Tibetischer Buddhismus im Westen

Fakten, Hintergründe, Standpunkte

 

Tantra

Dagyab Kyabgön Rinpoche


D ieses Mal will ich endlich mein Versprechen einlösen und ein paar Bemerkungen zum Thema Tantra machen. Ich werde versuchen, diesen gigantischen Komplex so einfach und unkompliziert wie möglich zu behandeln. Dabei besteht für mich das größte Problem, angesichts der unübersehbaren Fülle von Material, im richtigen Gliedern, Zusammenfassen und Weglassen. Wenn Ihnen die Erläuterungen trotzdem zu unverständlich, zu lang, zu trocken oder sonst wie schwer zugänglich erscheinen – macht nichts … einfach weiterblättern!

Folgende drei Fragen werden uns beschäftigen:

  1. Was ist Tantra?
  2. Wie erlangt man Zutritt zur tantrischen Realität?
  3. Wie geht es von da aus weiter?

1. Was ist Tantra?

Leider spuken in den Köpfen viele falsche Vorstellungen über Tantra herum. Das hat verschiedene Gründe. Da ist der exotische Reiz einer sogenannten asiatischen Geheimlehre, da gibt es magisch-mystische Rituale, jede Menge sexuelle Symbolik und die Verheißung außergewöhnlicher meditativer Erlebnisse und Erfahrungen. Was steckt nun wirklich hinter all dem?

Das alte Sanskrit-Wort Tantra stammt ursprünglich aus dem handwerklichen Bereich, genauer gesagt aus der Weberei. Beim Weben unterscheidet man »Kette« und »Schuss«. »Kette« heißen die zu Beginn der Arbeit fest über den Webrahmen gespannten Längsfäden, während »Schuss« die mit dem Weberschiffchen »eingeschossenen« Querfäden sind. Beides zusammen ergibt dann ein festes Gewebe. Mit dem Wort Tantra bezeichnete man die »Kette«.

Im spirituellen Bereich waren bereits in vorbuddhistischer Zeit, und dann besonders auch durch Buddha selbst (so lehrt es jedenfalls die buddhistische Überlieferung) Techniken des Geistestrainings entwickelt worden, durch die der Bewusstseinsstrom, also hier die »Kette«, über mehrere Existenzen hinweg ausgebildet werden kann. Im engeren Sinn steht also Tantra für Kontinuität. In tibetischen Texten werden denn auch die Begriffe rgyud (Tantra) und rgyun (Kontinuität) praktisch gleichgesetzt.

Im Laufe der Zeit ging man dazu über, all die meditativen Techniken, die der Ausbildung und Entwicklung des Bewusstseins-Tantra dienen, die sogenannten Yogas (tib. mal-’byor), ebenfalls als Tantras zu bezeichnen. Sie wurden in vier Klassen eingeteilt, nämlich in Kriya-Tantra, Charya-Tantra, Yoga-Tantra und (Maha) Annutarayoga-Tantra. Diese übertragene Bedeutung des Wortes Tantra hat sich im Laufe der Jahrhunderte sehr stark eingebürgert, sodass viele Leute sie für die einzige und eigentliche halten. Ich werde es deshalb im Folgenden auch so verwenden. Darüber hinaus versteht sich, dass ich mich nur zum Tantra des Buddhismus äußern kann, für die Erörterung hinduistischer oder anderer Tantra-Methoden fühle ich mich nicht kompetent. Wie bereits angedeutet, wird das Tantra des Buddhismus nach buddhistischer Überlieferung auf Buddha selbst zurückgeführt. Dem gegenüber steht die Auffassung vieler Religionswissenschaftler, nach der im Lauf eines Entwicklungsprozesses, dem der Buddhismus in den Jahrhunderten nach der Existenz des historischen Buddha unterworfen war, das Mahayana und zuletzt innerhalb des Mahayana das Tantra entstanden ist.

Dieser scheinbare Widerspruch wird uns jedoch nicht allzu sehr beunruhigen, wenn wir uns ansehen, wie die Begründung der meisten Tantra-Lehren in den Schriften beschrieben wird: Danach hat sich Buddha selbst als Vajradhara, die Essenz aller tantrischen Gottheiten, manifestiert und in irdischen oder nichtirdischen Umgebungen seinen teils menschlichen, teils aus anderen Bereichen kommenden Schülern die Initiationen und Erklärungen gegeben. Die Art und Weise dieser Überlieferung zielt schon deutlich auf die Einbeziehung einer nichtkonventionellen Realität ab, für die sich wiederum unsere konventionelle Wissenschaft nicht zuständig fühlt. Daher können meines Erachtens beide Erklärungsmodelle ruhig in ihrem jeweiligen Bezugsrahmen bestehen bleiben, ohne dass Unverträglichkeiten entstehen.

Für die Authentizität der Tantra-Techniken ist ferner von Bedeutung, dass sie seit ihrer Entstehung in ununterbrochener Reihenfolge vom Lehrer zum Schüler übermittelt worden sind. Ein wesentlicher Teil der Textüberlieferung beschäftigt sich damit, diese Übertragungslinien aufzuführen und ihre Gültigkeit zu bestätigen. Natürlich haben sich während der zweieinhalbtausendjährigen Überlieferung um die Kerninhalte der Tantras, das sind im Wesentlichen die Informationen über die meditativen Übungen in Bezug auf Gottheiten und Mandalas in Verbindung mit dem Übenden, eine Reihe von Riten und Bräuchen gebildet, die zum Teil durch die indische, zum Teil durch die tibetische Kultur geprägt sind. Sie sind nicht ohne Grund entwickelt und weitergegeben worden, meist aus didaktischen Motiven. Dennoch dient es dem klaren Verständnis, gelegentlich zu unterscheiden zwischen der reinen Essenz und den kulturellen Zutaten.

Wenn wir uns entschließen, über die Essenz zu sprechen, ist es vielleicht gar nicht so schwer, hinter all den fremdartigen Symbolen und Vorgängen eine Art von Normalität zu finden.

Ich werde versuchen, Ihnen dazu ein Beispiel zu geben. Bei der Beschäftigung mit Tantra stoßen wir unweigerlich auf den Begriff »Mandala«. Mandalas sind in unserem Sprachgebrauch Umgebungen tantrischer Gottheiten. Wo aber befinden sich diese Umgebungen? Haben Sie schon einmal Götter-Paläste oder Vajra-Zäune gesehen? Natürlich nicht, denn, wie wir wissen, bestehen diese Mandalas nicht aus Materie, sondern aus Erkenntnis – ein Baumaterial, unter dem wir uns allerdings wenig vorstellen können. Und wir sollen sie uns ja nicht nur vorstellen, wir sollen sie erfahren. Also landen wir doch zwangsläufig bei der Frage nach dem tantrischen Realitätsbegriff. Wenn wir diese Frage nicht stellen oder keine Antwort darauf finden, wird sich unsere Annäherung lediglich auf Glauben und Frömmigkeit stützen, was den Westlern besonders schwerfällt.

Was also ist die tantrische Realität? Inwiefern unterscheidet sie sich von unserer bekannten Welt?

Die uns vertraute konventionelle Realität ist ja gekennzeichnet von der räumlichen Ausdehnung, dem linearen Zeitbegriff und der Beziehung des Ich zu allen übrigen Erscheinungen, ausgedrückt durch Begriffe wie Subjekt und Objekt, Innen und Außen. Wir selbst scheinen uns in einer konkreten Welt zu bewegen, von der wir glauben, dass sie unabhängig von uns existiert. Diese unsere konventionelle Realität soll jedoch angeblich nur der winzige Ausschnitt einer Gesamtrealität sein, den wir zufällig gerade jetzt erfassen können (aber was heißt schon »Zufall«?). Unser Bewusstsein besitzt jedoch von seinem Potential her prinzipiell die Fähigkeit, diesen Ausschnitt immer mehr auszuweiten, bis schließlich alle Begrenzungen überwunden sind. Eine Möglichkeit, dieses Ziel schnell, aber nicht ohne Risiken zu erreichen, besteht in der Benutzung einer gewissermaßen »benachbarten Alternativrealität«, nämlich der tantrischen. Zu ihr gehören die Mandalas. Sie sind zwar ebenfalls nur ein Ausschnitt, aber im Vergleich zur konventionellen Realität wesentlich besser ausgestattet. Wir können sie daher als Sprungbrett für die Erfassung der Gesamtrealität nutzen.

Soviel zu der Frage nach den Unterschieden zwischen der tantrischen und der konventionellen Realität. Die nächste Frage gilt natürlich den Gemeinsamkeiten. Was verbindet die beiden Realitäten miteinander? Denn eine Verbindung muss es ja geben, sonst könnten wir nicht in beiden vertreten sein. Diese Frage führt uns direkt zu den Lehren über abhängiges Entstehen und Leerheit:

Von der konventionellen wie von jeder anderen Realität heißt es im Buddhismus, dass sie nicht konkret, nicht aus sich selbst heraus besteht. Alle ihre Erscheinungen sind abhängig von Bedingungen und Ursachen. Das sagt sich so leicht dahin. Es bedarf einer großen Anstrengung, diese schlichte Feststellung wirklich mit allen ihren Konsequenzen zu realisieren. Gelingt das aber allmählich, dann erlebt der Praktizierende, dass die Erscheinungen der konventionellen Realität, er selbst natürlich eingeschlossen, zwar nach wie vor vorhanden sind, aber sie »fühlen sich anders an«. Man könnte sagen, ihre Anordnung ist gelockert. Sie sind irgendwie transparenter, leichter, flexibler. Die Rolle der Wahrnehmung und der Interpretation bei der Gestaltung dieser Realität wird deutlicher. Die Leerheit von konkreter Eigenexistenz zeigt sich mit der ganzen Fülle ihrer Möglichkeiten. In diesem Stadium bekommt der Meditierende eine Ahnung davon, dass die Anordnung der Erscheinungen zueinander und nacheinander so oder auch ganz anders sein kann – unter anderem in Abhängigkeit von seinem Bewusstsein. Von da an ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zur Erkenntnis, dass die tantrische Realität nur eine andere Anordnung um den gleichen Bewusstseinskern herum ist. Oder, wie es in den Texten heißt: Aus der Leerheit heraus kann alles entstehen.

Dennoch sind diese Umgebungen auch wieder nicht ganz frei generierbar oder programmierbar, denn wie alle Realitäten teilen wir auch die tantrische Realität mit anderen Lebewesen. Daher bewegt man sich in einem gemeinsamen Muster. Die »Neuzugänge« erhalten deshalb im Verlauf der tantrischen Einweihung und in den anschließenden Unterweisungen unter anderem eine genaue Beschreibung der entsprechenden Umgebung. Der Fachbegriff für dieses Erschließen einer Umgebung heißt »in das Mandala der Gottheit eintreten«.

So, nun muss ich mich wohl endlich auf den Versuch einlassen zu erklären, was eine tantrische Meditationsgottheit eigentlich ist. Seit wann beten die Buddhisten Götter an? Sie tun es nicht, und ich werde versuchen, das durch die folgenden Erläuterungen zu verdeutlichen:

  1. In der tantrischen Realität haben die Konzepte unserer konventionellen Realität keine Gültigkeit. Was wir »hier« für eine Person oder ein Individuum halten, ist »dort« einfach irrelevant.
  2. Die tantrische Realität wird gestaltet durch verschiedene Aspekte dessen, was wir Buddha-Geist nennen. Diese Aspekte manifestieren sich, um dem menschlichen Vorstellungsvermögen entgegenzukommen, unter anderem (aber nicht nur) in der äußeren Form der Meditationsgottheiten. Diese Gottheiten sowie die sie umgebenden Mandalas bestehen jedoch aus nichts anderem als der Erkenntnis der Buddhas.
  3. Der gemeinsame Nenner oder die Brücke zwischen unserer konventionellen und der tantrischen Realität sind unsere fünf Persönlichkeitskomponenten (Sanskrit: Skandha), nicht jedoch die von uns irrtümlicherweise daraufgesetzte Ego-Illusion. Die fünf Komponenten sind: Körper, Wahrnehmung, Empfindung, karmische Gestaltungskräfte, Bewusstsein. In der begrenzten Form, wie wir sie heute kennen, sind sie eine schwache Andeutung dessen, was sie sein könnten – und später sein werden. Wir sprechen davon, dass unsere ungereinigten Skandhas gereinigt werden müssen, nämlich gereinigt von falschen Vorstellungen. Der Weg zur Buddhaschaft ist nichts anderes als dieser immer weiter fortschreitende Reinigungsprozess. Am Ende stehen die vollkommen gereinigten Skandhas, die nun selbst Aspekte der Buddhaschaft sind. Man bezeichnet sie als die Fünf Buddhafamilien oder auch – mit einem Ausdruck, von dem ich selbst nicht genau weiß, wo er eigentlich herkommt – als die Dhyani-Buddhas: Vairocana, Ratnasambhava, Amitabha, Amoghasiddhi und Akshobhya. Diesen Fünf Buddhas, also den vollkommen gereinigten Skandhas, werden nun in einer Reihe von Entsprechungen die Bestandteile zugeordnet, die unsere innere und äußere Realität bilden: die fünf geistigen Gifte, die fünf Arten von Erkenntnis, fünf Farben, fünf Mantra-Keimsilben, die fünf Richtungen, fünf Elemente, fünf Embleme und so weiter. Zu allen diesen Bestandteilen gibt es Erklärungen auf verschiedenen Bedeutungsebenen, die letztlich darauf hinauslaufen, das Grundmuster beider Realitäten zu beschreiben und über die fünf Skandhas zu uns selbst in Beziehung zu setzen.

So, und jetzt kommt’s: Die tantrischen Meditationsgottheiten »bestehen aus« nichts anderem als den Fünf Buddhas, sie variieren lediglich hinsichtlich ihrer Gestalten und Funktionen. Da gibt es unterschiedliche Schwerpunkte. So wird zum Beispiel Avalokiteshvara als der Aspekt des großen Mitleids aller Buddhas bezeichnet, oder Aryatara als der Aspekt der Buddha-Aktivitäten. Aber in ihrer Essenz unterscheiden sie sich nicht.

Die tantrischen Meditationsgottheiten sind also nicht Wesen, die wir anbeten. Sogar der im Westen beliebte und eingebürgerte Begriff »Energieformen« ist mir fast noch zu konkret.

Und nun noch eine Feststellung, mit der Sie vielleicht nicht gerechnet haben: In der tantrischen Realität gibt es keine andere Daseinsform als diese – auch für uns nicht, wenn wir lernen, dort unsere Identität aufzubauen. So kommt es zu dem etwas verwirrenden Begriff »sich selbst als tantrische Gottheit vorstellen« bzw. »generieren«. Am Anfang, wenn wir mit der tantrischen Realität in Kontakt kommen, sehen wir zwar die Gottheiten als Gegenüber an. Aber mit fortschreitender Meditationspraxis erweist sich diese getrennte Betrachtung als unhaltbar: sie ist nicht »mandala-kompatibel«. Mit unserem Konzept der Existenz getrennter Lebewesen kommen wir also in einer tantrischen Umgebung nicht weiter. Wir sind herausgefordert, ja sogar gezwungen, dieses Konzept aufzugeben, wenn wir in ein Mandala eintreten wollen.

Wenn Sie diese Versuche einer Annäherung lesen, sehen Sie schon, wie schwierig es ist, etwas, was nicht an unsere Realität gebunden ist, mit den Mitteln genau dieser Realität zu beschreiben. Wenn ich das Wesen und die Bedeutung der tantrischen Meditationsgottheiten und ihrer Umgebungen in einem Satz zusammenfassen sollte, würde ich vielleicht sagen:

Das Große Wissen, das Große Mitleid jenseits unserer Begrenzungen hat Form angenommen, damit wir zu ihm in Beziehung treten, es übernehmen und realisieren können.

Natürlich stellt sich da gleich die Frage: Warum gerade diese Formen? Warum diese Gestalten, diese Attribute, diese Paläste, diese Farben und Klänge? Die Gottheiten und Umgebungen sind ja offensichtlich unserem Erfahrungsbereich angepasst, wobei man jedoch bedenken muss, dass diese Techniken seit Tausenden von Jahren überliefert werden und von den kulturellen Gegebenheiten des alten Indiens geprägt sind. Allerdings hat sich in den Vorstellungen der Menschen seither nicht so viel geändert, dass die verwendeten Symbole und Chiffren für uns heutige Praktizierende unentzifferbar geworden wären. Sollte es einmal soweit kommen, wären die Tantras nicht mehr vermittelbar und nicht mehr praktizierbar, sie würden erlöschen.

Nun könnte man natürlich fragen: Warum wird die Präsentation nicht einfach vorsichtig an die geänderten Zeiten angepasst? Ich bin mir zwar nicht sicher, ob wir einem Heruka in Jeans viel abgewinnen könnten, aber das käme auf einen Versuch an. Wenn wir so denken, vergessen wir jedoch, dass die tantrischen Gottheiten in dieser Form kein Eigenleben führen. Sie existieren in dieser Form lediglich für die und mit den Praktizierenden, also den Lehrern und Schülern, die Einweihungen geben und bekommen. Sie sind in diesem Sinne ein Vehikel der Übertragung, eine Projektionsebene. Keiner, der mit Hilfe dieser Projektionsebene tantrisches Wissen erworben hat und selbst weitergibt, würde daher auf die Idee kommen, eigenmächtig an ihrer Präsentation herumzubasteln. Im Gegenteil: Wer mit diesen Umgebungen vertraut ist und sich in ihnen zuhause fühlt, wird sich stets in Ehrfurcht und tiefster Dankbarkeit dessen bewusst sein, dass all diese Formen und Symbole von einer ununterbrochenen Kette von Hunderten und Tausenden von Meistern nicht nur übernommen und weitergegeben, sondern durch die Kraft ihrer Meditation und inneren Beteiligung bestätigt und verstärkt worden sind. Insofern wäre es ebenfalls durchaus berechtigt, die Mandalas auch als Resultat der Anwendung tantrischer Methoden zu bezeichnen. Die menschenähnliche Erscheinungsform der Gottheiten stellt in diesem Sinne eine Brücke zwischen unserer konventionellen und der tantrischen Realität dar.

Und eines möchte ich in diesem Zusammenhang auch noch andeuten: Letztendliches Ziel der tantrischen wie jeder meditativen Praxis ist ja die Erkenntnis dessen, was hinter allen Formen und Gestaltungen liegt. Daher wird man mit fortschreitender Erfahrung zwar die Formen nutzen, aber sich über ihr »So« und »Sonicht« nicht mehr allzu viele Gedanken machen.

Gut. Soweit mein Versuch, die Grundlagen des Tantra andeutungsweise zu beschreiben. Nun kommen wir zur zweiten Frage:

2. Wie erlangt man Zutritt zur tantrischen Realität?

Da geht es zunächst um das bereits erwähnte Ritual, für das sich hier die Bezeichnung Einweihung oder auch Initiation eingebürgert hat. In der Überlieferung gibt es davon drei Arten, nämlich erstens die volle Ermächtigung (tib. dbang, gesprochen Wang), zweitens die Erlaubnis zur Meditation und Mantra-Rezitation (tib. rjesgnang, gesprochen Jenang) und drittens das Vorlesen von Texten oder Mantras (tib. lung, gesprochen Lung).

Ein Wang ist die volle Ermächtigung, die Praxis einer bestimmten tantrischen Meditationsgottheit auszuüben, sowie nach den entsprechenden Vorbereitungen (Durchführung von Retreats usw.) die Einweihung weiterzugeben und bestimmte Rituale durchzuführen.

Der Jenang wird im Tibetischen umschrieben mit den Worten »Kraft besitzend machen« (nus-ldan-du bya-ba). Es handelt sich dabei um die Erlaubnis zur Mantra-Rezitation und Meditation entsprechend dem überlieferten tantrischen Text. Der Praktizierende darf aber nur dann sich selbst als Gottheit visualisieren bzw. generieren – im Sinne des oben Erklärten –, wenn er bereits vorher einen Wang für eine beliebige Gottheit der gleichen oder einer höheren Tantra-Klasse erhalten hat. Nach den kanonischen Texten ist es ausdrücklich verboten, tantrische Praxis mit der Vorstellung von sich selbst als Gottheit nur aufgrund von Jenangs auszuüben. Das liegt nicht an der Buchhalter-Mentalität der Lamas, sondern an den Fähigkeiten der Schüler, deren feinere Bewusstseinsschichten durch den Wang erst aktiviert und auf diese Meditationen vorbereitet werden (sollen).

Unter Lung versteht man die mündliche Überlieferung durch Vorlesen. Das dient dem Zweck, das Text-Studium durch den Segen des vorgetragenen Textes zu unterstützen bzw. die Rezitation eines Mantras offiziell zu erlauben oder in ihrer Wirkung zu verstärken. Derjenige, der den Lung erteilt, muss ihn vorher selbst im Rahmen der Überlieferungslinie erhalten haben. Der Lung sichert also die Überlieferung authentischer Texte. Um Mantras rezitieren zu dürfen, braucht man mindestens einen Lung. Ausgenommen von dieser Bedingung sind die allgemein bekannten Mantras von Buddha Shakyamuni, Avalokiteshvara, Amitabha, Aryatara und Manjushri, die jeder rezitieren darf.

Was ich im Folgenden erläutere, bezieht sich vor allem auf den Wang, also die volle Ermächtigung. Wie schon erwähnt, existiert für diese Ermächtigung eine ununterbrochene Übertragungslinie. Sie kann also nur von Personen erteilt werden, die sie selbst von einem erfahrenen Meister erhalten haben und alle sonstigen Voraussetzungen hinsichtlich ihrer Qualifikation erfüllen.

Was das Ritual selbst angeht, so begegnen sich hier (im Vordergrund) Asien und Europa. Es gibt viel zu sehen und zu hören, das meiste davon unverständlich, aber für viele trotzdem, für manche gerade deshalb faszinierend, toll und exotisch, zumindest während der ersten ein bis zwei Stunden. Vielleicht sollte ich mich nicht so kritisch äußern, aber was man so im Lauf der Jahre von westlichen Buddhisten über Tantra und tantrische Einweihungen erzählt bekommt, ist teilweise einfach haarsträubend. Um es auf den Punkt zu bringen: Drinsitzen allein genügt nicht!

Leicht ist es auf keinen Fall, sich in einem solchen Ritual zurechtzufinden. Wenn es darum geht, dass wirklich eine Ermächtigung stattfinden soll, dann wird natürlich der Lehrer ausführliche Erklärungen zu jedem einzelnen Schritt abgeben, damit die Schüler die Meditation auch wirklich mit dem Lehrer teilen können. Aber auch bei viel gutem Willen kann man bei großen Einweihungen, die sich bis tief in die Nacht hinziehen, als Anfänger das Abbröckeln der Aufmerksamkeit kaum vermeiden. Manche mögen sich dann, geplagt von Langeweile, Schmerzen in den Knien oder strapazierten Nerven, fragen, warum sie sich das eigentlich antun. Das ist eine gute Frage! Man kann auch fragen, ob es denn nicht andere Möglichkeiten des Zugangs gibt. Sicher gibt es grundsätzlich Einweihungen, die sich ohne jedes sichtbare äußere Ritual vollziehen, aber das setzt bei Lehrern und Schülern Qualitäten voraus, die in diesem Jahrhundert wohl kaum mehr anzutreffen sind. Wir können schon froh sein, wenn wir ein Ritual haben, durch das wir mit der Nase auf die jeweiligen Visualisierungen gestoßen werden.

Darüber hinaus heißt es ja nicht ohne Grund, Tantra bestehe aus »Mantra, Mudra, Meditation und Substanzen«, was gerade in diesen Ritualen deutlich wird. Die Benutzung stofflicher Substanzen wie Wasser oder Getreide als Basis für die meditative Erfassung geistiger Symbole oder Prozesse soll unter anderem die Koppelung oder Zusammenbindung der tantrischen Realität mit den physischen Erscheinungen unserer konventionellen Realität zum Ausdruck bringen. Aber nun genug davon.

Wann hat nun eine Einweihung funktioniert? Wann hat der Schüler eine gültige Einweihung erhalten? Wenn er den Erklärungen des Lehrers durch die verschiedenen Stadien hindurch konzentriert gefolgt ist und mit ihm in der gemeinsamen Meditation den Kontakt hergestellt hat, der die direkte Übernahme des inneren Wissens über die tantrische Realität von Hintergrund zu Hintergrund ermöglicht.

3. Wie geht es von da aus weiter?

Bei geeigneten Voraussetzungen, besonders hinsichtlich der Motivation, kann ein Schüler, der in dieser Weise eine Initiation erhalten hat, durch lebenslange Meditationsübung seine eigene tantrische Identität aufbauen und verstärken. Ob man sich nach und nach durch alle vier Tantra-Klassen »hindurcharbeitet« oder ob man, wie es in unserer Zeit häufig der Fall ist, gleich beim Maha-Annutarayoga einsteigt, Ziel der Bemühungen ist jedenfalls diese oberste Tantra-Klasse, die den Meditierenden zur Realisierung seiner authentischen Identität in einer tantrischen Umgebung führen soll. Das nennen wir, wie gesagt, »sich selbst als tantrische Gottheit generieren«. Das vollzieht sich in etwa vier Phasen: Einweihung, Vorstellung, Kontaktaufnahme, Verwirklichung.

Im Ritual der Einweihung und in den darauf folgenden Unterweisungen lernt der Schüler zuerst, dass es eine tantrische Realität und die Gestalten der Meditationsgottheiten überhaupt gibt. Ihr Aussehen und ihre Funktion wird beschrieben. Es gibt Empfehlungen, aber keine »Vorschriften« darüber, in welcher Weise der Schüler sich zu dieser Realität in Beziehung setzen kann. Die Frage, ob er an diese Gottheit glaubt, stellt sich dabei nicht.

Nach der Einweihung wird er versuchen, sich mit der Meditationsgottheit tiefer vertraut zu machen. Wenn er sich zu der entsprechenden Praxis und der Gottheit hingezogen fühlt, und zwar nicht nur in den ersten drei Tagen nach der Einweihung, ist das ein gutes Zeichen. Die Annäherung kann geschehen, indem man sich das Bild der Gottheit im Geist vergegenwärtigt, was sich zunächst durchaus wie ein bloßer Phantasie-Akt anfühlen kann, oder durch Rezitation von Mantras und anderen Techniken. Die Fortsetzung der grundlegenden Lamrim-Praxis spielt auch in dieser Phase eine entscheidende Rolle, ebenso das Entwickeln einer immer ausgedehnteren Motivation und das entschlossene Reduzieren egozentrischer Tendenzen. In dieser Phase kommt der Übende an eine Klippe, an der schon viele für lange Zeit hängengeblieben oder sogar ganz gescheitert sind, nämlich die Erwartung der schnellen Erfolge. Und wenn sie nicht gleich eintreten, bastelt man sich eben welche. Die meisten Erzählungen von tollen Erlebnissen und Visionen, die man so hört, gehören in das Umfeld dieser Klippe. Hier gibt es nur ein Heilmittel: Die Machenschaften des eigenen Ego erkennen und stoppen.

Ist das gelungen und die Praxis wird kontinuierlich fortgesetzt, verwandelt sich der anfängliche Akt der Phantasie fast unmerklich in eine Art von intuitiver Wahrnehmung. Und zwar wird gewissermaßen über Antennen und Kanäle wahrgenommen, die es vorher noch gar nicht gegeben hat, deshalb lässt sich das auch schwer beschreiben. Zu dieser Zeit hat der Übende ein fast räumliches Gefühl der Ausdehnung seines Bewusstseins in eine Richtung, die er vorher nie erahnen konnte und die er sich auch gar nicht hätte vorstellen können. Spätestens an diesem Punkt des Weges braucht der Übende keine Anfeuerung von außen und kein mühsames Erzeugen der Motivation mehr. Seine Bemühungen werden jetzt von purer Freude getragen und verstärkt.

Ja, und was die vierte Phase, die der Verwirklichung angeht, über die kann sich jeder selbst seine Gedanken machen.

Nun haben Sie vielleicht schon gehört, dass der tantrische Weg von allen buddhistischen Schulungswegen der schnellste, aber auch der gefährlichste sei. Ein tibetisches Sprichwort sagt: »Tantra praktizieren heißt, sich wie eine Schlange in einem senkrecht stehenden Rohr zu bewegen – es geht entweder aufwärts oder abwärts, eine andere Möglichkeit gibt es nicht.« Was soll nun an dieser Sache so gefährlich sein?

Die konventionelle Realität mit allen ihren gewohnten und vertrauten Bezugspunkten in Frage zu stellen oder sogar zeitweise zu verlassen, ist eine Erfahrung, die den Menschen bis ins Innerste erschüttert. Sie setzt ihn dem Erlebnis extremer Unsicherheit aus. Nur wer psychisch sehr stabil ist und sich außerdem uneingeschränkt auf das Vertrauen in den Lehrer, die Meditationsgottheiten und die Methoden sowie auf eine saubere, uneigennützige Motivation stützen kann, ist vor negativen Folgen dieser Erschütterung geschützt. Wo diese Voraussetzungen fehlen, riskiert der Schüler psychische Störungen bis hin zur dauerhaften Desorientierung.

Angesichts der vielen mühelos zugänglichen Einweihungen, die heutzutage im westlichen spirituellen Supermarkt angeboten werden, müsste man sich eigentlich wegen der möglichen »Folgeschäden« pausenlos Sorgen machen. Und bei einigen geht es ja auch gründlich schief. Aber andererseits ist es glücklicherweise so, dass sowohl im Westen wie auch im Osten – vorsichtig ausgedrückt – nicht jeder Tantra praktiziert, der glaubt, Tantra zu praktizieren. »Geschützt durch Ignoranz« könnte man sagen, und das hat ja auch sein Gutes. Trotzdem möchte ich die Risiken nicht herunterspielen und warne immer wieder davor. Dazu gehört auch der unermüdlich wiederholte Hinweis auf die Bedeutung der grundlegenden Übungen und der uneigennützigen Zielsetzung. Eines muss wirklich klar sein: Nach der buddhistischen Überlieferung gibt es kein Tantra, das frei im Raum schwebt, losgelöst von den Erklärungen und Übungen der Sutras, die sowohl die Richtung des Hinayana wie auch des Mahayana umfassen. Daher gibt es auch keine gültigen Einweihungen für Interessierte, die aber weder Zuflucht genommen noch sich intensiv um Verständnis und Vertiefung derjenigen Motivation bemüht haben, die das Wohl der anderen vor das eigene setzt.

Dazu muss ich doch noch etwas mehr erklären: Ich weiß, dass bei strengerer Handhabung einige leicht den Eindruck bekommen, es handele sich bei den »Tantrikern« um einen Insider-Club, der seine Geheimnisse nicht preisgeben will. Tatsächlich ist es aber so, dass die Geheimnisse sich selbst schützen. Die tantrische Realität ist so beschaffen, dass man, beladen mit dem Marschgepäck einer egozentrischen Grundhaltung, dort nicht Fuß fassen kann. Es funktioniert einfach nicht, weil das geistige Muster einer solchen Einstellung dort von selbst »durch das Raster fällt«.

Um nun den Praktizierenden sinnlose und für sich selbst gefährliche Experimente zu ersparen, gibt man in der buddhistischen Überlieferung die tantrischen Erklärungen erst dann, wenn die Voraussetzungen stimmen. Zufluchtnahme, Hören, Nachdenken, Meditieren über die Themen des Stufenweges (Lamrim, tib. lamrim) oder des Geistestrainings (Lojong, tib. blo-sbyong) und damit Verminderung des egozentrischen Denkens und Handelns und allmähliche Annäherung an eine selbstlose Motivation sind die Stadien des vorbereitenden Weges. Es geht also nicht darum, dass Tantra aus Engstirnigkeit nur den Buddhisten gegeben wird, sondern dass, wie in jeder Religion, die höchsten Formen der Praxis nur an die Erprobten weitergegeben werden, von denen zuverlässig feststeht, dass sie durch die vorangegangene Ausbildung ihre geistigen Hindernisse wenigstens bis zu einem gewissen Grad beseitigt, sowie aufrichtiges Bemühen, Hingabe und Ausdauer bewiesen haben. Werden sie dann auf den tantrischen Weg gebracht, kann daraus wirklich Nutzen entstehen.

Ein Aspekt der Geheimhaltung besteht also darin, die Schüler zu schützen. Ein weiterer Aspekt besteht darin, die Verbindungskanäle zwischen den Realitäten, die ja nur aus dem Wissen der Beteiligten bestehen, vor der Verstopfung durch zu viele, zu flache Konzepte zu schützen.

So, wenn ich nun notgedrungen viel über Risiken, Klippen und Irrtümer gesagt habe, erklärt sich daraus bereits, warum der Lehrer im Tantra eine so überaus wichtige Rolle spielt. Inmitten einer unendlichen Vielfalt von subtilen und subtilsten Vorgängen ist es seine Aufgabe, Klarheit zu schaffen, korrigierend einzugreifen und so viel Unterstützung wie nur möglich zu geben. Wie das im Einzelnen aussieht, habe ich bereits in den Erklärungen über die Zusammenarbeit zwischen Lehrer und Schüler dargelegt, deshalb brauche ich das hier nicht weiter zu verfolgen.

Bliebe noch die Frage nach dem Nutzen zu stellen. Ist das alles für den Meditierenden ein esoterisches Privatvergnügen, oder wo soll es hinführen? Ich glaube, die Antwort lautet: Jedes Lebewesen, das sich in beiden Realitäten – und über sie hinaus – souverän bewegen und Aktivitäten entfalten kann, hat die Möglichkeit, in diese kranke Welt eine andere Qualität »hineinzuziehen«. Das ist der Zweck der Übung.

So, ich glaube, diese kurzen Bemerkungen zum Tantra sollten für diesmal genügen. In Wirklichkeit ist das natürlich ein Thema ohne Ende. Aber wenn man es auf der intellektuellen Ebene behandeln will, stößt man unvermeidlich bei jedem Satz an Grenzen. Trotzdem – versuchen muss man es.


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Dagyab Kybgön Rinpoche

Loden Sherab Dagyab Rinpoche wurde 1940 im Osten Tibets geboren und mit vier Jahren als der IX. Kyabgön (Schutzherr) der Region Dagyab anerkannt. Er zählt zu den ranghöchsten Tulkus (Hotuktu).

Als die VR China im Jahre 1959 Tibet überfiel und besetzte floh er zusammen mit dem Dalai Lama nach Indien ins Exil. Nach seiner Flucht aus Tibet erwarb er im indischen Exil den akademischen Grad eines Geshe Lharampa. Von 1964 bis 1966 leitete er das Tibethaus in New Delhi, welches als international anerkanntes Institut zur Erhaltung und Förderung der tibetischen Kultur gilt.

Einer Einladung der Universität Bonn folgend kam Dagyab Rinpoche 1966 nach Deutschland, lebte für ca. vierzig Jahre mit seiner Familie in der Nähe von Bonn und arbeitete an der Bonner Universität als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Seit 2009 lebt er mit seiner Familie in Berlin. Er ist spiritueller Leiter des Tibethauses in Frankfurt am Main.

S. E. Dagyab Kyabgön Rinpoche wird als derjenige tibetisch-buddhistische Meister angesehen, der die meisten Übertragungslinien der Gelugpa-Linie, aber auch umfassende Übertragungslinien der Sakya- und Kagyü-Schulen hält.

© Dagyab Rinpoche und Tibethaus Deutschland

Online-Veröffentlichung mit freundlicher Erlaubnis von Andreas Ansmann. Der Beitrag erschien in »Tibetischer Buddhismus im Westen«, Dagyab Kyabgön Rinpoche, 198 S., ISBN 978-3-931442-81-1, Seiten 157-176.

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