Tibetischer Buddhismus im Westen

Fakten, Hintergründe, Standpunkte

 

Korrekturen und Reflexionen zum Stern-Artikel über den Dalai Lama

»Die zwei Gesichter des Dalai Lama – Der sanfte Tibeter und sein undemokratisches Regime«

Stern TitelIn Ausgabe Nr. 32, 30.07.2009, veröffentlichte das Magazin Stern eine achtseitige Titelgeschichte mit dem Titel »Die zwei Gesichter des Dalai Lama – Der sanfte Tibeter und sein undemokratisches Regime«.

Im Editorial begründet Chefredakteur Thomas Osterkorn den Artikel wie folgt:

»[…] Solidarität darf den Blick auf Probleme nicht verstellen. In unserer Titelgeschichte über die 'Lichtgestalt mit Schattenseiten' beleuchten wir nun die im Westen kaum bekannten dunklen Facetten des Systems Dalai Lama, der im indischen Exil nicht gerade demokratisch regiert. Dort müssen kritische Zeitungen schließen, und andersgläubige Mönche fürchten sich vor Repressionen. Unser Asien-Korrespondent Janis Vougioukas, 33, sprach in Dharamsala, der 'Hauptstadt' der Exiltibeter, mit Mitgliedern der Exilregierung, mit Flüchtlingen, die erst zehn Tage zuvor nach ihrem langen Marsch über die Berge in Nordindien eingetroffen waren, und mit Tibetern, die seit Jahrzehnten im Exil leben.«

Der nachfolgende Beitrag  beleuchtet die Titelgeschichte des Stern, die tendenziös und teilweise schlecht recherchiert ist. Dr. Alexander Berzin und die Deutsche Buddhistische Union (DBU) haben ihren Standpunkt in einem Leserbrief an den Stern (PDF) bereits zusammengefasst. Der nachfolgende Beitrag geht auf einige Einzelheiten des Stern-Artikels ein.

1. Einleitung

Prinzipiell ist es zu sehr begrüßen, dass Kritik geübt wird wo Kritik angebracht ist. Kritik und das Annehmen von Kritik ist ein wesentlicher Motor zur Verbesserung von Missständen. Kritik bedeutet im Wesentlichen »[unter-]scheiden, trennen« und bezeichnet »die Kunst der Beurteilung, des Auseinanderhaltens von Fakten, der Infragestellung« in Bezug auf eine Person oder einen Sachverhalt.¹ Die Autoren des Stern-Artikels Tilman Müller und Janis Vougioukas, als auch dieser Beitrag sollten sich an diesem Maßstab messen lassen.

Der Aufklärung, Tibet, dem Demokratisierungsprozess und den Dalai Lamas helfen weder Verklärung oder Verkitschung noch Beiträge, die bewusst Zusammenhänge ignorieren, die differenzierende Betrachtungsweisen unterlassen, den eigenen Ansichten widersprechende Standpunkte unterschlagen und einen breiten Blickwinkel zugunsten eines engen Tunnelblicks vermeiden und so komplexe Zusammenhänge einseitig verzerren. Das gilt für Tibet-Kritiker wie Tibet-Verteidiger.

Da es eigentlich genügend wissenschaftlich fundierte Fachliteratur zu Tibet und den Dalai Lamas gibt, vor allem in Englisch, begrenzt sich dieser Beitrag auf wenige Kernpunkte des Stern-Artikels. Der Versuch einer Replik wird auch deshalb unternommen, weil der Stern-Artikel den Eindruck vermittelt, dass die Sichtweisen von Pseudo-Historikern und Verschwörungstheoretikern Einzug in Mainstream-Medien halten. Warum das so ist, darüber kann man verschiedene Ansichten haben. Ich schließe mich der Ansicht der Historikerin Engelhardt an, die in Tibet und der Nationalsozialismus: Fakten und Fiktionen schreibt:

»Zu lange hat die ernst zu nehmende Geschichtswissenschaft geglaubt, all diese in trübem Gewässer fischenden Pseudohistoriker ignorieren zu können. In Zeiten aber, wo die Esoterik-Regale der Buchhandlungen überquellen und das Internet auch das Abwegigste mit Lichtgeschwindigkeit verbreitet, muss sie den verzerrten Darstellungen die historischen Fakten entgegenstellen. All dieser historische Unsinn hat so etwas wie Methode und—wie alle Mythen und Legenden—eine lange Vorgeschichte.« (Engelhardt, 2009)

2.  »Nazi-Tibet-Connection« und »Shoko Asahara – Dalai Lama«

Der Stern-Artikel erweckt bewusst durch die Bildwahl, die Untertitel zu Bildern und das wiederholte Aufzählen von Personen mit Nazi-Hintergrund, die Kontakt zum 14. Dalai Lama hatten oder haben, den Eindruck, Seine Heiligkeit der Dalai Lama würde den Nazis nahe stehen oder ihre Nähe suchen. Der Stern übersieht dabei folgendes:

  • Für den Dalai Lama ist es an erster Stelle religiöse Übung andere als Mitmenschen zu sehen. Seine Ansicht ist, dass man Person und Handlung trennen muss: Mitgefühl für den Menschen aber Zurückweisung von destruktiven Taten. Zudem basieren seine Handlungen auf einem Verständnis von Freundschaft und Dankbarkeit, das sehr unterschiedlich zur westlichen Gewohnheit und Kultur ist: wer einem geholfen hat oder hilft, wie Heinrich Harrer oder auch Jörg Haider, dem gegenüber ist man prinzipiell dankbar und zu Dank verpflichtet. Freundschaft wird nicht aufgekündigt, wenn einige Missetaten ans Licht kommen. Allein die buddhistische Übung des Mitgefühls und der Liebe führt eben dazu, dass man sich anderen emotional nah fühlt und das auch ausdrückt, selbst wenn es zwielichtige Gestalten sind.

    Der Dalai Lama lässt sich also weniger von politischem Kalkül oder political correctness leiten, sondern eher von innerer Zuwendung und einen möglichst vorurteilsfreien, offenen und menschlichen Blick.

    Dies erklärt auch, warum er einen Massenmörder wie Mao Zedong, der seinem eigenen Volk, dem chinesischen Volk und ihm selbst enorm geschadet hat, differenziert und sogar mit Sympathie beschreibt.² Weil er weniger Schubladendenken pflegt als Westler es gewohnt sind, hat er keine Probleme sich als ‚Halb-Marxisten‘ zu bezeichnen und seine Sympathie für die kommunistischen Ideale auszudrücken. Man könnte den Dalai Lama genauso gut als ‚linkslastig‘ darstellen, weil er sich mehrfach mit Mao traf, die Ideale des Sozialismus²⁰ für gut befindet und glaubte, eine Beziehung zwischen Kommunismus und Buddhismus sei möglich; wobei der Kommunismus für das materielle, der Buddhismus für das spirituelle Wohl der Menschen sorgt. (Norman in Brauen 2005:164) Würde die Vermutung, der Dalai Lama könne ‚linkslastig‘ sein, nicht zudem durch die Tatsache genährt, dass der 13. und 14. Dalai Lama—als auch einige andere frühere Dalai Lamas—in einfachen Bauernfamilien geboren wurden; also ‚Vertreter der Arbeiter- und Bauernklasse‘ sind?

    Ist der Dalai Lama nun also rechts- oder linkslastig, beides oder weder rechts- noch linkslastig?

    Der Dalai Lama betont in Interviews, dass er keine Alternative zu Marktwirtschaft und Demokratie sieht und er betont die Vorzüge und Chancen der Globalisierung während er gleichzeitig zu Verantwortung und Teilen mit den Armen auffordert und das Bauen luxuriöser buddhistischer Tempel und den Mangel an sozialer Aktivität in den eigenen Reihen kritisiert. Wenn der Stern dann noch berücksichtigen müsste, dass der Dalai Lama sich engagiert für Frauenrechte, die Ausbildung von Frauen, Nonnen und die volle Ordination für Frauen einsetzt, letzteres gegen den Widerstand vieler traditionalistischer tibetischer Kleriker, und sich in diesem Zusammenhang auf der Konferenz in Hamburg 2007 als ‚Feminist‘ bezeichnete, bricht sicher das Bild des Stern über den Dalai Lama völlig zusammen.

    Der Dalai Lama passt nicht so einfach in Schubladen.³

  • Der Dalai Lama hat, anders als der Stern-Beitrag suggeriert, nicht nur Kontakt zu »wertkonservativen und rechten Politikern« sondern zu Politikern und Menschen aller Couleur und Hintergründe, vom Hippie, einfachen Bauern bis zu herausragenden Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik, Kultur und Religion. Zu seinen Freunden zählen unter anderem auch andere Nobelpreisträger, wie z.B. Erzbischof Desmond Tutu, oder Václav Havel. Besondere Beziehungen und Freundschaften pflegt der Dalai Lama aber zu denen, die eine oder mehrere seiner drei Hauptaktivitäten unterstützen: 1. Menschliche Werte, eine säkulare Ethik zu vermitteln 2. Interreligiöser Dialog und 3. Die Freiheit Tibets und der Tibeter.
Zur sogenannten »Nazi-Tibet-Connection« gibt es Fachartikel, die ein differenziertes Bild aufzeigen, das sich ganz anders darstellt, als es der Stern in seinem Beitrag—auch durch Auslassungen von Fakten—zeichnet. Der Stern behauptet eine nicht-existente »Nazivergangenheit« des Dalai Lama, die im Jahr 1938 mit der Ernst-Schäfer-Tibetexpedition begonnen haben soll—zumindest suggeriert dies der Artikel. Zu diesem Zeitpunkt war der Dalai Lama 3 Jahre alt und war noch gar nicht in Lhasa, Tibets Hauptstadt, angekommen. Der Stern behauptet versimplifiziert und wider der Fakten:

»Der tibetische Hofstaat pflegte einst enge Verbindungen zum NS-Regime. SS-Expeditionen wurden in Lhasa mit allen Ehrenbezeigungen empfangen.«

Tatsache ist jedoch, dass nur eine einzige deutsche wissenschaftliche Expedition¹⁷ bestehend aus fünf Mitgliedern nach Tibet reiste (Engelhardt 2008: 78,81). Die international bekannte Expertin Dr. Isrun Engelhardt zeigt in einer ihrer Forschungen auf, dass die Ernst-Schäfer-Tibetexpedition (1938/39) als »rein wissenschaftliche Unternehmung geplant« war, aber von Anfang an »zwischen die Stühle von Politik und Wissenschaft« fiel. (Engelhardt 2008: 75) Hauptsächlich Heinrich Himmler versuchte Einfluss auf die Expedition zu gewinnen und sie für »politische, esoterische und pseudo-wissenschaftliche Ziele« zu vereinnahmen.

Dem Zoologen Schäfer gelang es trotzdem, seine wissenschaftlichen Ziele durchzusetzen, finanzierte die Expedition mit Hilfe der deutschen Wirtschaft und der Deutschen Forschungsgemeinschaft selbst, war aber auf die politische Unterstützung Himmlers angewiesen. Die tibetische Regierung verweigerte allerdings zunächst der Expedition mehrmals den Zutritt, bevor sie ihr letztlich einen Aufenthalt erlaubte. (Engelhardt 2008:78).

Die Tatsache einer wissenschaftlichen Expedition von fünf deutschen SS Mitgliedern, die das ‚mystische Tibet‘ zu Beginn des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges besuchen, gab und gibt allerhand Anlass für wilde Spekulationen. Engelhardt, die die bekanntesten dieser Mythen in ihrem Aufsatz »The Nazis of Tibet: A Twentieth Century Myth« aufgreift und dekonstruiert, fasst eine traurige generelle Tendenz unseriöser ‚Aufklärung‘ zur »Nazi-Tibet-Connection« wie folgt zusammen:

»Ein größeres Problem, und auch ein düstereres, als die Arbeiten okkulter oder krypto-Historiker, Sensationsschriftsteller oder Verschwörungstheoretiker sind Veröffentlichungen von solchen Journalisten und selbst-ernannten Aufklärern (‚Vertretern der Erhellung‘) die, während sie vorgeben Licht in das Dunkel zu bringen und Tibet zu entmythologisieren, in Wirklichkeit neue Mythen konstruieren, indem sie Fakten und Fiktionen geschickt vermischen—bewusst oder unbewusst.« (Engelhardt 2008: 85)

Diesen Vorwurf muss sich wohl auch der Stern gefallen lassen; um so mehr da Autor Tilman Müller bereits in einem anderen Stern Artikel (28. Mai 1997), der auch im englischen Sprachraum publiziert wurde, als Co-Autor falsche Behauptungen wie, dass die Schäfer-Expedition aus 30 Personen bestanden hätte und mit einem großen Vorrat an Waffen ausgestattet gewesen wäre, aufstellte. (siehe u.a. Engelhardt 2008: 86)

Die »Pflege« der »engen Verbindungen zum NS Regime« des »tibetischen Hofstaats«, wie sie der Stern behauptet, beginnt also zu einer Zeit, als der Dalai Lama 3 Jahre alt und noch nicht einmal offiziell anerkannt und die weite Reise nach Lhasa noch gar nicht angetreten hatte.¹⁸ Für den Stern setzen sich »diese unrühmlichen Beziehungen«—von denen sich »Seine Heiligkeit bis heute nicht klar distanzierte«—fort, als der Dalai Lama ca. 1947 im Alter von 11 Jahren²³ Heinrich Harrer, dem »schneidigen Nazi« (Stern), erstmals persönlich begegnet.

Heinrich Harrer als »schneidigen Nazi« zu bezeichnen, wird der Realität nicht gerecht. Für Prof. Martin Brauen¹⁹ war Harrer »zweifellos« vor seinem Aufenthalt in Tibet und danach »ein Opportunist«, der seine Mitgliedschaft in der Nazi-Partei (NSDAP, SS, NS-Lehrerbund, Rang eines Oberscharführers) lange verschwieg, verneinte und unter den Teppich kehrte. Er war aber nicht der »Nazi-Verbrecher« oder »Bastard« zu dem ihn einige Medien machten. Brauen stellt klar, dass Harrer nachweislich in kein einziges Nazikriegsverbrechen verwickelt war und man ihm bis heute weder Anti-Semitismus noch Rassismus vorwerfen könne. Brauen betont den letztgenannten Punkt indem er schreibt:

»Nirgendwo in seinem Tagebuch, unveröffentlicht aber für den Autor zugänglich, gibt es eine Passage die Harrer als Nationalsozialisten erkennen lässt.«

Dass Harrer SS Mitglied war, stellte sich erst 1997 heraus. Heinrich Harrer selbst bestreitet zudem, ein Lehrer des Dalai Lama gewesen zu sein, wie von Stern und anderen Quellen häufig behauptet.²³

Was also faktisch übrig bleibt von der postulierten »engen Verbindung zum NS Regime« des »tibetischen Hofstaats« und diesem »dunkle(n) Kapitel seiner Erfolgsgeschichte« sind zwei Tatsachen: 1. dass 1938/39 eine Expedition fünf deutscher Wissenschaftler, die Mitglieder der SS waren, nach Tibet stattfand und 2. dass Heinrich Harrer, der SS Mitglied war, ca. 1947, 2 Jahre nach Ende des NS Staates, seine erste persönliche Begegnung mit dem elfjährigen Dalai Lama hatte.

Bei allem Wohlwollen, seriöser Journalismus oder »Qualitäts-Presse« sieht sicher anders aus …

Wie konstruiert und verdreht die heraufbeschwörte, angebliche Nazinähe oder Naziaffinität des Dalai Lama / der Tibeter ist—ein Mythos von Pseudohistorikern und Verschwörungstheoretikern, den leider nun auch der Stern aufgreift—wird einem spätestens dann klar, wenn man des Dalai Lama und der Tibeter Beziehungen zu jüdischen Gläubigen / Isrealis betrachtet. Während Tibeter Sommercamps mit Juden in Israel durchführten, ist nicht ein Fall bekannt, dass sie Camps der Nazis oder Neonazis aufsuchten. Als Start zu diesem Hintergrund siehe z.B.:

Zur Entmythologisierung und zur faktisch korrekten historischen Aufarbeitung der sog. »Nazi-Tibet-Connection« kann ich empfehlen:

Zur Historie der Ernst-Schäfer-Tibetexpedition siehe:

Nützlich für einen Start zu diesem Thema sind auch:

Obzwar der Stern korrekt anmerkt, dass im »Westen eine Tibet-Romantik wuchert, eine Verklärung des Schneelands auf dem Dach der Welt, in dessen hinterstem Winkel 1935 Tenzin Gyatso in einer Hütte mit Dachrinnen aus Wacholderholz geboren wurde« und dass »sich der Buddhismus als eine Art Wellness-Religion [im Westen] entfaltet«, verpasst der Stern die Chance zur Aufklärung, indem er selbst Tibet und den Dalai Lama im negativen Klischee verklärt und eine nicht-existente Nazi-Nähe der Tibeter und des Dalai Lama, gespeist aus Fakten und Fiktionen, konstruiert. Isrun Engelhardt schreibt in der Zusammenfassung ihrer Forschung zu den Nazi-Tibet-Mythen:

»Es gab keine Zusammenarbeit irgendeiner Art, welcher auch immer, zwischen Tibetern und Deutschland im Zweiten Weltkrieg. […] Folglich, abgesehen von der falschen Darstellung der wissenschaftlichen Expedition nach Tibet von fünf Wissenschaftlern, die mit der SS assoziiert waren und dem nichts-sagenden Brief des tibetischen Regenten an Hitler, der einzige Beweis der für eine Nazi-Tibet Connection angeführt werden kann, besteht aus einer Menge ungeprüfter sensationsheischender sich gut verkaufender Geschichten.« (Engelhardt 2008: 95-96)

Dalai Lama Begegnung mit Shoko Asahara

Shoko Asahara, Führer der AUM-Sekte, stellte von sich aus den Kontakt mit dem Dalai Lama her und suchte und pflegte diese Begegnungen—nicht umgekehrt, wie es der Stern darstellt. Es war eine Methode Shoko Asaharas, Kontakte zu hohen religiösen Würdenträgern herzustellen, z.B. in Sri Lanka und anderen Orten, Fotos mit ihnen zu machen und danach vor seinen Anhängern zu behaupten, diese hätten ihn als großen spirituellen Meister empfangen. Die Behauptung Asaharas, der Dalai Lama habe zu ihm gesagt »Was ich für den Buddhismus in Tibet getan habe, werden Sie für den Buddhismus in Japan tun.« hat der Dalai Lama nach eigener Aussage nicht geäußert. Die japanische Presse, die Asahara hinterher reiste, fand bei Recherchen heraus, dass die von Asahara behaupteten Anerkennungen verschiedener religiöser Autoritäten nicht wie von Asahara dargestellt statt gefunden haben. (Robert Jay Lifton, From Mysticism to Murder, Tricycle, Winter 1997, S. 57).²¹ Nach Recherche des Focus suchte Asahara auch erfolgreich die Nähe zu deutschen Politikern. Letztlich missbrauchte Asahara diese Kontakte für die Erhöhung seiner Autorität in seiner Sekte.

Generell ist der Dalai Lama sehr offen und gleichzeitig sehr zurückhaltend mit Kritik gegenüber Menschen. Man wird daher kaum eine wirklich sehr kritische Aussage über eine Einzelperson finden, die nicht auch Positives ausdrückt und differenziert ist. Manchmal schweigt er auch nur. Das ist nun einmal Teil seiner religiösen Übung und Sichtweise. Zudem ist zu vermuten, dass der Dalai Lama mitunter auch einfach schlechte Berater hat, die den Hintergrund bestimmter Personen entweder nicht kennen, nicht einordnen können oder ignorieren. Der Focus schreibt im erwähnten Artikel zusammenfassend zur Beziehung Shoko Asahara-Dalai Lama:

»Der Dalai Lama dürfte sich noch lange an die Peinlichkeiten erinnern, die ihm sein Freund Asahara beschert hat. In der engsten Umgebung des tibetischen Gottkönigs fühlt man sich dementsprechend unwohl. Denn dort weiß man: Der Dalai Lama ist ein wunderbarer Mensch, eine unkomplizierte Persönlichkeit, der für jeden ein offenes Ohr hat – manchmal eben auch für die Falschen.«

 

Asahara-Dalai Lama
Dalai Lama und
Shoko Asahara
Rosalynn-Carter-John-Wayne-Gacy
Rosalynn Carter und
John Wayne Gacy

Dass man als prominente Persönlichkeit im Rahmen des eigenen Amtes Opfer der Selbstdarstellung von bis dahin unbekannten brutalen Mördern werden kann, musste auch die Gattin des US Präsidenten Rosalynn Carter erfahren. Carter ließ sich 1978 mit dem Serienkiller John Wayne Gacy fotografieren und schickte ihm später das Bild mit einer persönlichen Widmung zu. Wären die einführenden Worte des Verständnisses, die Spiegel Online dafür aufbringt, eigentlich nicht auch beim Dalai Lama angemessen: »Der Dalai Lama wusste nicht, dass er an diesem Februar 1987 und bei vier weiteren Treffen einen [zukünftigen Giftgas-] Mörder kennenlernen würde.«?

Die Referenzen, die Shoko Asahara vom Dalai Lama (bzw. einem Büro der tibetischen Exilregierung) erhielt, sind zudem relativ nichts-sagend; was man eben so schreibt, wenn man den Eindruck hat, jemand wolle anderen helfen und man findet den Ansatz des Anderen unterstützenswert. Betrüger und Hochstapler sind in der Regel sehr geschickt darin andere zu täuschen; der Stern hat da ja mit den Hitlertagebüchern auch so seine eigenen Erfahrungen gemacht. Helmut Kohl machte seine Erfahrungen mit Lars Windhorst und wenn man das näher betrachtet, haben letztlich die meisten Betrüger oder ‚erfolgreichen‘ Serienmörder oder Terroristen ihr ganzes Umfeld perfekt an der Nase herumgeführt—bzw. Menschen haben sich von ihnen täuschen lassen.

Dalai Lama Begegnung mit Bruno Beger

Gemäß Alex McKay sei es aus Unkenntnis zu einer Einladung von Dr. Bruno Beger Mitte der 90er Jahre gekommen, als der Dalai Lama eine Begegnung mit den wenigen Europäern, die Tibet vor Chinas Invasion bereisten, veranstaltete. Beger war zur dieser Zeit der letzte Überlebende der Ernst Schäfer Tibetexpedition. McKay behauptet, der tibetischen Exilregierung sei diese Einladung im Nachhinein äußerst peinlich gewesen, als bekannt wurde, dass Bruno Beger ein »enthusiastischer Nazi war.« (Alex McKay, »Hitler and the Himalayas«, Tricycle, Spring 2001, S. 93)

Bruno Beger selbst schreibt in einer 1986 veröffentlichten Broschüre, dass er den Dalai Lama seit 1983 dreimal getroffen habe. (Vor 1983 gab es keine Begegnung.) Die erste Begegnung fand nach Beger im September 1983 anlässlich eines Vortrags des Dalai Lama »Die Kraft des Buddhismus im Spannungsfeld zwischen Islam und atheistischen Ideologien« (mit anschließender Diskussion) im Kulturhaussaal von Bad Soden/Taunus statt. Nach dem Vortrag schüttelte der Dalai Lama vielen Teilnehmern die Hände, auch die von Beger, der sich dann als Expeditionsteilnehmer vorstellte. »Als ich ihm sagte, daß ich ihn leider im Jahre 1939, als er gerade vier Jahre alt und ich als Teilnehmer der Deutschen Tibetexpedition E. Schäfer in Lhasa war, nicht habe sehen können, kam es zu einer sehr herzlichen Umarmung.«

Im Juli 1984 kam es bei einem Empfang des Unternehmers Friedhelm Brückner zu einer zweiten Begegnung mit dem Dalai Lama. Nach Bruno Begers Darstellung wurde er »kurzfristig« zusammen mit vier weiteren Teilnehmern der Expedition zu diesem »Empfang vor etwa hundert geladenen Gästen, darunter Honoratioren von Stadt und Land« in Brückners Haus in Glashütten/Taunus eingeladen. Von den Expeditionsteilnehmern konnte neben Beger jedoch nur Dr. Karl Wienert kommen. »Nach Begrüßungsansprachen durch den Landrat des Main-Taunus-Kreises, der Bürgermeister von Hofheim/Taunus und Glashütten und Brückner ergriff Seine Heiligkeit das Wort …«. Der Dalai Lama habe ihn und Wienert als Zeuge der Zustände vor der Invasion der VR China angerufen und später seien er und Wienert zu einem Gespräch empfangen worden. Die dritte Begegnung habe im Juli 1985 im Sheraton Hotel am Flughafen Frankfurt am Main stattgefunden. Der Dalai Lama war, so Beger, auf dem Weiterflug von Delhi nach Rikon in der Schweiz, und im Hotel gab es einen kleinen Empfang, bei dem auch Beger anwesend war. Als dieser vom Dalai Lama entdeckt wurde, wurde er wieder gebeten, als Zeuge zu berichten, wie das Leben in Tibet vor Chinas Invasion war.

Beger schreibt im Nachwort, dass er sich glücklich schätze, seit 36 Jahren wieder Kontakt mit den Tibetern zu haben (zum Beispiel mit dem letzten Premier Tibets, Thupten W. Phala und dessen jüngstem Sohn, Dorjee, im Schweizer Exil) und seit dem Jahr 1982 »die Beziehungen zu den Tibetern und zu S.H. dem Dalai Lama« »durch die Bekanntschaft zu dem Tibetfreund Friedhelm Brückner« verstärkt wurden. (Quelle: »Meine Begegnung mit dem Ozean des Wissens«, Bruno Beger, Edition Kurt und Dieter Schwarz, Königstein)

Damit wird klar, dass der Rahmen der Begegnungen zwischen Bruno Beger und dem Dalai Lama wenig spektakulär war und man konsequenter Weise auch dem Landrat des Main-Taunus-Kreises, den Bürgermeistern von Hofheim/Taunus und Glashütten und dem Unternehmer Brückner Nazinähe unterstellen sollte.

Das sind einige Hintergründe zu den Begegnungen des Dalai Lama mit Bruno Beger. Hinzu kommt die aus religiösen Gründen grundsätzlich wohlwollende Einstellung des Dalai Lama jedem Menschen gegenüber—egal, was er getan hat—, wie sie von der Journalistin Birgit Stratmann in »I love Bush!« – Der Dalai Lama und seine internationalen Kontakte beschrieben wird.

Differenzierung und gute Recherche wären aber sicher der sensationsheischenden Präsentation des Stern abträglich gewesen und so erfolgt dann konsequenter Weise eine moralische Bewertung des Stern, die, wie Martenstein es zugespitzt und mit Verweis auf Stern-Gründer Henri Nannens Propaganda-Nazitätigkeiten formuliert, härter als »die katholische Inquisition [ist]. Es gibt einen Moralismus, der so rigide ist, dass er ins Unmenschliche und damit Unmoralische kippt.«

3. Die Dorje Shugden Kontroverse

Zur Shugden Kontroverse wurde viel—auch wissenschaftliche Abhandlungen—geschrieben. Die Gruppe, die den Dalai Lama als Lügner bezeichnet, weil er eine andere Ansicht als die ihre vertritt, und die der Stern auf der ersten Seite seines Artikels als Demonstranten in Nantes (Frankreich) erwähnt, wird von ehemaligen Migliedern häufig als Cult oder Sekte bezeichnet. Das Online-Forum von Ehemaligen der Gruppe, New Kadampa Survivors (»Überlebende der Neuen Kadampa Tradition«), zählt mehr als 850 Mitglieder. Dieses Yahoo-Forum wird von INFORM, einer renommierten wissenschaftlichen Einrichtung in Großbritannien, die seit Jahren zahllose Beschwerden über die Gruppe erhält, für Ehemalige empfohlen. Dieser Hintergrund war dem Stern aber genauso unbekannt oder egal wie die Tatsache, dass fanatische Shugden-Anhänger angeklagt sind, einen vehementen Shugden Kritiker und Vertrauten des Dalai Lama, Lobsang Gyatso, und zwei seiner Schüler getötet zu haben. Wahrscheinlich ebenso wenig bekannt könnte dem Stern die Tatsache sein, dass die Ikone der Shugden-Praxis, Trijang Chogtrul Rinpoche, einen perfiden Mordplan im eigenen Wohnumfeld aufdeckte, wo Shugden Anhänger planten, seinen Assistenten zu töten, um anschließend die Schuld dem XIV. Dalai Lama und der Exil-Regierung zuzuweisen. Trijang Chogtrul Rinpoche, der Shugden nach wie vor praktiziert, machte dies selbst in einer Radioansprache in Dharamsala (Indien) bekannt und floh vor den fanatischen Anhängern der Praxis in die USA; nicht ohne zu erwähnen, dass er sich keinen Kontakt mehr mit ihnen wünscht. Auch wurde versucht, den Shugden Kritiker und hohen Nyingma Lama Chatral Rinpoche zu töten, diesmal von einem westlichen fanatisierten Shugden-Anhänger.

All das berichtet der Stern nicht und behauptet zudem falsch, dass der Dalai Lama keine weiteren Begründungen für seine Restriktionen zur Shugden-Praxis angeben würde, als dass es der tibetischen Sache und seinem Leben schaden würde. Ein kurzer Besuch der offiziellen Homepage des Dalai Lama hätte diese falsche Behauptung leicht widerlegt. Auch Religionswissenschaftler von Brück verweist in seiner Forschung zu Shugden darauf, dass die Aussagen des Dalai Lamas zu Shugden gesammelt und publiziert wurden.¹⁰ Die Webseite der Exilregierung bietet noch mehr Material zum Thema.¹¹ Es handelt sich zudem um Restriktionen, ein generelles Verbot der Praxis gibt es nicht.

Auf den kontroversen historischen Kontext, der häufig sektiererisch interpretierten Shugden Praxis, die von anderen tibetisch-buddhistischen Praktizierenden wie den Kagyupas und Nyingmapas und auch teilweise von einigen Sakyapas und Gelugpas gefürchtet und vehement abgelehnt wird, geht der Stern erst gar nicht ein. Der moderne Verbreiter der Praxis, Pabongkha Rinpoche, obwohl von Gelugpas hoch geehrt, kann nach Ansicht von Karénina Kollmar-Paulenz, Professorin für Religionswissenschaft an der Universität Bern, als »buddhistischer Fundamentalist bezeichnet werden«.¹²

Toleranz, Demokratie, Freiheit wo beginnen sie, wo hören sie auf?

Um das Thema und die Rolle des XIV. Dalai Lama in diesem Konflikt knapp zusammenzufassen sei an dieser Stelle Paul Williams, Professor für indische und tibetische Philosophie an der Universität Bristol, zitiert:¹³

»Der Dalai Lama versucht die politische Vision der Tibeter zu modernisieren und die Querelen zwischen den tibetischen Gruppen beizulegen. Er hat das Dilemma der Liberalen: Kann man die Intoleranten tolerieren?«

Der ganze Shugden-Konflikt ist sehr komplex und hat viel mit religiösem Fundamentalismus zu tun. Das erklärt das teilweise harte Vorgehen des Dalai Lama. Berechtigterweise muss bestätigt werden, dass übereifrige tibetische Anhänger des Dalai Lama weit über das Ziel hinausgeschossen sind und es Missstände auf beiden Seiten gibt. Allerdings ohne differenzierte Untersuchung kann man den Konflikt weder erfassen noch beurteilen, noch kann man allein den Dalai Lama dafür verantwortlich machen. Die Behauptung des Stern, dass ein Drittel der 130.000 Exil-Tibeter Shugden vor dem ‚Bann‘ praktiziert hätten, erscheint sehr unrealistisch. Experten gaben wiederholt an, dass von ca. 6 Millionen Tibetern ca. 100.000 Shugden praktiziert hätten.²²

4. Orakel

Die Nutzung des tibetischen Staatsorakels als Ratgeber hat eine jahrhundertlange religiöse Tradition und ist sicher ungewöhnlich für Westler. Anders als vom Stern suggeriert und behauptet, verlässt sich der Dalai Lama nicht an erster Stelle und nur auf das Orakel, sondern er und die tibetische Exilregierung holen die Meinung des Staats-Orakels Nechung ein und überprüfen dessen Aussage und folgen ihr nicht blind.¹⁴

Von Brück zitiert in seiner Forschungsarbeit zu Shugden des Dalai Lamas Herangehensweise:

»Selbst wenn mein Meister etwas sagt, vergleiche ich es mit dem, was Je Tsongkhapa gesagt hat und untersuche die Aussage auf dieser Basis. In ähnlicher Weise glaube ich nicht einfach etwas, selbst wenn es von einem dharma-Beschützer stammt. Ich denke darüber nach und halte eine Divination. Ich bin dabei sehr sorgfältig … Einige mögen denken, daß ich einfach alles leicht glaube, was Nechung sagt, … aber das ist nicht so … Es heißt, daß wir Gelukpas die Kraft konventioneller Verstandesargumente zu schätzen wissen, und diesem Ruf müssen wir uns tatsächlich auch würdig erweisen. Aus diesem Grunde muß gefragt werden, ob Shugden die Reinkarnation Tulku Drakpa Gyaltsens ist oder nicht. Selbst wenn es so wäre, würde dies auf der Grundlage eines Konfliktes zwischen Tulku Drakpa und dem 5. Dalai Lama so sein … Die Angelegenheit muß mit Vernunftsargumenten betrachtet werden … Aber das Außergewöhnliche (die Gottheiten) auf der Ebene von Vernunftargumenten gewöhnlicher Wesen zu beurteilen, ist letztlich unmöglich.«¹⁵

Eine differenzierte und detaillierte Analyse zum Umgang des 14. Dalai Lama mit Moderne und Tradition ist auch im Essay von Dreyfus Zwischen Schutzgöttern und internationalem Starruhm: Eine Analyse der Haltung des 14. Dalai Lama zu Modernität und Buddhismus zu finden.

5. CIA und Homophobie

Es wäre sicher noch einiges mehr zum Stern-Artikel zu sagen. Zwei Punkte, die mir wichtig erscheinen, in aller Kürze.

Der Dalai Lama erwähnt bereits in seiner Autobiographie von 1961, »Freedom in Exile«, die Beziehungen der CIA zur tibetischen Guerilla. Der Kontakt zur CIA wurde durch den älteren Bruder des Dalai Lama, Gyalo Thondup—ohne Wissen des Dalai Lama—hergestellt. Den CIA Chef der Operation, Ken Knaus, trifft der Dalai Lama erst im Jahr 1964. Knaus kommentiert diese Begegnung: »Das war einer der kühlsten Empfänge, die ich jemals erlebt habe. Sehr formell, sehr korrekt. Der Dalai Lama konnte mich offensichtlich nicht willkommen heißen. Ich war der Repräsentant von Gewalt, er als Buddhist konnte so etwas nicht absegnen.«

Die Geldhilfe der CIA, die für den Dalai Lama bestimmt war, wurde nach Aussage des Department of Information and International Relations, der CTA in Dharamsala, für den Aufbau der Büros in Geneva und New York verwendet. (Tibetan Government Press Release, 01.10.1998)

Die Regierung des Dalai Lama ersuchte 1951 offiziell militärische und finanzielle Hilfe von den USA—nicht von der CIA. Dass dies nötig war, liegt auf der Hand. Immerhin hatte der damals 16-jährige Dalai Lama die Verantwortung, das tibetische Volk und ihr Land vor der gewalttätigen Invasion Chinas zu schützen und Tibet hatte so gut wie keine Verbündete. Er entschied sich zudem—zur großen Enttäuschung vieler Tibeter—die Oppositionsbewegung nicht zu unterstützen. (Norman in Brauen 2005:166). So lehnte z.B. der Dalai Lama die Bitte um »spirituelle Unterstützung und Führung« der tibetischen Widerstandbewegung »Nationale Armee der Verteidiger des Glaubens« im Jahre 1956 ab. (Russia Today, »How CIA helped Dalai Lama to end up in exile«, 18.03.2009). Seine Rolle in diesem Prozess und die Beziehungen zu CIA sollten differenziert analysiert werden.

Der Standpunkt des Dalai Lama zu Sexualität geht auf die Schriften Vasubandhus und Je Tsongkhapas zurück. Von Gelehrten der Gelug Tradition, der der Dalai Lama angehört, wird allgemein erwartet, dass sie den Standpunkt ihrer Schule vertreten.  Seine Äußerung bezieht sich also auf existente buddhistische Mahayana-Schriften, die man zudem im kulturellen und zeitgeschichtlichen Kontext sehen muss. Die Theravada Tradition des Buddhismus hat da ganz andere und tolerantere Ansichten. Der Dalai Lama hat zudem betont, er sei bereit seinen Standpunkt zu ändern, wenn ihm andere Schriften oder gültige Argumente dazu vorgelegt werden. (Cabezón: Rethinking Buddhism and Sex) Dies entspricht dem üblichen Vorgehen im Buddhismus und seiner eigenen Empfehlung: Aussagen in buddhistischen Schriften großer Gelehrter werden als korrekt akzeptiert, es sei denn man kann diese Aussagen mit Aussagen des Buddha bzw. anderen gültigen buddhistischen Schriften oder Logik widerlegen. Der Dalai Lama hat also lediglich einen Standpunkt geäußert, der in der Gelug Tradition üblich ist. Homophob ist er jedoch nicht oder wie sonst kann man es sich erklären, dass der Dalai Lama Hand in Hand vor der Kamera eines Schweizer TV mit einem offen schwul lebenden Moderator geht?

Schade, dass der Stern es verpasste, den Dalai Lama oder seinen Pressevertreter dazu zu befragen und sich umfassend zu informieren.

6. Die Dalai Lamas als allein verantwortliche Diktatoren?

Die Dalai Lamas

»Die Dalai Lamas werden von ihren Anhängern als fortgeschrittene Mahayana Bodhisattvas angesehen, mitfühlende Wesen, die sozusagen ihren eigenen Eintritt in das Nirvana zurückgestellt haben, um der leidenden Menschheit zu helfen. Sie sind demnach auf einem guten Wege zur Buddhaschaft, sie entwickeln Perfektion in ihrer Weisheit und ihrem Mitgefühl zum Wohle aller Wesen. Dies rechtertigt, in Form einer Doktrin, die soziopolitische Mitwirkung der Dalai Lamas, als Ausdruck des mitfühlenden Wunsches eines Bodhisattvas, anderen zu helfen.«

»Hier sollten wir zwei Dinge feststellen, die der Dalai Lama nicht ist: Erstens, er ist nicht in einem einfachen Sinne ein ›Gott-König‹. Er mag eine Art König sein, aber er ist kein Gott für den Buddhismus. Zweitens, ist der Dalai Lama nicht das ›Oberhaupt des Tibetischen Buddhismus‹ als Ganzes. Es gibt zahlreiche Traditionen im Buddhismus. Manche haben ein Oberhaupt benannt, andere nicht. Auch innerhalb Tibets gibt es mehrere Traditionen. Das Oberhaupt der Geluk Tradition ist der Abt des Ganden Klosters, als Nachfolger von Tsong kha pa, dem Begründer der Geluk Tradition im vierzehnten/fünfzehnten Jahrhundert.«

Paul Williams, »Dalai Lama«, in
Clarke, P. B., Encyclopedia of New Religious Movements
(New York: Routledge, 2006), S. 136.

Regierungsverantwortung
der Dalai Lamas

»Nur wenige der 14 Dalai Lamas regierten Tibet und wenn, dann meist nur für einige wenige Jahre.«

(Brauen 2005:6)

»In der Realität dürften insgesamt kaum mehr als fünfundvierzig Jahre der uneingeschränkten Regierungsgewalt der Dalai Lamas zusammenkommen. Die Dalai Lamas sechs und neun bis zwölf regierten gar nicht, die letzten vier, weil keiner von ihnen das regierungsfähige Alter erreichte. Der siebte Dalai Lama regierte uneingeschränkt nur drei Jahre und der achte überhaupt nur widerwillig und auch das phasenweise nicht allein. Lediglich der fünfte und der dreizehnte Dalai Lama können eine nennenswerte Regieruagsbeteiligung oder Alleinregierung vorweisen. Zwischen 1750 und 1950 gab es nur achtunddreißig Jahre, in denen kein Regent regierte!«

Jan-Ulrich Sobisch,
Lamakratie - Das Scheitern einer Regierungsform (PDF), S. 182,
Universität Hamburg

Der Fünfte Dalai Lama,
Ngawang Lobsang Gyatso

Der Fünfte Dalai Lama, Ngawang Lobsang Gyatso

»Der fünfte Dalai Lama, der in der tibetischen Geschichte einfach ›Der Große Fünfte‹ genannt wird, ist bekannt als der Führer, dem es 1642 gelang, Tibet nach einem grausamen Bürgerkrieg zu vereinigen. Die Ära des fünften Dalai Lama (in etwa von seiner Einsetzung als Herrscher von Tibet bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts, als seiner Regierung die Kontrolle über das Land zu entgleiten begann) gilt als prägender Zeitabschnitt bei der Herausbildung einer nationalen tibetischen Identität - eine Identität, die sich im Wesentlichen auf den Dalai Lama, den Potala-Palast der Dalai Lamas und die heiligen Tempel von Lhasa stützt. In dieser Zeit wandelte sich der Dalai Lama von einer Reinkarnation unter vielen, wie sie mit den verschiedenen buddhistischen Schulen assoziiert waren, zum wichtigsten Beschützer seines Landes. So bemerkte 1646 ein Schriftsteller, dass dank der guten Werke des fünften Dalai Lama ganz Tibet jetzt »unter dem wohlwollenden Schutz eines weißen Sonnenschirms zentriert« sei; und 1698 konstatierte ein anderer Schriftsteller, die Regierung des Dalai Lama diene dem Wohl Tibets ganz so wie ein Bodhisattva - der heilige Held des Mahayana Buddhismus - dem Wohl der gesamten Menschheit diene.«

Kurtis R. Schaeffer, »Der Fünfte Dalai Lama Ngawang Lobsang Gyatso«, in
DIE DALAI LAMAS: Tibets Reinkarnation des Bodhisattva Avalokiteśvara,
ARNOLDSCHE Art Publishers,
Martin Brauen (Hrsg.), 2005, S. 65

Der Fünfte Dalai Lama:
Beurteilungen seiner Herrschaft I

»Gemäß der meisten Quellen war der [5.] Dalai Lama nach den Maßstäben seiner Zeit ein recht toleranter und gütiger Herrscher.«

Paul Williams, »Dalai Lama«, in
(Clarke, 2006, S. 136)

»Rückblickend erscheint Lobsang Gyatso, der ›Große Fünfte‹, dem Betrachter als überragende, allerdings auch als widersprüchliche Gestalt.«

Karl-Heinz Golzio / Pietro Bandini,
»Die vierzehn Wiedergeburten des Dalai Lama«,
O.W. Barth Verlag, 1997, S. 118

»Einmal an der Macht, zeigte er den anderen Schulen gegenüber beträchtliche Großzügigkeit. […] Ngawang Lobsang Gyatso wird von den Tibetern der ›Große Fünfte‹ genannt, und ohne jeden Zweifel war er ein ungewöhnlich kluger, willensstarker und doch gleichzeitig großmütiger Herrscher.«

Per Kvaerne, »Aufstieg und Untergang einer klösterlichen Tradition«, in:
Berchert, Heinz; Gombrich, Richard (Hrsg.):
»Der Buddhismus. Geschichte und Gegenwart«,
München 2000, S. 320

Der Fünfte Dalai Lama:
Beurteilungen seiner Herrschaft II

»Viele Tibeter gedenken insbesondere des V. Dalai Lama bis heute mit tiefer Ehrfurcht, die nicht allein religiös, sondern mehr noch patriotisch begründet ist: Durch großes diplomatisches Geschick, allerdings auch durch nicht immer skrupulösen Einsatz machtpolitischer und selbst militärischer Mittel gelang es Ngawang Lobzang Gyatso, dem ›Großen Fünften‹, Tibet nach Jahrhunderten des Niedergangs wieder zu einen und in den Rang einer bedeutenden Regionalmacht zurückzuführen. Als erster Dalai Lama wurde er auch zum weltlichen Herrscher Tibets proklamiert. Unter seiner Ägide errang der Gelugpa-Orden endgültig die Vorherrschaft über die rivalisierenden lamaistischen Schulen, die teilweise durch blutigen Bürgerkrieg und inquisitorische Verfolgung unterworfen oder außer Landes getrieben wurden.

Jedoch kehrte der Dalai Lama in seiner zweiten Lebenshälfte, nach Festigung seiner Macht und des tibetischen Staates, zu einer Politik der Mäßigung und Toleranz zurück, die seinem Charakter eher entsprach als die drastischen Maßnahmen, durch die er zur Herrschaft gelangte. Denn Ngawang Lobzang Gyatso war nicht nur ein Machtpolitiker und überragender Staatsmann, sondern ebenso ein spiritueller Meister mit ausgeprägter Neigung zu tantrischer Magie und lebhaftem Interesse auch an den Lehren anderer lamaistischer Orden. Zeitlebens empfing er, wie die meisten seiner Vorgänger, gebieterische Gesichte, die er gegen Ende seines Lebens in seinen ›Geheimen Visionen‹ niederlegte.«

(Golzio, Bandini 1997: 95)

Der Dreizehnte Dalai Lama,
Thubten Gyatso

Der Dreizehnte Dalai Lama, Thubten Gyatso

»Ein anderer, besonders wichtiger Dalai Lama war der Dreizehnte (1876-1933). Als starker Herrscher versuchte er, im Allgemeinen ohne Erfolg, Tibet zu modernisieren. ›Der große Dreizehnte‹ nutzte den Vorteil des schwindenden Einflusses China im 1911 beginnenden Kollaps dessen Monarchie, um faktisch der vollständigen nationalen Unabhängigkeit Tibets von China Geltung zu verschaffen. Ein Fakt, den die Tibeter von jeher als Tatsache erachtet haben.«

Paul Williams, »Dalai Lama«, in
(Clarke, 2006, S. 137)

»Manche mögen sich vielleicht fragen, wie die Herrschaft des Dalai Lama im Vergleich mit europäischen oder amerikanischen Regierungschefs einzuschätzen ist. Doch ein solcher Vergleich wäre nicht gerecht, es sei denn, man geht mehrere hundert Jahre in der europäischen Geschichte zurück, als Europa sich in demselben Zustand feudaler Herrschaft befand, wie es in Tibet heutzutage der Fall ist. Ganz sicher wären die Tibeter nicht glücklich, wenn sie auf dieselbe Art regiert würden wie die Menschen in England; und man kann wahrscheinlich zu Recht behaupten, dass sie im Großen und Ganzen glücklicher sind als die Völker Europas oder Amerikas unter ihren Regierungen. Mit der Zeit werden große Veränderungen kommen; aber wenn sie nicht langsam vonstatten gehen und die Menschen nicht bereit sind, sich anzupassen, dann werden sie große Unzufriedenheit verursachen. Unterdessen läuft die allgemeine Verwaltung Tibets in geordneteren Bahnen als die Verwaltung Chinas; der tibetische Lebensstandard ist höher als der chinesische oder indische; und der Status der Frauen ist in Tibet besser als in beiden genannten Ländern.«

Sir Charles Bell, »Der Große Dreizehnte:
Das unbekannte Leben des XIII. Dalai Lama von Tibet«,
Bastei Lübbe, 2005, S. 546

Der Dreizehnte Dalai Lama:
Beurteilungen seiner Herrschaft

»War der Dalai Lama im Großen und Ganzen ein guter Herrscher? Dies können wir mit Sicherheit bejahen, auf der geistlichen ebenso wie auf der weltlichen Seite. Was erstere betrifft, so hatte er die komplizierte Struktur des tibetischen Buddhismus schon als kleiner Junge mit ungeheurem Eifer studiert und eine außergewöhnliche Gelehrsamkeit erreicht. Er verlangte eine strengere Befolgung der mönchischen Regeln, veranlasste die Mönche, ihren Studien weiter nachzugehen, bekämpfte die Gier, Faulheit und Korruption unter ihnen und verminderte ihren Einfluss auf die Politik. So weit wie möglich kümmerte er sich um die zahllosen religiösen Bauwerke. In summa ist ganz sicher festzuhalten, dass er die Spiritualität des tibetischen Buddhismus vergrößert hat.

Auf der weltlichen Seite stärkte er Recht und Gesetz, trat in engere Verbindung mit dem Volk, führte humanere Grundsätze in Verwaltung und Justiz ein und, wie oben bereits gesagt, verringerte die klösterliche Vorherrschaft in weltlichen Angelegenheiten. In der Hoffnung, damit einer chinesischen Invasion vorbeugen zu können, baute er gegen den Widerstand der Klöster eine Armee auf; vor seiner Herrschaft gab es praktisch keine Armee. In Anbetracht der sehr angespannten tibetischen Staatsfinanzen, des intensiven Widerstands der Klöster und anderer Schwierigkeiten hätte er kaum weiter gehen können, als er es tat.

Im Verlauf seiner Regierung beendete der Dalai Lama die chinesische Vorherrschaft in dem großen Teil Tibets, den er beherrschte, indem er chinesische Soldaten und Beamte daraus verbannte. Dieser Teil Tibets wurde zu einem vollkommen unabhängigen Königreich und blieb dies auch während der letzten 20 Jahre seines Lebens.«

Sir Charles Bell in (Bell 2005: 546-47)

Der Vierzehnte Dalai Lama,
Tenzin Gyatso

Der Vierzehnte Dalai Lama, Tenzin Gyatso

»Der jetzige vierzehnte Dalai Lama (Tenzin Gyatso) wurde 1935 geboren. Die Chinesen besetzten Tibet in den frühen 1950er Jahren, der Dalai Lama verließ Tibet 1959. Er lebt jetzt als Flüchtling in Dharamsala, Nordindien, wo er der Tibetischen Regierung im Exil vorsteht. Als gelehrte und charismatische Persönlichkeit, hat er aktiv die Unabhängigkeit seines Landes von China vertreten. Durch seine häufigen Reisen, Belehrungen und Bücher macht er den Buddhismus bekannt, engagiert sich für den Weltfrieden sowie für die Erforschung von Buddhismus und Wissenschaft. Als Anwalt einer ›universellen Verantwortung und eines guten Herzens‹, erhielt er den Nobelpreis im Jahre 1989.«

Paul Williams, »Dalai Lama«, in
(Clarke, 2006, S. 137)

Moralische Legitimation
der Herrschaft Geistlicher

Für Sobisch ist die moralische Legitimation der Herrschaft Geistlicher »außerordentlich zweifelhaft«. Er konstatiert:

»Es zeigte sich auch in Tibet, daß moralische Integrität nicht automatisch mit der Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Menschen erlangt wird, sondern allein auf persönlichen Entscheidungen basiert. Vielleicht sind es ähnliche Überlegungen gewesen, die den derzeitigen, vierzehnten Dalai Lama dazu bewogen haben, mehrmals unmißverständlich zu erklären, daß er bei einer Rückkehr in ein freies Tibet kein politische Amt mehr übernehmen werde. Dies ist, so meine ich, keine schlechte Nachricht. Denn dieser Dalai Lama hat bewiesen, daß man auch ohne ein international anerkanntes politisches Amt inne zu haben durch ein glaubhaft an ethischen Grundsätzen ausgerichtetes beharrliches Wirken einen enormen Einfluss in der Welt ausüben kann.«

Jan-Ulrich Sobisch,
Lamakratie - Das Scheitern einer Regierungsform (PDF), S. 190,
Universität Hamburg

S.H. der XIV. Dalai Lama, Tenzin Gyatso »Der Begriff 'Dalai Lama' hat für die unterschiedlichsten Menschen eine jeweils andere Bedeutung. Manche verstehen darunter, dass ich ein lebender Buddha sei, die irdische Manifestation von Avalokitshvara, dem Bodhisattva des Mitgefühls. Andere sehen in mir einen 'Gott-König'. Gegen Ende der Fünfziger Jahre war ich der Vize-Präsident der Ratskommission der Chinesischen Volksrepublik. Als ich schließlich ins Exil ging, wurde ich als Konter-Revolutionär und Parasit bezeichnet. Doch nichts davon entstammt meinen Vorstellungen. Für mich weist der Titel 'Dalai Lama' lediglich auf das Amt hin, das ich inne habe. Ich bin nur ein menschliches Wesen, und zufällig ein Tibeter, der es vorgezogen hat, ein Buddhistischer Mönch zu sein.«
(Freedom in Exile: Autobiography of the Dalai Lama by Dalai Lama XIV)

Der Stern übersieht, dass die tibetische Geschichte und der tibetische Staat, als auch das Justizsystem der Tibeter, komplex und vielfältig sind und dass eine Demokratisierung von mittelalterlichen Zuständen—»Feudalismus [der] ein gutes Maß an Demokratie enthält«¹⁶—hinzu Moderne und voller Demokratie nur schrittweise und nicht mit Gewalt erfolgen kann. Auch die Kultur und Mentalität der Tibeter muss man berücksichtigen; Traditionen und historische Gepflogenheiten lassen sich nicht von heute auf morgen und nur von einer Person ändern, sondern nur mit dem Volk und in einem Tempo, das das Volk nicht spaltet. Der Dalai Lama muss Augenmaß halten, gibt es doch eine Fülle engstirniger und sehr traditionell ausgerichteter Tibeter und der Zusammenhalt und Harmonie ist in der Exilsituation besonders wichtig.

Fünfzig Jahre für den Demokratisierungsprozess ist eine sehr kurze Zeit und der wesentliche Motor dieser Entwicklung ist der Dalai Lama, der für die weite Mehrzahl aller Tibeter eine integere und natürliche Autorität ist, dessen Meinung und Ansichten sie als weise, aus der Sicht des Gemeinwohls und reflektiert betrachten und dies gilt nun für den einfachen Tibeter bis zu den größten buddhistischen Meistern aller tibetisch-buddhistischen Traditionen und der Bön Religion—bis auf recht wenige Ausnahmen einmal abgesehen. Der Dalai Lama hat gegen den Widerstand vieler traditioneller Tibeter einen Verfassungsentwurf für ein freies Tibet ausarbeiten lassen, der auch vorsieht, dass der Dalai Lama unter bestimmten Umständen angeklagt und seines Amtes als Regierungschef enthoben werden kann. (Norman in Brauen 2005:167) Es ist zu begrüßen, dass es mehr und mehr Kritiker an seinem Regierungsstil unter Tibetern gibt, das fördert den Demokratisierungsprozess. Der Dalai Lama ermutigt zudem wieder und wieder ihm zu widersprechen, nimmt Korrekturen an und unterstützt Meinungsfreiheit—anders als es vom Stern dargestellt wird. Es ist sicher noch nicht alles perfekt; das Schließen einer opponierenden Zeitung zeigt zudem, wie viel noch zu tun ist, und es gibt eine ganze Reihe von Missständen, an denen weiter gearbeitet werden muss und die benannt und aufgezeigt werden sollten.

Wenn man über Missstände im alten Tibet spricht, kann man nicht allein auf die Dalai Lamas verweisen. Als knappe historische Hinweise seien angemerkt:

  • Nur wenige der 14 Dalai Lamas regierten Tibet und wenn, dann meist nur für einige wenige Jahre. (Brauen 2005:6)
  • Der 1., 2., 6., 8. und die 9.–12. Dalai Lamas haben entweder gar keine oder kaum politische oder religiöse Macht ausgeübt. Der 6. und die 9.–12. Dalai Lamas wurden nicht älter als 24 Jahre alt und regierten überhaupt nicht. Der 7. Dalai Lama regierte uneingeschränkt nur drei Jahre.
  • Sobisch schätzt, dass »In der Realität … insgesamt kaum mehr als fünfundvierzig Jahre der uneingeschränkten Regierungsgewalt der Dalai Lamas zusammenkommen.« (Sobisch, Jan-Ulrich, Lamakratie – Das Scheitern einer Regierungsform (PDF), Universität Hamburg. S. 182)
  • Die Macht der Dalai Lamas, die politisch aktiv waren, reichte oft kaum über Lhasa / Zentraltibet hinaus und häufig musste der Dalai Lama vor innertibetischen Gegnern oder ausländischen Gegnern ins Ausland flüchten.
  • Die politisch aktiven Dalai Lamas, wie z.B. der 5., 13. und 14., waren bzw. sind eher große politische Reformer und Visionäre, die u.a. Justiz, Ausbildung usw. positiv und zugunsten des Gemeinwohls, einschließlich der Armen, und im Sinne von mehr Gerechtigkeit reformierten—oder dies zumindest versuchten—und die mit enorm rückwärts gewandten innertibetischen Kräften konfrontiert waren bzw. sind.
  • Die Demokratisierung der tibetischen Exilgemeinschaft in Indien und die Infragestellung seiner eigenen Rolle als politisches Oberhaupt gehen auch auf den 14. Dalai Lama zurück. Er musste Demokratie regelrecht verordnen!
  • Zudem sind die Tibeter eine der erfolgreichsten und am wenigsten gewalttätigen Exilgemeinden dieser Welt, etwas mehr Respekt, Würdigung, Wohlwollen und vor allem Differenzierung wären hier sicher wünschenswert und angemessen.

Der Stern vergaß leider auch, seine Kritik an drakonischen Strafen im alten Tibet in einen differenzierten historischen Kontext zu stellen. So waren z.B. der 13. und 14. Dalai Lama gegen die beschriebenen brutalen Strafmaßnahmen, wie Verstümmelungen, sie versuchten das Justizsystem gerechter zu gestalteten und der 14. Dalai Lama erlies im November 1950, im Alter von 15 Jahren, eine Generalamnestie für Strafgefangene.
Das Justizsystem in Tibet ging auf das 7. Jahrhundert zurück und reichte bis in das 20. Jahrhundert hinein; was heute als brutal und unmenschlich angesehen wird, ist ein Maßstab, der erst seit einigen Jahrzehnten existiert. Diesen Punkt macht auch der Anthropologe Martin Brauen deutlich, indem er auf einen Vortrag Tsewang Norbus verweist. Norbu hält darin westlichen Kritikern einen Spiegel vor, indem er sie aufruft, sie sollten doch erst einmal einen Blick auf die (eigene) europäische Geschichte des Mittelalters und des 19. und 20. Jahrhunderts werfen, die ebenso kein Ruhmeskapitel für Europa darstellt. (Brauen, Martin (2004). Dreamworld Tibet—Western Illusions, S. 245)

Die Behauptung des Stern, »dass die Ausbreitung des Buddhismus in Asien ähnlich blutig verlief wie des Islam in Arabien oder die christlichen Kreuzzüge«, ist schlicht falsch; jedoch gab es und gib es auch Gewalt im Buddhismus. Näheres dazu siehe:

7.  Abschluss

Insgesamt begrüße ich den Versuch Kritik zu äußern, auch wenn der Stern-Artikel weniger Kritik als undifferenzierte und tendenziöse Berichterstattung ist, die sich teilweise der Sichtweisen von Pseudo-Historikern und Verschwörungstheoretikern bedient. Mein Vorschlag wäre, dass der Stern ein paar renommierte Spezialisten aller Seiten und Standpunkte einlädt und ein Streitgespräch zum Thema in seiner Redaktion veranstaltet und dieses dann veröffentlicht. Das würde auch der demokratischen und sachlich korrekten Diskussionskultur und Aufklärung gut tun.

8. Weiteres

Dieser Beitrag wurde als Leserbrief an den Stern gesendet.
Der Beitrag wurde für diese Webseite überarbeitet.

Tenzin Peljor
12.08.2009

letzte Änderung: 06.07.2012
(Korrekturen zu Heinrich Harrer)

 

Knot

Fußnoten

¹ Wikipedia, 11.08.2009, http://de.wikipedia.org/wiki/Kritik

² siehe Autobiographie des XIV. Dalai Lamas »Freedom in Exile«

³ Ein Portrait des XIV. Dalai Lama, das seiner komplexen Persönlichkeit sicher am nächsten kommt, zeichnet der renommierte Journalist Pico Iyer in seinem Buch: The Open Road – The Global Journey of the Fourteenth Dalai Lama.
Ein schablonenhaftes Denken in politischen Kategorien von "links" und "rechts" und den jeweils dazugehörigen Feindbildern—das Europäer so stark in ihrer Beurteilung und Wahrnehmung bestimmt—ist sowohl für eine religiöse übende Person, wie sie der Dalai Lama an erster Stelle ist, als auch kulturell und gesellschaftlich für Tibeter eher unüblich. Wenn man die Kontakte des Dalai Lamas untersuchen möchte, gibt es also eine breite Basis für eine Fülle von Missverständnissen und Projektionen, die auch auf eine zu enge ideologische Sicht des Betrachters oder einen Mangel an Verständnis für buddhistische Sicht- und Herangehensweisen beruhen können. Dieser nicht unwesentliche Punkt wird im Artikel »I love Bush!« von Birgit Stratmann aufgegriffen und verdeutlicht.

Interpol on trail of Buddhist killers by The Times (June 22, 2007)

siehe Radio-Interviewauszug in »Under the Sway of the Demon« des Journalisten Raimondo Bultrini S. 205–206 (unveröffentlichte englische Übersetzung des in Italien publizierten Buches 'IL DEMONE E IL DALAI LAMA’)

http://www.dalailama.com/page.132.htm (Nachtrag 19.12.09: Wegen Umbau der Webseite steht dieser Artikel nun unter einer anderen Adresse zur Verfügung: http://www.dalailama.com/messages/dolgyal-shugden/his-holiness-advice.)

Michael von Brück: Religion und Politik im Tibetischen Buddhismus. Kösel Verlag, München 1999, Seiten 158–210

¹⁰ Dalai Lama, Gong sa skyabs mgon chen po mchog nas chos skyong bstan phyogs skor bk'a slob snga rjes bstsal pa khag cha tshang phyogs bsdebs zhus pa (Vollständige Sammlung von Äußerungen SH des Dalai Lama bezüglich des Vertrauens in Dhammapalas), Dharamsala: Sherig Parkhang (Publ.) 1996.

Siehe außerdem: Offizielle Webseite S.H. des Dalai Lama zu Dholgyal (Shugden)

¹¹ The Tibetan Administration on Controversy Surrounding Dorjee Shugden Practice by the Central Tibetan Administration (Nachtrag und Korrektur 19.12.09: Bis Dez. 2009 stand diese Dokumentation unter http://tibet.com/dholgyal/index.html zur Verfügung.)

Der 1. Teil der Schweizer Sendung »10 vor 10«, auf den der Stern sich in seinem Artikel unter »Journalist Beat Regli« bezieht, löste heftige Proteste in der Schweiz aus und musste in Folgesendungen korrigiert werden. Die Tibetische Exilregierung stellt die Selbstkorrektur des Schweizer Fernsehens, die im März 1998 im SF1 ausgestrahlt wurde, auf einer Internetseite zur Verfügung: http://www.tibetonline.tv/videos/57/shugden-issue-on-swiss-tv

¹² Karénina Kollmar-Paulenz: Kleine Geschichte Tibets, C.H.Beck Verlag 2006, S. 177

¹³ The Guardian, London, 6 July 1996, Shadow boxing on the path to Nirvana by Madeleine Bunting

¹⁴ siehe z.B. Autobiographie des XIV. Dalai Lamas »Freedom in Exile«

¹⁵ Michael von Brück: Religion und Politik im Tibetischen Buddhismus. Kösel Verlag, München 1999, S. 208

¹⁶ Sir Charles Bell: Der Große Dreizehnte – Das unbekannte Leben des XIII. Dalai Lama von Tibet. Bastei Lübbe Verlag 2005, S. 21

¹⁷ Der Vollständigkeit halber sei angemerkt, dass es 1931–32 und 1934–36 zwei amerikanisch-deutsche Forschungsexpeditionen nach Ost-Tibet gab, an denen Schäfer zusammen mit dem Amerikaner Brooke Dolan teilnahm. (siehe u.a.: Martin Brauen, Dreamworld Tibet: Western Illusions. Orchid Press Hong Kong 2004, S. 66 oder z.B. Engelhardt 2009)

¹⁸ Als der Dalai Lama am 08. Oktober 1939 in Lhasa ankam, waren die Teilnehmer der Ernst-Schäfer-Tibetexpedition bereits seit 2 Monaten zurück in Deutschland—sie kamen dort im August 1939 an. (siehe: Golzio, Karl-Heinz und Bandini, Pietro, Die vierzehn Wiedergeburten des Dalai Lama, S. 264 und Brauen, Martin, Dreamworld Tibet: Western Illusions, S. 66)

¹⁹ Brauen, Martin, Dreamworld Tibet: Western Illusions, S. 168

²⁰ von Brück, Michael: Religion und Politik in Tibet, Frankfurt a. M./Leipzig 2008, S. 104f.: »Der 14. Dalai Lama wuchs auf wie die anderen Dalai Lamas auch: in klösterlichen Traditionen geschult und dabei weitgehend isoliert von der Außenwelt. Erst allmählich konnte er sich mit der Weltpolitik vertraut machen. Im Zusammenhang mit seinem Besuch in Beijing 1954 zeigte er sich von den sozialistischen Ideen Maos durchaus beeindruckt und versuchte, entsprechende Reformen in Tibet einzuleiten, die von den Chinesen systematisch sabotiert und abgebrochen wurden.«

²¹ Robert Jay Lifton anwortet folgendes im genannten Tricycle Interview »From Mysticism To Murder – Lawrence Shainberg interviews Robert Jay Lifton on Aum Shinrikyo« (Winter 1997, S. 57):

Shainberg: He [Shoko Asahara] met with the Dalai Lama?

Lifton: The Dalai Lama received him courteously, probably even warmly, and probably said things to him that he wishes he didn't say. Asahara had pictures taken, and then quoted the Dalai Lama as saying, »What I've done for Buddhism in Tibet, you will do for Buddhism in Japan.« The Dalai Lama was asked about it later on and denied having said these things and said he just received him in a hospitable way. Asahara also visited religious leaders in Sri Lanka and other places, had his picture taken with them, and claimed they received him as a great spiritual master. But the Japanese press followed up his visits and interviewed a number of the people he’d described as having acclaimed him. One of them said, »We had a meeting and then he came back to me a week or two later and said he had achieved final enlightenment. I thought that was rather surprising because it usually takes close to a lifetime to achieve enlightenment.« But the act was convincing to his followers. And, in some way, it was convincing to himself. There’s a strange psychology with some people that enables them to believe in their own version of events and simultaneously maintain a whole manipulative, con man side. The combination can be persuasive.

²² Nachtrag 24.01.2010: Die Zahlenangabe des Stern könnte tendenziell auch zutreffen. Andrew Brown schrieb 1996 in seinem Artikel Battle of the Buddhists (PDF) im The Independent, dass die meisten Experten, die er befragte, einschätzten, dass höchstens 100.000 Menschen vom Bann betroffen seien. Andererseits war die Shugden Praxis, bevor der Dalai Lama sich 1978 erstmals öffentlich gegen sie aussprach, unter Gelugpas sehr weit verbreitet. Es liegt also nicht allzu fern zu vermuten, dass von 130.000 Exil-Tibetern, vielleicht 25.000–30.000 Shugden praktiziert haben. Aber solche Zahlen sind eher mit Vorsicht zu sehen, da es keine Statistiken gibt.

²³ Nachtrag 21. Juni 2012 und 6. Juli 2012:

Heinrich Harrer traf mit Peter Aufschnaiter im Januar 1946 in Lhasa ein. 1948 beginnt Harrer für die tibetische Regierung zu arbeiten. (Quelle: Tibet Justice Center – An Annotated Chronology of Relations in the 20th Century by Ken Herold, http://www.tibetjustice.org/reports/chron.html, abgerufen am 12.6.2012)

Laut einem Spiegel-Gespräch mit Heinrich Harrer von 1997, „Ich wollte nie weg aus Tibet“ (PDF), traf Harrer das erste mal auf den 11-jährigen Dalai Lama. Das muss zwischen 1946–47 gewesen sein:

SPIEGEL: […] Dafür sind Sie bald dem Dalai Lama als damals elfjährigem Jungen begegnet.

Harrer: Da muß ich gleich sagen, daß ich nie sein Lehrer gewesen bin, wie behauptet wurde. Der Dalai Lama war ja damals im Grunde ein armer Bub, der abgeschnitten von den anderen oben im Potala, im Palast, lebte. Der hatte keine Spielgefährten, nur seine Brüder durften ihn besuchen. Aber er hatte einen Feldstecher, mit dem er vom Potala aus zuschaute, wie wir da unten herumtollten und schwimmen gingen im Fluß und Ball spielten. Der Dalai Lama, so erzählte er später, hat uns um unser freies Leben beneidet. Wenn er nicht der Dalai Lama gewesen wäre, wäre er wahrscheinlich auch ein Lausbub wie wir gewesen.

SPIEGEL: Nachdem Sie ihn kennengelernt hatten, durften Sie mehr und mehr Zeit mit ihm verbringen.

Harrer: Wir haben zusammen gelernt, Geographie und ein bißchen Fotografieren, und er hat Uhren zerlegt, weil er schon immer das Innere der Dinge kennenlernen wollte. Dann habe ich ihm das Kino gebaut, wo ich zuerst ganz streng in einem getrennten Raum saß, weil ich gedacht habe, der Dalai Lama muß ganz allein sitzen mit seinem Lehrer und ich muß hinten den Projektor bedienen. Dann saßen wir doch zusammen auf dem Boden. Es war für uns beide eine unvergeßliche Zeit.

Nach Melvyn Goldstein traf sich Heinrich Harrer ab 1948 für ca. 1 1/2 Jahre grob geschätzt einmal in der Woche mit dem Dalai Lama. (Goldstein, Vol. 2, S. 197/8, A History of Modern Tibet – The Calm Before the Storm 1951 – 1955, University of California Press, Berleley, Los Angeles, London.)

Nach Telefon-Auskunft einer bekannten Tibetologin gehe aus Heinrich Harrers nicht offiziell zugänglichen Tagebüchern hervor, dass er den Dalai Lama im späten Frühjahr 1950 traf und „der Unterricht“ bis längstens Oktober 1950 dauerte mit Schwerpunkt zwischen etwa Juni und August.

 

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