Tibetischer Buddhismus im Westen

Fakten, Hintergründe, Standpunkte

 

Die Rime-Bewegung

von Jürgen Manshardt

Rime ist die im 19. Jahrhundert einsetzende Renaissance-Bewegung innerhalb des tibetischen Buddhismus, die vor allem in Kham, Osttibet, ihren Ausgang nahm und dort auch zu großem Einfluss und hoher Blüte gelangte. Diese Bewegung ist keinesfalls abgeschlossen, sondern findet weiterhin herausragende Vertreter, unter denen S.H. der 14. Dalai Lama sicherlich der prominenteste ist.

Alle Traditionen des tibetischen Buddhismus sind authentisch und vollständig in dem Sinne, dass sie die Methoden, den Segen und die Erkenntnisse in sich tragen, die nötig sind, um vollständige Erleuchtung zu erlangen. Die Methoden mögen unterschiedlich sein, aber die Sichtweise und die entsprechenden Verwirklichungen gleichen sich.

Rime ist eine traditionsübergreifende Erneuerungsbewegung, die einende Elemente der buddhistischen Traditionen Tibets betont.

Ornament

Oberflächlich betrachtet, kann man den Eindruck gewinnen, alle vier tibetisch-buddhistischen Schulen – Nyingma, Kagyü, Sakya und Gelug, wie in den letzten vier Heften vorgestellt – stimmten in allen wesentlichen Grundsätzen und Lehren überein. All diese Schulen basieren auf den authentischen Lehren des Buddha, der Vereinigung von Lehren des Hīnayāna, allgemeinen Mahāyāna und Tantrayāna, auf der Mahāyāna-Motivation des Erleuchtungsgeistes (Skt.: bodhicitta) und halten die Philosophie der Prāsaṅgika-Mādhyamika für die höchste.

In der historischen Realität sah es jedoch vielfach anders aus. In Tibet war die Entwicklung des Buddhismus stets mit weltlichen Herrschern, Königen und Dynastien verbunden. Es gab keine Trennung von Religion und weltlicher Macht. Dies führte oft zu Überlagerungen von feudalen machtpolitischen mit religiös-spirituellen Interessen, vergleichbar mit dem christlichen Europa im Mittelalter.

Jede der tibetischen Schulen war im Laufe der Jahrhunderte aufgrund der Förderung und Begünstigung durch die jeweiligen Machthaber zumindest regional zeitweilig dominant. Diesen Einfluss haben sie auch genutzt, um ihre eigene Tradition zu festigen, durch Neugründungen von Klöstern etc. zu erweitern und – nicht selten auf Kosten der übrigen Schulen – ihre Dominanz durchzusetzen. Besonders in Zeiten von Machtverschiebung hat die jeweils vorherrschende Schule eine oder mehrere der anderen konkurrierenden Schulen verdrängt und dabei nicht selten deren Klöster ‚zwangsbekehrt‘ oder gar zerstört.

So sind über die Jahrhunderte zum Teil starke Animositäten zwischen den einzelnen Schulen entstanden, die bis heute oft weitgehend voneinander isoliert und mit vielen Vorurteilen und Unkenntnis belastet bleiben. Dies geht manchmal so weit, dass die eigenen Dharma-Beschützer nicht nur angerufen werden, um die Dharma-Lehren zu schützen, sondern auch, um die Lehren und Beschützer der als antagonistisch empfundenen anderen Tradition abzuwehren bzw. zu bezwingen. Eine besondere Diskrepanz und Animosität hat sich zwischen der Nyingma- und Kagyü-Tradition auf der einen Seite und der Gelug-Schule auf der anderen Seite aufgetan.

Rime – die Gegenbewegung zum Sektierertum

Im letzten Jahrhundert, sogar noch nach dem Einmarsch der Chinesen, gab es radikale, bisweilen gewalttätige Übergriffe von einzelnen fundamentalistischen Gelug-Anhängern und Schülern des Meisters Phabongkha Rinpoche (1878–1941), der auch den Dorje Shugden-(Dholgyal)-Kult stark propagierte. Besonders in Osttibet, wo die Nyingma-Tradition dominierte, wurden Statuen von Guru Padmasambhava zerstört, Lamas und Mönche anderer Traditionen attackiert sowie Nyingma-Schriften vernichtet.¹ Teilweise wurden auch Nyingma-Klöster besetzt und unter Zwang zu Gelug-Einrichtungen ‚bekehrt’. Dies geschah in der Überzeugung, die ‚reine Lehre‘ von Tsongkhapa müsse gegenüber anderen Lehren ‚geschützt’ werden.²

Ein anderes unrühmliches Kapitel der tibetischen Historie ist die Unterdrückung der den Sakya-Orden nahe stehenden Jonang-Schule. Inhaltlich durch Tsongkhapa, dem Begründer der Gelug-Tradition, stark kritisiert, wurde sie erst durch den 5. Dalai Lama und seine Gelug-Anhänger ab dem 17. Jahrhundert vehement unterdrückt. Hier spielten auch handfeste machtpolitische Interessen eine Rolle.

Alle Jonangpa-Klöster innerhalb des Machtbereiches des 5. Dalai Lama wurden geschlossen bzw. zu Gelugpa-Einrichtungen umgewandelt. Ihre Schriften wurden verboten und die entsprechenden Druckstöcke konfisziert und versiegelt. In der Folgezeit konnten sich die Jonangpas nur in abgelegenen Regionen wie dem südlichen Amdo behaupten.

Eine konkrete Auswirkung der hier skizzierten sektiererischen Haltung bestand darin, dass viele Praxisanweisungen, Überlieferungen, Terma und Initiationen Gefahr liefen, verloren zu gehen. Das Sektierertum stiftete nicht nur spirituellen Unfrieden, sondern förderte extreme Sicht- und Vorgehensweisen.

Was heißt Rime?

Das tibetische Wort „Rime” setzt sich aus zwei Silben zusammen:
‚Ri‘ kommt u.a. in dem geläufigen Begriff Tschog-ri vor, den man mit ‚einseitig‘, ‚sektiererisch‘ oder ‚parteiisch‘ und in der Substantivform mit ‚Voreingenommenheit‘, ‚Vorurteil‘, ‚Sekte‘ übersetzen kann. Ri für sich genommen heißt so viel wie ‚Teil‘, ‚Sektion‘, ‚Unterteilung‘.
‚Me‘ ist ein Verneinungspartikel und kann als ‚nicht‘ bzw. ‚ohne‘ übersetzt werden.

Rime bedeutet also: unparteiisch, vorurteilsfrei, nicht einseitig, ohne Unterscheidung und nicht sektiererisch.

Dege, ein Königreich in Kham, Osttibet, war im 19. Jahrhundert der Mittel- und Ausgangspunkt der Rime-Bewegung. Seine lokalen Herrscher bzw. Könige standen nur selten unter dem direkten Einfluss der von den Gelugpa dominierten tibetischen Zentralregierung, somit waren die Bedingungen für die Rime-Bewegung günstig. Berühmt ist die umfangreiche Bibliothek mit der renommierten Druckerei, eine der bedeutendsten und größten in ganz Tibet, die im Dege Göntschen-Kloster beheimatet ist.

Das Könighaus Dege trat als einflussreicher Förderer der Rime-Bewegung und herausragender Rime-Meister wie Jamyang Khyentse Wangpo und später Khunu Lama Tenzin Gyaltsen auf. Zusammen mit Chogyur (Detschen) Lingpa (1829–1870), Mipham Rinpoche (1846–1912) und einigen anderen großen Meistern wie Dza Patrül Rinpoche (1808–1897), seinem direkten Schüler Khenpo Shenga, Adzom Drugpa u.a. setzten Jamyang Khyentse und Jamgön Kongtrül die Bewegung in Gang, die später als Rime bekannt wurde und eine kulturelle und spirituelle Renaissance in Osttibet einleitete.

Jamgön Kongtrül Lodrö Thaye:
Ein Begründer von Rime

Jamgon Kongtrul Lodro Thaye
© Chris Banigan

Eine besondere spirituelle Schulung erhielt Jamgön Kongtrül Rinpoche (1813–1899) in jungen Jahren in der Bön- sowie später in der Nyingma- und Khagyü-Tradition. Bereits mit 30 Jahren hatte er Lehren und Initiationen von mehr als 60 Meistern aus allen Traditionen erhalten. Kongtrül Rinpoche wurde als Gelehrter, verwirklichter Meister, Arzt, Sanskrit-Kundiger geschätzt.

Kongtrül Rinpoche war der produktivste Autor seiner Zeit und zugleich ein bedeutender Tertön, der spirituelle verborgene Lehren (tib. „terma”) offenbarte. Er führte sehr viele Klausuren durch und lebte meist bescheiden in einer Hütte an dem heiligen Ort Künsang Ösel Ling nahe des Pälpung-Klosters. Kongtrül Rinpoche zeigte eine vollkommene Harmonie zwischen einem kontemplativen und aktiven Leben, zwischen Studieren, Schreiben, Lehren und Meditation.

1839 traf er zum ersten Mal Jamyang Khyentse Wangpo, den zweiten Hauptinitiator der Rime-Bewegung. Beide wurden sehr enge Vertraute und einander Schüler wie Lehrer. Kongtrül Rinpoche studierte nicht nur alle acht Praxis-Traditionen, sondern verwirklichte sie allesamt und sammelte sein beinahe enzyklopädisches Wissen in dem berühmten Werk Fünf Schatzhäuser, das für die Rime-Bewegung wohl das wichtigste Kompendium darstellt.

Dabei hatten diese herausragenden Meister sicherlich nicht im Sinn, eine neue Tradition oder eine alle Traditionen vereinheitlichende Bewegung zu begründen. Ihr Ansatz war durch Offenheit, Wertschätzung und tiefe Kenntnis der anderen Schulrichtungen gekennzeichnet sowie durch ihr Bemühen, sektiererische Tendenzen zu überwinden und eine gute Beziehung der Traditionen untereinander zu fördern. Den Rime-Meistern ging es um die Bewahrung und Wertschätzung der spezifischen Lehren einer jeden Tradition. In dem Bemühen, dies zu gewährleisten, strebten sie u.a. einen Dialog und eine Zusammenarbeit von Meistern aller Traditionen an.

Obwohl Rime als traditionsübergreifende Bewegung zu verstehen ist, muss man jedoch anmerken, dass sie kaum von den Gelugpas mitgetragen wurde. So blieb die Rime-Bewegung weitgehend auf Osttibet und die dort dominanten Nyingma-, Khagyü-, sowie Sakya- und einige Bönpo-Lamas beschränkt.

Hinzu kommt – und dies darf man bei der Beurteilung der Rime-Bewegung nicht verschweigen –, dass bei vielen ihrer Anhänger und Förderer politische Gesichtspunkte eine Rolle spielten. Auch die Jahrhunderte alte Uneinigkeit zwischen Zentraltibet und Osttibet ist in diesem Zusammenhang zu nennen. Die Osttibeter standen den zentralistischen Avancen Lhasas mit Misstrauen gegenüber und wollten eine Gegenkraft schaffen.

Zudem richteten die Rime-Meister ihre Hauptaufmerksamkeit auf die Nyingma-Lehren, insbesondere auf Dsogtschen, die Lehren der ‚Großen Vollendung’, da seit der zweiten Verbreitung der Lehren in Tibet besonders die Nyingma-Schule unterdrückt wurde. Dieser Schwerpunkt der Bewegung missfiel vielen Gelug-Lamas. Umgekehrt zeigten die Rime-Meister eine große Wertschätzung für den Meister Tsongkhapa und seine Lehren.

„Die Erleuchteten respektieren selbst alle Traditionen der Lehre. Wenn wir nicht das Gleiche tun, bedeutet das, alle Buddhas herabzuwürdigen." – S.H. der Dalai Lama.

Merkmale, Grundlagen und Lehren von Rime

Rime ist keine eigene Schulrichtung bzw. Tradition. Auch ist Rime als nicht-sektiererischer Ansatz historisch nichts Neues, sondern bildet seit jeher einen integralen Bestandteil der buddhistischen Lehre. Schon der historische Buddha hatte eine Vielzahl von variierenden Wegen und Sichtweisen gelehrt und seine Schüler dazu angehalten, auch die Lehrer und Lehren von Nicht-Buddhisten nicht herabzuwürdigen. Trotz dieser allgemein buddhistischen Grundsätze stellt Rime als eine klar umrissene Initiative und Renaissance-Bewegung des 19. und 20. Jahrhunderts ein Novum in Tibet dar.

„Rime ist keine eigene Schulrichtung oder Tradition. Der Rime-Ansatz ist durch Offenheit, Wertschätzung und Kenntnis der Traditionen gekennzeichnet und richtet sich gegen Sektierertum." – S.H. der Dalai Lama.

Die Rime-Lamas akzeptierten grundsätzlich, dass es entsprechend den unterschiedlichen Veranlagungen und Fähigkeiten auch eine Vielzahl an spirituellen Pfaden und Lehren geben müsse. Schließlich kann eine einzige Medizin niemals alle Krankheiten heilen. Im tibetischen Buddhismus fin-den wir immer wieder Vertreter dieser grundlegend toleranten und nichtsektiererischen Haltung. So schreibt der jetzige Dalai Lama in einem Vorwort über den 2. Dalai Lama, der von 1475 bis 1542 lebte³:

„Die nichtsektiererische Haltung des Zweiten Dalai Lama ist eines seiner bestimmenden Merkmale und spiegelt sich in seinen Schriften wie in seiner Spiritualität. Hier soll betont werden, dass Parteilichkeit im Sinne einer ausschließlichen theoretischen und praktischen Beschäftigung mit einer bestimmten Schule nicht unbedingt negativ zu bewerten ist. Es ist besser, eine Tradition gut zu kennen als mehrere nur bruchstückhaft. Negativ wird Parteilichkeit dann, wenn man einer Tradition folgt und auf die anderen herabsieht.”

Jamyang Khyentse Wangpo:
Ein Begründer von Rime

Jamgon Kongtrul Lodro Thaye
© HAR

Jamyang Khyenste Wangpo Rinpoche (1820–1892) wird von vielen als einer der größten Meister und Tertöns des vorletzten Jahrhunderts verehrt. Seit frühester Jugend hatte er verschiedene Visionen und Erinnerungen an seine früheren Leben. Mit unvergleichlicher Intelligenz begabt studierte er die verschiedensten Wissensgebiete und buddhistischen Sūtra- und Tantra-Lehren bei annähernd 150 Meistern aller Traditionen und nahm mit 21 Jahren die volle Mönchsordination an.

Er studierte und erhielt die Übertragungen zu etwa 700 Werken, welche sämtliche philosophischen Systeme des Buddhismus umfassten. Durch seine intensive Meditations-Praxis gewann er höchste Einsichten. Später lehrte er ganz in Rime-Art und verfasste zahlreiche Schriften, die annähernd 40 Bände füllten. Zudem sorgte er sich auch um die Wiederherstellung von gefährdeten Klöstern und Schreinen. Khyentse Rinpoche war zudem ein großer Tertön, der viele verschiedene Arten von Geistesschätzen (Terma) offenbarte. So war er beispielsweise in der Lage durch ‚Klare Visionen’ die acht Praxislinien direkt zu empfangen.

Jamyang Khyentse war nicht nur geistiger Urvater und einer der drei Hauptinitiatoren der Rime-Bewegung, sondern auch die Personifizierung des Ideals, dass man möglichst alle Lehren sämtlicher Traditionen meistern sollte, um sie entsprechend den Veranlagungen und Fähigkeiten jedes einzelnen Schülers darbieten zu können. Viele seiner späteren Inkarnationen wie Jamyang Khyentse Chökyi Lodrö (1896–1969) und Dilgo Khyentse Rinpoche (1910–1991) waren herausragende Meister, die die Rime-Bewegung weiterführten.

Rime strebt keine Vermischung der Traditionen an oder eine Art Einheits-Buddhismus. Rime vereint nicht die übereinstimmenden Elemente der Traditionen zu einer neuen Lehre oder Schule. Im Gegenteil, die Begründer von Rime vertraten den Grundsatz, dass man seine eigene Tradition beibehalten, gründlich studieren und praktizieren solle, und lehnten Missionierung und Bekehrung ab. Entsprechend großen Wert legten sie auf die Erhaltung, Erforschung und ggf. Wiederbelebung der einzelnen Überlieferungen.

Sie initiierten jedoch eine Erneuerungsbewegung, die besonders die verbindenden anstatt trennenden Elemente der bereits bestehenden buddhistischen Überlieferungslinien und Traditionen in den Vordergrund rückte und vertraten einen eklektischen wie ‚ökumenischen’ Ansatz, der auch die Gesamtschau der buddhistischen wie auch bestimmter Bön-Lehren beinhaltete.

So gilt als einer der ersten greifbaren Erfolge der Rime-Bewegung, dass 1874 einige Rime-Lamas, unter ihnen eine hohe Inkarnation des Klosters Shalu, die Freigabe der seit 1650 konfiszierten Druckstöcke der Jonangpa-Schule erwirkten, was eine regionale Wiedererstarkung der Jonang-Tradition mitsamt einigen Klosterneugründungen zur Folge hatte.

Die herausragenden Rime-Meister waren darauf bedacht, die Ursprünge und Quellen der Lehren präzise zu studieren, weshalb sie u.a. auch großes Gewicht auf das Studium von Sanskrit und tibetischer Grammatik (aber auch Poesie) legten. Beispielsweise ging es Kongtrül Rinpoche und Jamyang Khyentse Wangpo als Sanskrit-Gelehrten u.a. darum, die Authentizität der Nyingma-Tantras nachzuweisen. Die Authentizität dieser Tantras wurde (und wird weiterhin) von einigen Gelehrten angezweifelt, was dazu führte, dass diese Tantras nicht in die frühen Versionen des Khangyur, dem tibetischen Kompendium der Werke großer indischer Meister, aufgenommen wurden. Vor allem Kongtrül Rinpoche konnte viele Sanskrit-Originale und damit die Authentizität der frühen Tantras nachweisen.

Da zu jener Zeit bereits viele Übertragungen und Lehren fast verschwunden oder zumindest degeneriert waren, beschränkten sich die Initiatoren der Rime-Bewegung nicht auf das Sammeln von Lehren, sondern es ging ihnen u.a. um das Bewahren dieser Lehren und ihrer mündlichen wie schriftlichen Kommentare. Zudem setzten sie sich für die Verbreitung und Anwendung aller Praxis-Linien ein.

Die Rime-Meister sahen im Sektierertum eine große Gefahr für den gesamten Buddha-Dharma in Tibet, aber auch für jeden Einzelnen, der fundamentalistischen Tendenzen folgt, weil diese ungemein destruktive Kräfte erzeugen und ein rechtes Verständnis der Essenz der Lehre verhindern. Jamgön Kongtrül war davon überzeugt, dass jene mit sektiererischer Sichtweise nicht einmal die eigene Tradition aufrechterhalten können.

Danach kann man den Dharma nur richtig verstehen und anwenden, wenn man, 1. erkennt, dass die Lehren nicht im Widerspruch zueinander stehen; 2. begreift, alle Lehren als persönliche Anweisungen zu verstehen und 3. die eigentliche Intention des Buddha versteht. Nur so lässt sich das karmisch äußerst schwerwiegende Vergehen des ‚Aufgebens des Dharma’ verhindern. Denn wenn man nur eine einzige Lehre missachtet und als irrrelevant oder gar falsch deklariert, würde man dadurch sämtliche anderen Lehren missverstehen und in gewisser Weise ‚aufgeben’.

Zudem gefährdet Sektierertum die Harmonie in der Gemeinschaft der buddhistischen Praktizierenden. Sektierertum kann zur Spaltung des Saṅgha führen, was eine verheerende Wirkung auf die Gesamtentwicklung des Buddhismus als auch auf den Verursacher dieser Spaltung hätte.

Die Rime-Bewegung gewann mit der Zeit immer mehr Einfluss, Förderer und Anhänger, hatte aber keine eigenen Klöster oder Einrichtungen. Sie bildete eher eine Reformbewegung, die von einzelnen großen Meistern getragen wurde. Allgemein gibt und gab es nur sehr wenige Tempel bzw. Klosteranlagen in Tibet, die Einrichtungen und Mönche verschiedener buddhistischer Traditionen beherbergten.

Das Pälkhor Tschöde-Kloster in Gyantse mit dem berühmten Kumbum-Stupa ist dafür ein Beispiel. Dieses 1390 gegründete Kloster umfasste vor 1959 noch 16 autonome Einrichtungen aus der Gelug-, Sakyaund Shalu-Tradition. Die Mönche beteten täglich zusammen in einer großen Versammlungshalle.

Pälkhor Tschöde in Gyantse mit Kumbum-StupaPälkhor Tschöde in Gyantse mit dem berühmten Kumbum-Stupa: In dem Kloster lebten Mönche aus allen Traditionen.
© Steve Hicks

Ein anderes Kloster, das in seinem Curriculum von vornherein eine annähernd traditionsübergreifende Ausbildung anbot, war und ist das Namgyal-Kloster, das traditionell den Dalai Lamas untersteht und sich in einem Flügel des Potala-Palastes befand.

Die 1980 vom Nyingma-Meister Jigme Phüntsok neu gegründete Klosteruniversität Larung Gar im osttibetischen Distrikt Serthar ist an Rime orientiert. Bevor die chinesischen Besatzer im Sommer 2001 viele der Studenten vertrieben und einen Großteil der Gebäude zerstören ließen, bildete diese dynamische Lehranstalt mit nahezu 10.000 Ordinierten aus allen Traditionen – darunter viele Nonnen und eine große Anzahl chinesischer Studenten – die größte und wohl einflussreichste Einrichtung im heutigen Tibet und gilt als Quelle einer Renaissance des Buddhismus und des Rime-Ansatzes.

Der Dalai Lama als Meister und Protagonist von Rime

Der 14. Dalai Lama ist – wie viele seiner Vorgänger – ein Fürsprecher der Rime-Haltung. Nicht nur hat er selbst alle Traditionen des tibetischen Buddhismus studiert, sondern hält auch viele Überlieferungen der unterschiedlichen Traditionen. Meister aller Schulen zählen zu seinen Lehrern, obwohl er seine hauptsächliche spirituell-philosophische Ausbildung in der Gelug-Tradition absolvierte und diese mit dem höchsten Gelehrten-Titel eines Geshe-Lharampa abschloss.

Die wichtigsten Überlieferungen des tibetischen Buddhismus

Die Rime-Meister bemühten sich darum, die ‚Acht Praxis-Linien’, die alle wichtigen Überlieferungen innerhalb des tibetischen Buddhismus umfassen, zu erhalten:

  1. die Nyingmapa, die alte Schule, die den frühen Übersetzungen und Tantras folgen; auch Ngagyur Nyingma genannt.
  2. die Kadampa, die ‚Schule der Worte und Anweisungen’, die von dem indischen Meister Atïœa begründet wurde.
  3. Die vom indische Siddha Virupa überlieferten Lehren über ‚Pfad und Früchte’ der Sakya-Tradition.
  4. Die Lehren der‚ überlieferten Worte’ der vier Haupt- und acht sekundären Kagyü-Traditionen, welche von Marpa, Milarepa und Gampopa in Tibet tradiert wurden.
  5. Die Shangpa-Kagyü-Tradition, die auf Khyungpo Näljorpa zurückgeht.
  6. Die Jordruk-Lehren des sechsgliedrigen Vajra-Yoga, welche vor allem die Stufe der Vollkommenheit des Kālacakra-Tantra zum Inhalt haben.
  7. Shije oder die Lehren über das Befrieden der Leiden, mitsamt der Praxis des Tschöd oder ‚Abschneidens’, die auf den indischen Siddha Padampa Sangyä bzw. seine tibetische Schülerin Machig Labdrön zurückgehen.
  8. Dorje Sum Gyi Nyendrub, die Lehren über die‚ Annäherung und Verwirklichung der drei Vajras’, die vom Meister Orgyen Päl (1230–1309) stammt.

Die Rime-Meister lehrten, dass all diese Praxislinien und die anderen Sūtra- und Tantra-Lehr-Überlieferungen in demselben essenziellen Punkt kulminieren. Danach gibt es keinen fundamentalen Unterschied in den Dharma-Lehren, die nach Tibet überliefert wurden.

Oft gibt der Dalai Lama in Wort und Schrift traditionsübergreifende und vergleichende Ausführungen. In jeder denkbaren Weise wirkt er auf eine Wiederannäherung der Traditionen hin und setzt ganz auf das dialogische Prinzip. Besonders bei Kālacakra-Einweihungen hat er dafür gesorgt, dass eminente Lamas aller fünf tibetischen Traditionen (einschließlich der Bön-Tradition) begleitende oder einführende Lehrausführungen geben, was historisch ein Novum darstellt.

Auch das Bemühen des Dalai Lama, seine Anhänger zur Aufgabe der Dorje-Shugden-Praxis zu bewegen, kann im Lichte seiner Bemühungen um die Wiederannäherung der Traditionen gesehen werden. Denn solange dieser Kult, speziell als Beschützer-Praxis der Gelug-Lehre gegen die Nyingma- und teilweise Kagyü-Tradition angewandt wird, lässt sich die unheilvolle Rivalität zwischen diesen Traditionen kaum überwinden.

Zudem hat der Dalai Lama auch bislang verfemte Traditionen wie die Jonangpa und einzelne Persönlichkeiten ‚rehabilitiert’ wie zum Beispiel den Sharmapa und den unkonventionellen Gelehrten und Künstler Gendün Chöphel (1905–1951). Außerdem pflegt der Dalai Lama mit den Würdenträgern und Oberhäuptern aller Traditionen einen offenen Kontakt. Historisch vorbelastete Beziehungen wie zwischen einzelnen Karmapas und früheren Dalai Lamas hat der jetzige Dalai Lama harmonisiert. Es ist anzunehmen, dass besonders seine enge Verbindung zu dem 17. Karmapa Ogyen Trinley Dorje von entscheidender Bedeutung für die Zukunft Tibets und des tibetischen Buddhismus sein wird.

Der 14. Dalai Lama betont immer eindringlicher und öfter die Bedeutung eines nicht-sektiererischen Ansatzes. So riet er im August 2005 bei Belehrungen in Zürich: „Es ist nicht angebracht, große Unterschiede zwischen den Traditionen zu machen, da sie alle auf das Gleiche hinauslaufen … Es wäre falsch, sektiererisch an einer Tradition festzuhalten und andere abzulehnen … Jede Tradition hat ihre Besonderheit und ihren Wert.“

In einem ‚Ratschlag an die Buddhisten im Westen’ sagt er: „Manchmal geschieht es, dass Leute der einen oder anderen der unterschiedlichen Schulen und Traditionen innerhalb des Buddhismus eine übertriebene Bedeutung beimessen. Dies kann zu einer Anhäufung von extrem negativen Handlungen in Bezug zum Dharma führen.“

Erweiterung des Rime-Ansatzes heute

Der tibetische Buddhismus kam nach Jahrhunderten der Isolation durch das erzwungene Exil mit anderen Kulturen, Religionen und der modernen Wissenschaft in Kontakt. Man kann, so meine ich, dieser neuen Situation nur dann konstruktiv begegnen, wenn man einen ausgeprägten und erweiterten Rime-Ansatz folgt. Erweiterungen des Rime-Gedankens könnten u.a. folgende Aspekte beinhalten:

  • Dialog mit den Wissenschaften: Der Buddhismus, welcher grundsätzlich der Wahrheitssuche verpflichtet ist und dabei logisch-analytische wie pragmatisch-experimentelle Elemente betont, ist unter den Weltreligionen besonders dazu prädestiniert, einen intensiven Dialog mit den Wissenschaften zu führen.
  • Integration in andere Kulturkreise: Bei der Übertragung, Integration und Assimilation der Dharma-Lehren in andere Kulturkreise kann die Rime-Haltung genutzt werden, um zu überprüfen, was die essenziellen Inhalte des Buddhismus sind und welche Aspekte nur äußeres Beiwerk darstellen. Einige führende Buddhisten im Westen sehen in dem nicht-sektiererischen Ansatz eine Voraussetzung dafür, dass der Buddhismus in anderen Kulturkreisen eine adäquate Form finden kann.
  • Innerbuddhistische Dialoge: Wahrscheinlich gibt es mehr interreligiöse Dialoge (beispielsweise von buddhistischen und christlichen Ordensleuten) als innerbuddhistische Gespräche. Nicht nur wären Dialoge zwischen den einzelnen tibetischen Schulen förderlich, sondern auch zwischen Theravāda- und Mahāyāna-Vertretern. Der innerbuddhistische Austausch könnte auch im Rahmen von speziellen Studien- und Praxiseinrichtungen gefördert werden.
  • Rime und die persönliche Dharma-Praxis: Fundamentalistisch-sektiererische Tendenzen sind Ausdruck von Verblendung, Selbstsucht und Anhaftung an Ich und Mein, gepaart mit Abneigung gegen das scheinbar Antagonistische und Andersartige. Rime ist das genaue Gegenteil von ignoranter Parteilichkeit und bildet eine gesunde Basis für das richtige Verständnis und die korrekte Anwendung des Dharma.

Gerade heute ist der Rime-Ansatz besonders wichtig. So schreibt Ani Karma Tsultrim (Ingrid Hupfer-Neu): „Ri-me bedeutet …, Methoden aller Schulen und Traditionen zu schätzen und nichts als minderwertig zurückzuweisen. Es bedeutet aber auch, authentische Praxismethoden nicht zu vermischen, sondern für ihren klaren und sauberen Erhalt zu sorgen. In unserer Zeit ist dies sehr wichtig geworden, um bei all dem „Dharma-Angebot“ den modernen Praxis-Konsum eines buddhistischen Supermarktes zu verhindern. Bedeutende Meister haben sich bereits energisch gegen das moderne „Dharma-Shopping“ ausgesprochen.“

Eine authentische, fruchtbare Dharma-Praxis beginnt erst dann, wenn wir uns eingestehen, dass auch wir nicht frei von Geistesplagen, falschen Vorstellungen und gewissen sektiererischen Tendenzen sind. So sagt der 14. Dalai Lama: „Vornehmlich Anhaftung, Abneigung und Unwissenheit sind die bestimmenden Kräfte – und nicht ein freier Geist, nicht liebevolle Zuneigung und nicht Weisheit. Mit der Erkenntnis dieser simplen Wahrheit beginnt der spirituelle Pfad.“

Fußnoten

¹ Siehe dazu u.a. den Artikel “A Spirit of the XVII Secolo” von Raimondo Bultrini in: The Mirror, Nov/Dec 2005, (S. 10/11).

² Einige zeitgenössische tibetische Lamas wie Geshe Kelsang Gyatso, ein Anhänger des Dorje Shugden-Kultes, kritisieren den Dalai Lama für seine Haltung in Hinblick auf diesen Kult. So behauptet Geshe Kelsang Gyatso zum Beispiel, dass „es so scheint, als würde der Dalai Lama die Gelugpas erniedrigen und den Dharma der Gelugpa zerstören“. (Siehe: An Interview With Geshe Kelsang Gyatso, Tricycle, Frühjahr 1998).

³ Der „verrückte“ Weise auf Tibets Königsthron – Mystische Verse und Visionen des Zweiten Dalai Lama, O.W. Barth, Frankfurt am Main, 2004; Seite 13.

Da ein Vorgänger nach dem Tod des 7. Dalai Lama einen Staatsstreich versuchte, wurden daraufhin alle weiteren Reinkarnationen des Sharmapa verboten. Erst der jetzige Dalai Lama hob diesen Bann 1964 auf.

Siehe dazu: Elke Hessel: Die Welt hat mich trunken gemacht. Die Lebensgeschichte des Amdo Gendün Chöphel, Theseus Verlag, Berlin, 2000.

Dalai Lama: Beyond Dogma: The Challenge of the Modern World. North Atlantic Books, 1996. Siehe auch: http://hhdl.dharmakara.net/hhdlquotes111.html.

http://www.dharmagate-ammersee.de/3-1.html

Dalai Lama: Gesang der Inneren Erfahrung, dharma edition, Hamburg, Seite 52

Siehe dazu beispielsweise: Ringu Tulku: The Ri-me Philosophy of Jamgön Kongtrul the Great, Shambhala Publications, (besonders die Seiten 97ff) und Dudjom Rinpoche, Gyurme Dorje & Matthew Kapstein: The Nyingma School of Tibetan Buddhism, Wisdom Publications, Boston, 1991. Seite: 852f.

 

Weitere Informationen

Jürgen Manshardt studiert und praktiziert Buddhismus seit 1979, davon sieben Jahre als Mönch, meist unter Leitung von Geshe Thubten Ngawang. Er ist Autor und Übersetzer buddhistischer Bücher, wirkt als Dolmetscher für Meister aller tibetischen Traditionen und betreibt den Dharmata-Verlag.

Im Dharmata-Verlag erschien im Jahr 2007 Jürgen Manshardts Broschüre »Offene Weite – freier Geist? Die nicht-sektiererische Rime-Bewegung im tibetischen Buddhismus.«

© Jürgen Manshardt

Dieser Artikel wurde in zwei Teilen in Tibet und Buddhismus 03/2007, S. 28–31 und 04/2007 S. 34–38 veröffentlicht.

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Online-Veröffentlichung mit freundlicher Erlaubnis des Autors.