In Ausgabe Nr. 32, 30.07.2009, veröffentlichte das Magazin Stern eine achtseitige Titelgeschichte mit dem Titel „Die zwei Gesichter des Dalai Lama - Der sanfte Tibeter und sein undemokratisches Regime“.
Im Editorial begründet Chefredakteur Thomas Osterkorn den Artikel wie folgt:
"[…] Solidarität darf den Blick auf Probleme nicht verstellen. In unserer Titelgeschichte über die 'Lichtgestalt mit Schattenseiten' beleuchten wir nun die im Westen kaum bekannten dunklen Facetten des Systems Dalai Lama, der im indischen Exil nicht gerade demokratisch regiert. Dort müssen kritische Zeitungen schließen, und andersgläubige Mönche fürchten sich vor Repressionen. Unser Asien-Korrespondent Janis Vougioukas, 33, sprach in Dharamsala, der 'Hauptstadt' der Exiltibeter, mit Mitgliedern der Exilregierung, mit Flüchtlingen, die erst zehn Tage zuvor nach ihrem langen Marsch über die Berge in Nordindien eingetroffen waren, und mit Tibetern, die seit Jahrzehnten im Exil leben."
Der nachfolgende Beitrag beleuchtet die Titelgeschichte des Stern, die tendenziös und teilweise schlecht recherchiert ist. Dr. Alexander Berzin und die Deutsche Buddhistische Union (DBU) haben ihren Standpunkt in einem Leserbrief an den Stern (PDF) bereits zusammengefasst. Der nachfolgende Beitrag geht auf einige Einzelheiten des Stern-Artikels ein.
Prinzipiell ist es zu sehr begrüßen, dass Kritik geübt wird wo Kritik angebracht ist. Kritik und das Annehmen von Kritik ist ein wesentlicher Motor zur Verbesserung von Missständen. Kritik bedeutet im Wesentlichen „[unter-]scheiden, trennen“ und bezeichnet „die Kunst der Beurteilung, des Auseinanderhaltens von Fakten, der Infragestellung“ in Bezug auf eine Person oder einen Sachverhalt.[1] Die Autoren des Stern-Artikels Tilman Müller und Janis Vougioukas, als auch dieser Beitrag sollten sich an diesem Maßstab messen lassen.
Der Aufklärung, Tibet, dem Demokratisierungsprozess und den Dalai Lamas helfen weder Verklärung oder Verkitschung noch Beiträge, die bewusst Zusammenhänge ignorieren, die differenzierende Betrachtungsweisen unterlassen, den eigenen Ansichten widersprechende Standpunkte unterschlagen und einen breiten Blickwinkel zugunsten eines engen Tunnelblicks vermeiden. Das gilt für Tibet-Kritiker wie Tibet-Verteidiger.
Da es eigentlich genügend wissenschaftlich fundierte Fachliteratur zu Tibet und den Dalai Lamas gibt, vor allem in Englisch, begrenzt sich dieser Beitrag auf wenige Kernpunkte des Stern-Artikels.
Der Stern-Artikel erweckt bewusst durch die
Bildwahl, die Untertitel zu Bildern und das wiederholte Aufzählen
von Personen mit Nazi-Hintergrund, die Kontakt zum Dalai Lama hatten
oder haben, den Eindruck, Seine Heiligkeit der Dalai Lama würde
den Nazis nahe stehen oder ihre Nähe suchen. Der Stern
übersieht dabei folgendes:
Der Dalai Lama lässt sich also weniger von politischem Kalkül oder political correctness leiten, sondern eher von innerer Zuwendung und einen möglichst vorurteilsfreien, offenen und menschlichen Blick.
Dies erklärt auch, warum er einen Massenmörder wie Mao Zedong, der seinem eigenen Volk, dem chinesischen Volk und ihm selbst enorm geschadet hat, differenziert und sogar mit Sympathie beschreibt.[2] Weil er weniger Schubladendenken pflegt als Westler es gewohnt sind, hat er keine Probleme sich als "Halb-Marxisten" zu bezeichnen und seine Sympathie für die kommunistischen Ideale auszudrücken. Man könnte den Dalai Lama genauso gut als 'linkslastig' darstellen, weil er sich mehrfach mit Mao traf, die Ideale des Sozialismus für gut befindet und glaubte, eine Beziehung zwischen Kommunismus und Buddhismus sei möglich; wobei der Kommunismus für das materielle, der Buddhismus für das spirituelle Wohl der Menschen sorgt. (Norman in Brauen 2005:164) Würde die Vermutung, der Dalai Lama könne 'linkslastig' sein, nicht zudem durch die Tatsache genährt, dass der 13. und 14. Dalai Lama - als auch einige andere frühere Dalai Lamas - in einfachen Bauernfamilien geboren wurden; also 'Vertreter der Arbeiter- und Bauernklasse' sind?Ist der Dalai Lama nun also rechts- oder linkslastig, beides oder weder rechts- noch linkslastig?
Der Dalai Lama betont in Interviews, dass er keine Alternative zu Marktwirtschaft und Demokratie sieht und er betont die Vorzüge und Chancen der Globalisierung während er gleichzeitig zu Verantwortung und Teilen mit den Armen auffordert und das Bauen luxuriöser buddhistischer Tempel und den Mangel an sozialer Aktivität in den eigenen Reihen kritisiert. Wenn der Stern dann noch berücksichtigen müsste, dass der Dalai Lama sich engagiert für Frauenrechte, die Ausbildung von Frauen, Nonnen und die volle Ordination für Frauen einsetzt, letzteres gegen den Widerstand vieler traditionalistischer tibetischer Kleriker, und sich in diesem Zusammenhang auf der Konferenz in Hamburg 2007 als "Feminist" bezeichnete, bricht sicher das Bild des Stern über den Dalai Lama völlig zusammen.Der Dalai Lama passt nicht so einfach in Schubladen.[3]
"Der tibetische Hofstaat pflegte einst enge Verbindungen zum NS-Regime. SS-Expeditionen wurden in Lhasa mit allen Ehrenbezeigungen empfangen."
Tatsache ist jedoch, dass nur eine einzige wissenschaftliche Expedition bestehend aus fünf Mitgliedern nach Tibet reiste (Engelhardt 2008: 78,81). Die international bekannte Expertin Dr. Isrun Engelhardt zeigt in einer ihrer Forschungen auf, dass die Ernst-Schäfer-Tibetexpedition (1938/39) als "rein wissenschaftliche Unternehmung geplant" war, aber von Anfang an "zwischen die Stühle von Politik und Wissenschaft" fiel. (Engelhardt 2008: 75) Hauptsächlich Heinrich Himmler versuchte Einfluss auf die Expedition zu gewinnen und sie für "politische, esoterische und pseudo-wissenschaftliche Ziele" zu vereinnahmen.
Dem Zoologen Schäfer gelang es trotzdem, seine wissenschaftlichen Ziele durchzusetzen, finanzierte die Expedition mit Hilfe der deutschen Wirtschaft und der Deutschen Forschungsgemeinschaft selbst, war aber auf die politische Unterstützung Himmlers angewiesen. Die tibetische Regierung verweigerte allerdings zunächst der Expedition mehrmals den Zutritt, bevor sie ihr letztlich einen Aufenthalt erlaubte. (Engelhardt 2008:78).
Die Tatsache einer wissenschaftlichen Expedition von fünf deutschen SS Mitgliedern, die das 'mystische Tibet' zu Beginn des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges besuchen, gab und gibt allerhand Anlass für wilde Spekulationen. Engelhardt, die die bekanntesten dieser Mythen in ihrem Aufsatz "The Nazis of Tibet: A Twentieth Century Myth" aufgreift und dekonstruiert, fasst eine traurige generelle Tendenz unseriöser 'Aufklärung' zur "Nazi-Tibet-Connection" wie folgt zusammen:
"Ein größeres Problem, und auch ein düstereres, als die Arbeiten okkulter oder krypto-Historiker, Sensationsschriftsteller oder Verschwörungstheoretiker sind Veröffentlichungen von solchen Journalisten und selbst-ernannten Aufklärern ('Vertretern der Erhellung') die, während sie vorgeben Licht in das Dunkel zu bringen und Tibet zu entmythologisieren, in Wirklichkeit neue Mythen konstruieren, indem sie Fakten und Fiktionen geschickt vermischen - bewusst oder unbewusst." (Engelhardt 2008: 85)
Diesen Vorwurf muss sich wohl auch der Stern gefallen lassen; um so mehr da Autor Tilman Müller bereits in einem anderen Stern Artikel (28. Mai 1997), der auch im englischen Sprachraum publiziert wurde, als Co-Autor falsche Behauptungen wie, dass die Schäfer-Expedition aus 30 Personen bestanden hätte und mit einem großen Vorrat an Waffen ausgestattet gewesen wäre, aufstellte. (siehe u.a. Engelhardt 2008: 86)
Die "Pflege" der "engen Verbindungen zum NS Regime" des "tibetischen Hofstaats", wie sie der Stern behauptet, beginnt also zu einer Zeit, als der Dalai Lama 3 Jahre alt und noch nicht einmal offiziell anerkannt und die weite Reise nach Lhasa noch gar nicht angetreten hatte. Für den Stern setzten sich "diese unrühmlichen Beziehungen" - von denen sich "Seine Heiligkeit bis heute nicht klar distanzierte" - fort, als der Dalai Lama im späten Frühjahr 1950 (!) im Alter von fast 15 Jahren Heinrich Harrer, dem "schneidigen Nazi" (Stern), erstmals persönlich begegnet. Die Begegnungen des österreichischen Bergsteigers Harrer mit dem Dalai Lama in Lhasa und der Unterricht dauerten bis längstens Oktober 1950, mit Schwerpunkt zwischen etwa Juni und August. (siehe Aufzeichnungen Harrers) Dass Harrer SS Mitglied war, stellte sich erst 1997 heraus.
Was also faktisch übrig bleibt von der postulierten "engen Verbindung zum NS Regime" des "tibetischen Hofstaats" sind zwei Tatsachen: 1. dass 1938/39 eine Expedition fünf deutscher Wissenschaftler, die Mitglieder der SS waren, nach Tibet stattfand und 2. dass Heinrich Harrer, der SS Mitglied war, vier Jahre nach seiner Ankunft in Lhasa, im späten Frühjahr 1950, seine erste persönliche Begegnung mit dem Dalai Lama hatte. — Bei allem Wohlwollen, seriöser Journalismus oder Qualitäts-Presse sieht sicher anders aus...
Zur Entmythologisierung und zur faktisch korrekten historischen Aufarbeitung der sog. Nazi-Tibet-Connection kann ich empfehlen:
Zur Historie der Ernst-Schäfer-Tibetexpedition siehe:
Mit Fehlern behaftet aber dennoch als Start zu gebrauchen sind:
"Es gab keine Zusammenarbeit irgendeiner Art, welcher auch immer, zwischen Tibetern und Deutschland im Zweiten Weltkrieg. [...] Folglich, abgesehen von der falschen Darstellung der wissenschaftlichen Expedition nach Tibet von fünf Wissenschaftlern, die mit der SS assoziiert waren und dem nichts-sagenden Brief des tibetischen Regenten an Hitler, der einzige Beweis der für eine Nazi-Tibet Connection angeführt werden kann, besteht aus einer Menge ungeprüfter sensationsheischender sich gut verkaufender Geschichten." (Engelhardt 2008: 95-96)
"Der Dalai Lama dürfte sich noch lange an die Peinlichkeiten erinnern, die ihm sein Freund Asahara beschert hat. In der engsten Umgebung des tibetischen Gottkönigs fühlt man sich dementsprechend unwohl. Denn dort weiß man: Der Dalai Lama ist ein wunderbarer Mensch, eine unkomplizierte Persönlichkeit, der für jeden ein offenes Ohr hat – manchmal eben auch für die Falschen."
Zur Shugden Kontroverse wurde viel – auch wissenschaftliche Abhandlungen[4] - geschrieben. Die Gruppe, die den Dalai Lama als Lügner bezeichnet, weil er eine andere Ansicht als die ihre vertritt, und die der Stern auf der ersten Seite seines Artikels als Demonstranten in Nantes (Frankreich) erwähnt, wird von ehemaligen Migliedern häufig als Cult oder Sekte bezeichnet. Das Online-Forum von Ehemaligen der Gruppe, New Kadampa Survivors ("Überlebende der Neuen Kadampa Tradition"), zählt mehr als 850 Mitglieder. Dieses Yahoo-Forum wird von INFORM[5], einer renommierten wissenschaftlichen Einrichtung in Großbritannien, die seit Jahren zahllose Beschwerden über die Gruppe erhält, für Ehemalige empfohlen. Dieser Hintergrund war dem Stern aber genauso unbekannt oder egal wie die Tatsache, dass fanatische Shugden-Anhänger angeklagt sind, einen vehementen Shugden Kritiker und Vertrauten des Dalai Lama, Lobsang Gyatso, und zwei seiner Schüler getötet zu haben.[6] Wahrscheinlich ebenso wenig bekannt könnte dem Stern die Tatsache sein, dass die Ikone der Shugden-Praxis, Trijang Chogtrul Rinpoche, einen perfiden Mordplan im eigenen Wohnumfeld aufdeckte, wo Shugden Anhänger planten, seinen Assistenten zu töten, um anschließend die Schuld dem XIV. Dalai Lama und der Exil-Regierung zuzuweisen. Trijang Chogtrul Rinpoche, der Shugden nach wie vor praktiziert, machte dies selbst in einer Radioansprache in Dharamsala (Indien) bekannt und floh vor den fanatischen Anhängern der Praxis in die USA; nicht ohne zu erwähnen, dass er sich keinen Kontakt mehr mit ihnen wünscht.[7] Auch wurde versucht, den Shugden Kritiker und hohen Nyingma Lama Chatral Rinpoche zu töten, diesmal von einem westlichen fanatisierten Shugden-Anhänger.
All das berichtet der Stern nicht und behauptet zudem falsch, dass der Dalai Lama keine weiteren Begründungen für seine Restriktionen zur Shugden-Praxis angeben würde, als dass es der tibetischen Sache und seinem Leben schaden würde. Ein kurzer Besuch der offiziellen Homepage des Dalai Lama hätte diese falsche Behauptung leicht widerlegt.[8] Auch Religionswissenschaftler von Brück verweist in seiner Forschung zu Shugden[9] darauf, dass die Aussagen des Dalai Lamas zu Shugden gesammelt und publiziert wurden.[10] Die Webseite der Exilregierung bietet noch mehr Material zum Thema.[11] Es handelt sich zudem um Restriktionen, ein generelles Verbot der Praxis gibt es nicht.
Auf den kontroversen historischen Kontext, der häufig sektiererisch interpretierten Shugden Praxis, die von anderen tibetisch-buddhistischen Praktizierenden wie den Kagyupas und Nyingmapas und auch teilweise von einigen Sakyapas und Gelugpas gefürchtet und vehement abgelehnt wird, geht der Stern erst gar nicht ein. Der moderne Verbreiter der Praxis, Pabongkha Rinpoche, obwohl von Gelugpas hoch geehrt, kann nach Ansicht von Karénina Kollmar-Paulenz, Professorin für Religionswissenschaft an der Universität Bern, als "buddhistischer Fundamentalist bezeichnet werden“.[12]
Toleranz, Demokratie, Freiheit wo beginnen sie, wo hören sie auf?
Um das Thema und die Rolle des XIV. Dalai Lama in diesem Konflikt knapp zusammenzufassen sei an dieser Stelle Paul Williams, Professor für indische und tibetische Philosophie an der Universität Bristol, zitiert:
"Der Dalai Lama versucht die politische Vision der Tibeter zu modernisieren und die Querelen zwischen den tibetischen Gruppen beizulegen. Er hat das Dilemma der Liberalen: Kann man die Intoleranten tolerieren?" [13]
Der ganze Shugden-Konflikt ist sehr komplex und hat viel mit religiösem Fundamentalismus zu tun. Das erklärt das teilweise harte Vorgehen des Dalai Lama. Berechtigterweise muss bestätigt werden, dass übereifrige tibetische Anhänger des Dalai Lama weit über das Ziel hinausgeschossen sind und es Missstände auf beiden Seiten gibt. Allerdings ohne differenzierte Untersuchung kann man den Konflikt weder erfassen noch beurteilen, noch kann man allein den Dalai Lama dafür verantwortlich machen. Die Behauptung des Stern, dass ein Drittel der 130.000 Exil-Tibeter Shugden vor dem 'Bann' praktiziert hätten, erscheint sehr unrealistisch. Experten gaben wiederholt an, dass von ca. 6 Millionen Tibetern ca. 100.000 Shugden praktiziert hätten.[*]
Die Nutzung des tibetischen Staatsorakels als Ratgeber hat eine jahrhundertlange religiöse Tradition und ist sicher ungewöhnlich für Westler. Anders als vom Stern suggeriert und behauptet, verlässt sich der Dalai Lama nicht an erster Stelle und nur auf das Orakel, sondern er und die tibetische Exilregierung holen die Meinung des Staats-Orakels Nechung ein und überprüfen dessen Aussage und folgen ihr nicht blind.[14]
Von Brück zitiert in seiner Forschungsarbeit zu Shugden des Dalai Lamas Herangehensweise:
"Selbst wenn mein Meister etwas sagt, vergleiche ich es mit dem, was Je Tsongkhapa gesagt hat und untersuche die Aussage auf dieser Basis. In ähnlicher Weise glaube ich nicht einfach etwas, selbst wenn es von einem dharma-Beschützer stammt. Ich denke darüber nach und halte eine Divination. Ich bin dabei sehr sorgfältig... Einige mögen denken, daß ich einfach alles leicht glaube, was Nechung sagt, ...aber das ist nicht so... Es heißt, daß wir Gelukpas die Kraft konventioneller Verstandesargumente zu schätzen wissen, und diesem Ruf müssen wir uns tatsächlich auch würdig erweisen. Aus diesem Grunde muß gefragt werden, ob Shugden die Reinkarnation Tulku Drakpa Gyaltsens ist oder nicht. Selbst wenn es so wäre, würde dies auf der Grundlage eines Konfliktes zwischen Tulku Drakpa und dem 5. Dalai Lama so sein... Die Angelegenheit muß mit Vernunftsargumenten betrachtet werden... Aber das Außergewöhnliche (die Gottheiten) auf der Ebene von Vernunftargumenten gewöhnlicher Wesen zu beurteilen, ist letztlich unmöglich."[15]
Eine differenzierte und detaillierte Analyse zum Umgang des 14. Dalai Lama mit Moderne und Tradition ist auch im Essay von Dreyfus Zwischen Schutzgöttern und internationalem Starruhm: Eine Analyse der Haltung des 14. Dalai Lama zu Modernität und Buddhismus zu finden.
Es wäre sicher noch einiges mehr zum Sternartikel zu sagen, zwei Punkte, die mir wichtig erscheinen in aller Kürze. Der Dalai Lama beschreibt in seiner Autobiographie „Freedom in Exile“ ganz offen die Beziehungen der tibetischen Regierung und ihm zur CIA. Immerhin hatte er die Verantwortung das tibetische Volk und ihr Land vor der gewalttätigen Invasion Chinas zu schützen und Tibet hatte so gut wie keine Verbündete. Er entschied sich zudem, zur großen Enttäuschung vieler Tibeter, die Oppositionsbewegung nicht zu unterstützen. (Norman in Brauen 2005:166). Seine Rolle in diesem Prozess sollte differenziert analysiert werden.
Der Standpunkt des Dalai Lama zu Sexualität geht auf die Schriften Vasubandhus und Je Tsongkhapas zurück. Von Gelehrten der Gelug Tradition, der der Dalai Lama angehört, wird allgemein erwartet, dass sie den Standpunkt ihrer Schule vertreten. Seine Äußerung bezieht sich also auf existente buddhistische Mahayana-Schriften, die man zudem im kulturellen und zeitgeschichtlichen Kontext sehen muss. Die Theravada Tradition des Buddhismus hat da ganz andere und tolerantere Ansichten. Der Dalai Lama hat zudem betont, er sei bereit seinen Standpunkt zu ändern, wenn ihm andere Schriften oder gültige Argumente dazu vorgelegt werden. (Cabezón: Rethinking Buddhism and Sex) Dies entspricht dem üblichen Vorgehen im Buddhismus und seiner eigenen Empfehlung: Aussagen in buddhistischen Schriften großer Gelehrter werden als korrekt akzeptiert, es sei denn man kann diese Aussagen mit Aussagen des Buddha bzw. anderen gültigen buddhistischen Schriften oder Logik widerlegen. Der Dalai Lama hat also lediglich einen Standpunkt geäußert, der in der Gelug Tradition üblich ist. Homophob ist er jedoch nicht oder wie sonst kann man es sich erklären, dass der Dalai Lama Hand in Hand vor der Kamera eines Schweizer TV mit einem offen schwul lebenden Moderator geht?
Schade, dass der Stern es verpasste, den Dalai Lama oder seinen Pressevertreter dazu zu befragen und sich umfassend zu informieren.

Fünfzig Jahre für den Demokratisierungsprozess ist eine sehr kurze Zeit und der wesentliche Motor dieser Entwicklung ist der Dalai Lama, der für die weite Mehrzahl aller Tibeter eine integere und natürliche Autorität ist, dessen Meinung und Ansichten sie als weise, aus der Sicht des Gemeinwohls und reflektiert betrachten und dies gilt nun für den einfachen Tibeter bis zu den größten buddhistischen Meistern aller tibetisch-buddhistischen Traditionen und der Bön Religion - bis auf recht wenige Ausnahmen einmal abgesehen. Der Dalai Lama hat gegen den Widerstand vieler traditioneller Tibeter einen Verfassungsentwurf für ein freies Tibet ausarbeiten lassen, der auch vorsieht, dass der Dalai Lama unter bestimmten Umständen angeklagt und seines Amtes als Regierungschef enthoben werden kann. (Norman in Brauen 2005:167) Es ist zu begrüßen, dass es mehr und mehr Kritiker an seinem Regierungsstil unter Tibetern gibt, das fördert den Demokratisierungsprozess. Der Dalai Lama ermutigt zudem wieder und wieder ihm zu widersprechen, nimmt Korrekturen an und unterstützt Meinungsfreiheit - anders als es vom Stern dargestellt wird. Es ist sicher noch nicht alles perfekt; das Schließen einer opponierenden Zeitung zeigt zudem, wie viel noch zu tun ist, und es gibt eine ganze Reihe von Missständen, an denen weiter gearbeitet werden muss und die benannt und aufgezeigt werden sollten.
Wenn man über Missstände im alten Tibet spricht, kann man nicht allein auf die Dalai Lamas verweisen. Als knapper historischer Hinweis sei angemerkt: Nur wenige der 14 Dalai Lamas regierten Tibet und wenn, dann meist nur für einige wenige Jahre. (Brauen 2005:6) Der 1., 2., 6., 8. und die 9.-12. Dalai Lamas haben entweder gar keine oder kaum politische oder religiöse Macht ausgeübt. Der 6. und die 9.-12. Dalai Lamas wurden nicht älter als 24 Jahre alt. Die Macht der Dalai Lamas, die politisch aktiv waren, reichte oft kaum über Lhasa / Zentraltibet hinaus und häufig musste der Dalai Lama vor innertibetischen Gegnern oder ausländischen Gegnern ins Ausland flüchten. Die politisch aktiven Dalai Lamas, wie z.B. der 5., 13. und 14., waren bzw. sind eher große politische Reformer und Visionäre, die u.a. Justiz, Ausbildung usw. positiv und zugunsten des Gemeinwohls, einschließlich der Armen, und im Sinne von mehr Gerechtigkeit reformierten - oder dies zumindest versuchten - und die mit enorm rückwärts gewandten innertibetischen Kräften konfrontiert waren bzw. sind. Die ganze Demokratisierung der Tibeter im Exil in Indien und die Infragestellung seiner eigenen Rolle als politisches Oberhaupt gehen auch auf den 14. Dalai Lama zurück. Er musste Demokratie regelrecht verordnen! Zudem sind die Tibeter eine der erfolgreichsten und am wenigsten gewalttätigen Exilgemeinden dieser Welt, etwas mehr Respekt, Würdigung, Wohlwollen und vor allem Differenzierung wären hier sicher wünschenswert und angemessen.
Der Stern vergaß bei aller berechtigter Kritik an drakonischen Strafen im alten Tibet zu erwähnen, dass z.B. der 13. und 14. Dalai Lama gegen solche brutalen Strafmaßnahmen, wie Verstümmelungen, waren, dass sie versuchten das Justizsystem gerechter zu gestalteten und dass der 14. Dalai Lama im November 1950, im Alter von 15 Jahren, eine Generalamnestie für Strafgefangene erlies.
Die Behauptung des Stern, "dass die Ausbreitung des Buddhismus in Asien ähnlich blutig verlief wie des Islam in Arabien oder die christlichen Kreuzzüge", ist schlicht falsch; jedoch gab es und gib es auch Gewalt im Buddhismus. Näheres dazu siehe:
Insgesamt begrüße ich den Versuch Kritik zu äußern, auch wenn der Stern-Artikel weniger Kritik als undifferenzierte und tendenziöse Berichterstattung ist. Mein Vorschlag wäre, dass der Stern ein paar renommierte Spezialisten aller Seiten und Standpunkte einlädt und ein Streitgespräch zum Thema in seiner Redaktion veranstaltet und dieses dann veröffentlicht. Das würde auch der demokratischen und sachlich korrekten Diskussionskultur gut tun. Leider hat der Stern darauf verzichtet in seinem Artikel Gegenargumente darzustellen, obwohl diese vorliegen.
Dieser Beitrag wurde als Leserbrief an den Stern gesendet.
Der Beitrag wurde für diese Webseite überarbeitet.
Tenzin Peljor
12.08.2009
Letzte inhaltliche Korrektur / Ergänzung: 02.03.2010

[1] Wikipedia, 11.08.2009, http://de.wikipedia.org/wiki/Kritik
[2] siehe Autobiographie des XIV. Dalai Lamas „Freedom in Exile“
[3] Ein Portrait des XIV. Dalai Lama, das seiner komplexen Persönlichkeit am nächsten kommt, zeichnet der renommierte Journalist Pico Iyer in seinem Buch: The Open Road – The Global Journey of the Fourteenth Dalai Lama. Auch das Buch von Prof. Dr. Martin Brauen "Die Dalai Lamas: Tibets Reinkarnationen des Bodhisattva Avalokiteshvara" hilft, ein differenzierteres Verständnis über Tibet und die Dalai Lamas zu entwickeln.
[4] Für eine Liste aller wissenschaftlichen Abhandlungen siehe: http://thedorjeshugdengroup.wordpress.com/2008/07/24/academic-researches-regarding-shugden-controversy-nkt/
[6] Interpol on trail of Buddhist killers by The Times (June 22, 2007)
[7] siehe Radio-Interviewauszug in „Under the Sway of the Demon“ des Journalisten Raimondo Bultrini S. 205-206 (unveröffentlichte englische Übersetzung des in Italien publizierten Buches 'IL DEMONE E IL DALAI LAMA’)
[8] http://www.dalailama.com/page.132.htm (Nachtrag 19.12.09: Wegen Umbau der Webseite steht dieser Artikel nun unter einer anderen Adresse zur Verfügung: http://www.dalailama.com/messages/dolgyal-shugden/his-holiness-advice.)
[9] Michael von Brück: Religion und Politik im Tibetischen Buddhismus. Kösel Verlag, München 1999, Seiten 158-210
[10] Dalai Lama, Gong sa skyabs mgon chen po mchog nas chos skyong bstan phyogs skor bk'a slob snga rjes bstsal pa khag cha tshang phyogs bsdebs zhus pa (Vollständige Sammlung von Äußerungen SH des Dalai Lama bezüglich des Vertrauens in Dhammapalas), Dharamsala: Sherig Parkhang (Publ.) 1996.
Siehe außerdem: Offizielle Webseite S.H. des Dalai Lama zu Dholgyal (Shugden)
[11] The Tibetan Administration on Controversy Surrounding Dorjee Shugden Practice by the Central Tibetan Administration (Nachtrag und Korrektur 19.12.09: Bis Dez. 2009 stand diese Dokumentation unter http://tibet.com/dholgyal/index.html zur Verfügung.)
Der 1. Teil der Schweizer
Sendung "10 vor 10", auf den der Stern sich in
seinem Artikel unter 'Journalist Beat Regli' bezieht, löste
heftige Proteste in der Schweiz aus und musste in Folgesendungen korrigiert werden. Die Tibetische
Exilregierung stellt die Selbstkorrektur des Schweizer Fernsehens, die
im März 1998 im SF1 ausgestrahlt wurde, auf einer Internetseite
zur Verfügung: http://www.tibetonline.tv/videos/57/shugden-issue-on-swiss-tv
[12] Karénina Kollmar-Paulenz: Kleine Geschichte Tibets, C.H.Beck Verlag 2006, S. 177
[13] The Guardian, London, 6 July 1996, Shadow boxing on the path to Nirvana by Madeleine Bunting
[14] siehe z.B. Autobiographie des XIV. Dalai Lamas „Freedom in Exile“
[15] Michael von Brück: Religion und Politik im Tibetischen Buddhismus. Kösel Verlag, München 1999, S. 208
[16] Sir Charles Bell: Der Große Dreizehnte - Das unbekannte Leben des XIII. Dalai Lama von Tibet. Bastei Lübbe Verlag 2005, S. 21
[*] (Nachtrag 24.01.2010: Die Zahlenangabe des Stern könnte tendenziell auch zutreffen. Andrew Brown schrieb 1996 in seinem Artikel Battle of the Buddhists (PDF) im The Independent, dass die meisten Experten, die er befragte, einschätzten, dass höchstens 100.000 Menschen vom Bann betroffen seien. Andererseits war die Shugden Praxis, bevor der Dalai Lama sich 1978 erstmals öffentlich gegen sie aussprach, unter Gelugpas sehr weit verbreitet. Es liegt also nicht allzu fern zu vermuten, dass von 130.000 Exil-Tibetern, vielleicht 25.000-30.000 Shugden praktiziert haben. Aber solche Zahlen sind eher mit Vorsicht zu sehen, da es keine Statistiken gibt.)
