournalist« Colin Goldner »in einer gründlich recherchierten Studie« dokumentiert. »Soll wirklich ein ›Gott-König‹ Leitfigur für sozialdemokratische Perspektiven sein?« sorgt sich der Verfasser, über dessen Identität Stilanalytiker ihre Vermutungen haben mögen; und habe die SPD vergessen, »daß bei aller zu Recht beklagten Unterdrückung Tibets durch China die tibetische Kultur aus einer Religion hervorgeht, die noch sehr viel brutaler war?«

An den Münchener Ortsverein des Verbands sei die Frage erlaubt: Wäre, wie hier postuliert, die dunkle Vergangenheit von Religionsgemeinschaften das Kriterium für den Umgang mit ihren heutigen Vertretern, wieviele Mitglieder, die sich zum Christentum bekennen oder gar christliche Pastoren sind,  müßte dann die SPD aus ihren Reihen ausschließen? Oder ist nicht auch der Weg in die christliche Kultur von Leichen und Folteropfern gesäumt?

Gewiß, in Tibet war das Mittelalter länger lebendig als im Westen, bis ins vergangene Jahrhundert sogar. Doch warum unterschlägt man, daß dieser Dalai Lama schon als junger Mann zu erkennen gab, daß er die damalige tibetische Gesellschaft – wie übrigens schon sein Vorgänger, der 13. Titelträger – für dringend reformbedürftig hielt? Gibt es irgendwo einen Hinweis darauf, daß er im Fall einer Rückkehr die alten Strukturen restaurieren will, wovon ein zu vernachlässigendes Häuflein tibetischer Reaktionäre ja vielleicht träumen mag? 

München war in diesem Sommer ein wahres Dorado für das Fähnlein der Aufrechten, die sich das hehre Ziel gesetzt haben, die Welt vor dem Dalai Lama und vor dem tibetischen Buddhismus zu warnen. Im Juli warb der AStA der Ludwig-Maximilians-Universität für einen Kongreß über Irrationalismus, Esoterik und Antisemitismus. Versprach noch der Titel »Ganzheitlich und ohne Sorgen in die Republik von morgen« interessante und notwendige Aufklärungsarbeit, (die auch in der Tat ein Stück weit geleistet wurde), so verriet die Auswahl der auf dem Werbeposter abgebildeten Repräsentanten für Antisemitismus, Esoterik und Irrationalismus den Einfluß unschwer zu erkennender Kreise. Während man bei den Konterfeis der Esoteriker und Nationalisten noch rätseln mußte, um wen es sich eigentlich handelte – den neurechten Esoteriker Rainer Langhans, den New Age-Propheten Fritjof Capra und den Literaten Martin Walser, der übrigens trotz seiner peinlichen Paulskirchen-Rede in diese Gesellschaft ebenfalls nicht gehört –, sprangen zwei bekannte Köpfe dominant und aufdringlich ins Auge: der von Hitler und der des Dalai Lama. Unwissenheit? Absicht? Geschmacklosigkeit? Letzteres ohne jeden Zweifel.

Die Röttgens, die seit Erscheinen ihres Buchs eine hemmungslose Multiplikation ihrer Verstiegenheiten via Internet betreiben, wo sie sich auf kleinkarierte Weise mit jedem Kritiker herumstreiten, sie konnten auch hier die Tinte nicht halten und gaben am Tag des Veranstaltungbeginns unter dem Titel Die Nazi-Tibet-Connection eine Presseerklärung heraus. Zwar sei umstritten, »wie groß der Einfluß lamaistischer Ideen, Mythen und religiöser Praktiken auf die neofaschistische Ideologie war und ist«, schreiben sie darin, um sodann in schöner Bescheidenheit und in der dritten Person fortzufahren: »Die Bücher von V. und V. Trimondi (…) und Colin Goldner (…) haben jedoch gezeigt, daß die Nazi-Tibet-Connection ernst zu nehmen ist und daß es über die besagten Kontakte zwischen dem Dalai Lama und den Faschisten ideologische, mythologische und ritualistische Parallelen zwischen den beiden Kulturströmungen gibt.«

Das ist ein Argumentationsniveau, als würden Antisemiten, die die erfundenen »Protokolle der Weisen von Zion« für echt halten, aus deren haarsträubenden Unterstellungen von Ritualmord über sexuelle Perversionen bis zu Weltherrschaftsgelüsten eine Verwandtschaft von Judentum und »Lamaismus« herleiten. 

Der Einfluß »lamaistischer« Ideen, Mythen und Praktiken auf die neofaschistische Ideologie! Ist am Ende die Hitlerei garnicht auf genuin deutschem Boden gewachsen? Oder waren es nicht doch in erster Linie bodenständige wirtschaftliche und soziologische Ursachen, die, verbunden mit abstrusen nationalistischen Vorstellungen und  Rasseidiotien, den Nazismus hervorgebracht haben? Daß außerdem Okkultisten und Esoteriker den Hang einflußreicher brauner Ideologen zum Irrationalen bedienen durften, was können die Tibeter mit ihrer Religion dafür! Was hat die alte tibetische Legende von Shambha-La mit dem Shambha-La-Unfug der Nazis zu tun? Weder Agharta noch Atlantis oder Thule kommen darin vor, geschweige denn der Mumpitz von den »Wurzelrassen« der Helena Petrovna Blavatskaja.

Es war sie, die Begründerin der Theosophie im 19. Jahrhundert, die Shambha-La zu einem geheimnisvollen Land  stilisierte, in welchem die versprengten Nachfahren einer untergegangenen Atlantis- oder Thule-Kultur auf ihre Stunde warten, um die Menschheit mit der Weltherrschaft der wertvollsten der fünf »Wurzelrassen«, nämlich der weißen zu beglücken. Wo in aller Welt gibt es in diesem von Himmler und seinen Ahnenerbe-Forschern geglaubten Tinnef außer der geografischen Verortung eine Verbindung zu Tibet?

Wie so vieles hat auch dieser Nonsens das Dritte Reich überdauert. Von Thule über die Schwarze Sonne bis Shambha-La wabert alles weiter und überschwemmt den esoterischen Büchermarkt. Wen wundert das in einem Land, in welchem, um mit Zuckmeyer zu sprechen, die Gruppe derer, die den Unterleib voller Metaphysik und das Gehirn voller Darmgase haben, schon immer größer war als anderwärts. Esoteriker und Okkultisten, es gibt sie in der Tat unter den Neofaschisten. 

Der Mehrheit der harmlosen Esoteriker und New-Age-Gläubigen täte man allerdings Unrecht, würde man sie als Neofaschisten stigmatisieren. Allein, von Tibet fühlen sich von diesen nicht wenige angezogen. Sie machen es zur Projektionsfläche eigener Sinnsuche und sind bereit, alles für bare Münze zu nehmen, wenn es nur mit einem tibetischen Anstrich daher kommt oder gar von rotgewandeten Gurus verkündet wird. Ein junger Autor aus Tübingen charakterisierte sie kürzlich mit der Pointe: »Wäre der Weihnachtsmann Tibeter, sie würden wieder an ihn glauben« (Marcus Hammerschmitt, Instant Nirvana, Berlin 1999). Da ihnen aber der Weihnachtsmann auch in einer tibetischen Variante noch nicht begegnet ist, halten sie sich an den real existierenden Dalai Lama. Er ist für sie eine Kultfigur. Gegen die Zuneigung dieser Bewunderer kann er sich nicht wehren; er mag sich lediglich mit der Gewißheit trösten, daß Idole austauschbar sind und auch ausgetauscht werden.

Auch die Tibet-Unterstützungsgruppen sind vor diesen Schwärmern nicht sicher. Sie können Beitrittswillige schließlich keinem Rationalitäts-Test unterwerfen. Doch zeigt die Erfahrung, daß die Exemplare dieser Spezies in der Regel bald wieder abdriften, weil sie zu politischem Denken keinen Zugang haben.

Und die Tibet-Sympathisanten unter den Neonazis? Auch sie gibt es und nicht nur unter den Shambha-La-Spinnern sondern sogar auch unter den Vertretern des politischen Rechtsextremismus. Die sehen Tibet unter einem nationalistisch-antikommunistischen Raster.

So wurden beispielsweise 1998 bei Veranstaltungen mit dem Dalai Lama in Osnabrück und in Schneverdingen Aufkleber verteilt, auf denen neben einem Bild des tibetischen Oberhaupts groß und in Fettdruck Demokratie für China – Freiheit für Tibet stand und darunter, etwas kleiner: Die Deutschen Konservativen e.V. samt Postfach-Adresse. Der Dalai Lama, von rechten Rattenfängern als Blickfang in Dienst genommen!

Denn welcher schlichte Konservative, der sich vielleicht informieren möchte, ahnt, daß es sich hier um einen erzreaktionären Verein handelt, der 1995 vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft wurde und dessen führende Köpfe der wegen rassistischer Verunglimpfungen rechtmäßig verurteilte Volksverhetzer Joachim Siegerist und der CDU-Rechtsausleger und frühere Berliner Innensenator Heinrich Lummer sind.

Auf die mehrmalige Nachfrage des TIBET-Forum nach den konkreten Motiven seines Tibet-Engagements blieb der Verein die Antwort schuldig, schickte aber dreist neofaschistischen Propagandaschrott und deutschtümelnde Spendenaufrufe für die »nationale Sache«, bis schließlich die  Annahme  der Sendungen verweigert wurde.

Jedem sein Tibet! Wer über das einschlägige Vorurteil verfügt, mag ja auch hier eine Nazi-Tibet-Connection am Werke sehen.

Autor & Copyrights

HELMUT CLEMENS (1928–2005) war Rundfunk- und Fernsehjournalist und lange Jahre ARD-Korrespondent in Osteuropa.

© Monika Deimann-Clemens und Tibet-Forum

Online-Veröffentlichung mit freundlicher Erlaubnis von Monika Deimann-Clemens. Der Beitrag erschien in TIBET-Forum Nr. 2/2000.