Tibetischer Buddhismus im Westen

Fakten, Hintergründe, Standpunkte

 

Kritik am tibetischen Buddhismus und am Dalai-Lama-System

Zwei neue Bücher - ihre Schwächen und Stärken

Karl-Heinz Golzio
Universität Bonn
Indologisches Seminar


Seit den 80er und verstärkt seit den 90er Jahren erfreut sich der tibetische Buddhismus in den westlichen Ländern - d. h. den Ländern Europas und Nordamerikas - immer stärkerer Beachtung und größeren Zulaufs von Westlern. Eine bedeutende Rolle in diesem Entwicklungsprozeß spielte und spielt die Person des XIV. Dalai Lama Tenzin Gyatso, der spätestens seit der Verleihung des Friedensnobelpreises im Jahre 1989 zu einer international beachteten Gestalt wurde, die ständig die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zieht.

Nicht zuletzt aufgrund der zum Teil enthusiastischen Anhängerschaft und den von ihr zumeist mit Hilfe tibetischer Lamas gegründeter Zentren entstand auch eine Flut von Literatur von vom Dalai Lama verfaßten Schriften sowie Bücher über ihn und den tibetischen Buddhismus, die den Büchermarkt überschwemmte. Bei diesen Werken handelt es sich größtenteils um unkritische, dem tibetischen Buddhismus und dem Dalai Lama durchweg positiv gegenüber stehende Bücher, die man zum Teil sogar als Devotionalenliteratur bezeichnen könnte. Davon auszunehmen ist die Sparte der wissenschaftlichen Literatur, die aber nur selten den Weg in die Abteilungen der sogenannten spirituellen oder sonstigen religiösen Literatur in den Bücherläden findet.

Bei der ständig wachsenden Zahl glorifizierender und die Friedfertigkeit des tibetischen Buddhismus betonender Bücher konnte es auf Dauer nicht ausbleiben, daß sich auch negative Stimmen zu diesem Themenkomplex auf dem Büchermarkt zu Wort meldeten. Im Frühjahr 1999 erschien im Düsseldorfer Patmos-Verlag das voluminöse Werk Der Schatten des Dalai Lama (816 Seiten) des unter dem Pseudonym Victor und Victoria Trimondi schreibenden Autorenehepaares Herbert und Mariana Röttgen, die ihren Namen auf den Klappentext des Buches preisgeben, wo man unter anderem von der ehemaligen Tätigkeit für den XIV. Dalai Lama in den 80er Jahren erfährt. Aufgrund der scharfen Abwendung und der Neigung, Verschwörungstheorien zu konstruieren, wurde das Buch relativ bald nach seinem Erscheinen in der Süddeutschen Zeitung als »Renegatenliteratur« apostrophiert. Wenn man es liest, kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, daß diese Charakterisierung zutreffend ist. Dennoch bleibt die Frage bestehen, ob nicht bestimmte Kritikpunkte auf richtigen Schlußfolgerungen beruhen.

Dalai Lama in der Kritik:

Victor und Victoria Trimondi:
Der Schatten des
Dalai Lama.
Sexualität, Magie und Politik im
tibetischen Buddhismus. Düsseldorf:
Patmos 1999. 816 Seiten, geb., 58,00 DM.

Colin Goldner
Dalai
Lama - Fall einesGottkönigs.
Aschaffenburg: Alibri Verlag 1999.
456 Seiten, kt., 39,00 DM.


Während dieses Werk sich laut Untertitel mit »Sexualität, Magie und Politik im tibetischen Buddhismus«, also hauptsächlich der Religion im gesellschaftlichen und politischen Kontext, beschäftigt, erhebt das von Colin Goldner im Spätsommer 1999 erschienene Buch Dalai Lama - Fall eines Gottkönigs (Aschaffenburg: Alibri Verlag, 456 Seiten) den Anspruch, ein primär politisches Buch zu sein und distanziert sich unter anderem schroff von dem Buch der Röttgens, das als »religionswissenschaftliches Glasperlenspiel« bezeichnet wird, obgleich sich einige Kapitel allem Anschein nach sehr stark an das geschmähte Werk anzulehnen scheinen. Der Schatten des Dalai Lama ist in zwei große Teile untergliedert, dessen erster, »Ritual als Politik«, sich mit der Einstellung des Buddhismus im allgemeinen und des tibetischen Buddhismus im besonderen beschäftigt und dabei das Hauptaugenmerk auf den Stellenwert eines bestimmten Textes, des Kalacakra-Tantra, und die Bedeutung des mythischen Reiches Sambhala legt.

Bei allen getroffenen Feststellungen - seien sie nun zutreffend, von beschränkter Aussagekraft oder völlig abwegig - besteht aber die Tendenz zu Übertreibungen, falschen Kombinationen, frei erfundenen Behauptungen und eigenwilligen etymologischen Deutungen (die umso selbstsicherer behauptet werden, je weniger Kenntnis über die zugrundeliegende Sprache besteht).

Eine fundamentale These dieses Buches ist die Frauenfeindlichkeit des Buddhismus, aber es wäre auch verwunderlich, wenn eine in der Antike entstandene patriarchalische Bettelmönchsreligion in Frauen etwas anderes sehen würde als eines der Hindernisse auf dem spirituellen Heilsweg. Aber um die durch das Keuschheitsgelübde der Mendikanten (der sogenannten »Mönche«) vorgegebene frauenfeindliche Einstellung möglichst drastisch darzustellen, erfinden die Autoren eine »orgiastische Liebesnacht« des zukünftigen Buddha vor seinem Entschluß, in die Hauslosigkeit zu gehen. Bereits vorher haben sie den Tod seiner Mutter Maya kurz nach seiner Geburt zu einem »Frauenopfer« hochstilisiert und ergehen sich in Spekulationen über deren Namen, der in der Tat soviel wie »Täuschung, Verblendung« bedeutet, woraus aber in der buddhistischen Tradition keine diesbezüglichen Schlüsse gezogen werden. Diese werden aber von den Autoren gezogen, die hier anscheinend den hinduistischen maya-Begriff von der natürlichen Welt als Illusion willkürlich übertragen, um ihre eigene Weltsicht einzubringen. Leider vermißt man eine sachliche Auseinandersetzung zu diesem Thema. Statt dessen verfallen sie wie so viele Autoren, die nur sehr unklare Vorstellungen vom alten Indien haben und auch über keinerlei Grundkenntnisse der klassischen Sprachen Sanskrit und Pali verfügen, auf unhaltbare Wortkombinationen und daraus abgeleitete Schlußfolgerungen. So wird zum Beispiel die schreckliche Göttin Kali (»Die Schwarze«) mit dem Kali-Yuga, unserem gegenwärtigen schlechten Zeitalter, in Verbindung gebracht, obwohl dieses nach dem schlechtesten Wurf beim Würfelspiel (kali) benannt ist und gar nichts mit der Göttin zu tun hat, worauf aber immer wieder von den Trimondis unermüdlich Bezug genommen wird, als ob es sich um das Zeitalter der schrecklichen Göttin handele. Diese Göttin wird auch unreflektiert in den Buddhismus transponiert. Von dem ganzen Konstrukt, das viele Seiten füllt, hat eigentlich nur Bestand, daß es im Spätbuddhismus schreckliche Göttinnen gibt, die dem Typus nach der Göttin Kali ähneln, was auch nicht weiter verwunderlich ist, weil sich der späte Buddhismus in vielen Punkten dem Hinduismus angenähert hatte.

Leider ergeht sich das Buch dann noch weiterhin in allen möglichen Theorien unter Nutzung recht heterogener Literatur. Viele von ihnen sind fragwürdig (es würde den Rahmen der eigentlichen Thematik sprengen, auf alles einzugehen), aber selbst bei kulturgeschichtlich richtigen Beaobachtungen bleibt sehr oft die Frage bestehen, inwieweit diese zum Thema des Buches beitragen. Da es aber eine Tendenz der Autoren ist, nicht nur Dinge zu behandeln, die Gegenstand ernsthafter Diskussion sind, können diese nicht ganz ausgespart werden.

Sexualität und Frauenfeindlichkeit

Ein wichtiger Punkt ist zweifellos der Stellenwert, den die Sexualität und die Rolle der Frau im Ritual des tantrischen Buddhismus und insbesondere seiner tibetischen Spielarten einnehmen. Dabei sticht selbstverständlich die Diskrepanz zwischen der geforderten zölibatären Lebensführung der Mönche und der nicht zu übersehenden sexuellen Symbolik und der auch daraus abgeleiteten Praxis ins Auge. Die Röttgens stehen der Inkorporierung der Sexualität in die Religion grundsätzlich positiv gegenüber, sehen aber hier in der Ausbeutung der Frau als bloßes Ritualobjekt das Grundübel schlechthin, da es bei dem ausgeübten Geschlechtsverkehr hoher tantrischer Lamas darauf ankommt, den männlichen Samen zurückzuhalten und das »weibliche Elixier«, das heißt die weiblichen Sexualsekrete, in sich aufzusaugen, um dadurch die eigenen geistigen Energien zu steigern. Mit Recht bezeichnen sowohl die Röttgens als auch Goldner solche Praktiken als frauenfeindlich und im Falle von erzwungenem Geschlechtsverkehr sogar als sexuellem Mißbrauch. Eine solche Beurteilung berührt aber auch das grundsätzliche Problem jeder Religion: ein mehr oder weniger neutraler Außenstehender wird Positives und Abzulehnendes in allen Religionen finden, aber diese Bewertung hängt wiederum von den Werten ab, denen er sich selbst verpflichtet fühlt - seien es Humanismus, Gleichheit, Liberalität, Spiritualität, Pluralismus oder aber auch Antireligiosität und tiefe Verbundenheit zu einer Religion, wobei letzteres durchaus mit Antireligiosität gegenüber allen anderen Religionen in Einklang stehen kann. Kritiker einer Religion verfügen bisweilen über eine Scharfsichtigkeit, an der es anderen mangelt, gleichzeitig besteht aber auch die Neigung zu Übertreibungen und Vereinfachungen, die dem dargestellten Gegenstand nicht gerecht werden. Dafür bietet Goldner ein gutes Beispiel. So charakterisiert er den tibetischen Buddhismus mit seinen sexualmagischen Praktiken, seinen furchteinflößenden Schreckensgestalten, Tod und Blut folgendermaßen: »Die sado­masochistische Nekrophilie der tibetischen Mönchskultur … basiert auf einer pathologischen Aggression gegen alles Lebendige. Diese Aggression ist unvermeidlicher Ausfluß der prinzipiell lebensverneinenden Haltung des Buddhismus, die sich ausschließlich um Krankheit, Siechtum, Leiden im Alter, Sterben und Tod dreht: die Welt als zu überwindendes Jammertal.« Dieser gewiß etwas überspitzt formulierten Charakterisierung liegen grundsätzlich richtige Beobachtungen zugrunde, und die häufig vertretene Ansicht, der Buddhismus kenne keine Dogmen, wird durch solche Grundvorstellungen wie Leidhaftigkeit der Welt und die zu durchbrechende Kette der Wiederverkörperungen widerlegt. Der Unterschied zu den christlichen Dogmen liegt jedoch darin, daß man die buddhistischen nicht mit Gewalt aufzwang, weil ihre Ablehnung als solche schon die weitere Verstrickung im Weltengetriebe mit sich bringt. Problematisch ist bei Goldner, daß er im Grunde genommen alles von vornherein für Unsinn hält. Dabei ist die Sichtweise, daß alles Irdische unbeständig ist - folglich auch die flüchtigen Augenblicke des Glücks - und daher auch die menschliche Existenz letztendlich dem Leiden unterworfen ist, dem menschlichen Denken keineswegs völlig fremd - und dies nicht nur in Indien und im Buddhismus. Man kann natürlich darüber diskutieren, ob die vom Buddhismus getroffenen Schlußfolgerungen die einzigen Lösungsmöglichkeiten für dieses Problem bieten oder ob man überhaupt nach einer Lösung suchen soll.

Um auf die Aussagen Goldners zurückzukommen: als Konsequenz aus dieser Deutung der Welt entstanden buddhistische Mönchs- und Nonnenorden, die die gewonnenen Einsichten verinnerlicht haben und durch ihre besondere Lebensführung danach trachten, das Ziel der Überwindung der Welt zu erreichen oder ihm zumindest näherzukommen. Im frühen Buddhismus, im Hinayana und auch im Mahayana, sind die Laien von diesem Prozeß auch insofern ausgenommen, als an sie außer allgemeinen ethischen Forderungen und die Ernährung der Asketen keine weitergehenden Ansprüche gestellt werden. Gerade der vom Tantrismus, magischen Praktiken der Volksreligion und einer ausgeprägten Dämonologie durchwobene tibetische Buddhismus hat aber mit seinem theokratischen System und der hervorgehobenen Stellung der Lamas und Tulku-Inkarnationen auch die Laien völlig in ein Glaubenssystem und Praktiken miteinbezogen, das von den Röttgens wiederholt als »atavistisch« bezeichnet wird, weil hier Vorstellungen zum Tragen kommen, die bei nüchterner Betrachtung nur wenig mit der buddhistischen Lehre zu tun haben. Genauso nüchtern muß man natürlich feststellen, daß Religionen generell die Neigung zeigen, sich unter bestimmten historischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten in eine ganz andere oder zumindest stark modifizierte Richtung zu bewegen als die vom Stifter beabsichtigte. Es nimmt daher überhaupt nicht wunder, daß westliche Kritiker des Lama-Systems wie die Röttgens und Goldner sich vehement gegen alles wenden, was den Werten wie Humanismus, Gleichheit, Meinungsfreiheit usw. diametral entgegensteht. Ihre Aufregung richtet sich zum Teil zu Recht gegen solche Verklärer wie Alexander Thurman, die Tibet vor der kommunistischen Herrschaft als irdisches Paradies schildern und alle negativen Aspekte der Theokratie ausblenden und die von der Errichtung einer »Buddhokratie« (d. h. der Errichtung der Herrschaft des Buddhismus lamaistischer Prägung) schwärmen. Man sollte die mittelalterliche Folter des tibetischen Feudalsystem nicht einfach deshalb totschweigen, weil sie inzwischen durch die moderne Folter der Chinesen ersetzt wurde. Im Grunde genommen fehlt es immer noch an einem für ein größeres Publikum geschriebenem Sachbuch, das die Geschichte Tibets (insbesondere des modernen) weder von einem prolamaistischen noch dezidiert antilamaistischen Standpunkt darstellt, in dem man sich weder lobhudelnd ständig über »Seine Heiligkeit« ausläßt noch permanent vom »Häuptling der Gelbmützen« oder ähnlichem spricht.

Etwas unverständlich mutet hingegen die Aufregung solcher Westlerinnen an, die jahrelang eine geheime sexuelle Beziehung zu einem tibetischen spirituellen Lehrer unterhielten und dies im nachhinein als »sexuellen Mißbrauch« apostrophieren, wie etwa im Fall der June Campbell. Denn damit wird dieser Begriff verwässert und fügt all jenen tibetischen Mädchen Unrecht zu, die tatsächlich unter Zwang eine Beziehung eingehen mußten. Bei den Westlerinnen geschah dies aber doch offensichtlich freiwillig, weil sie sich wohl spirituell etwas davon versprachen. Eine spätere Ernüchterung über den Partner soll sogar in Ehen vorkommen. »Gläubige«, d. h. hundertprozentige Anhänger eines religiösen oder auch politischen Systems, sind doch in der Regel dazu bereit, für dieses alles zu tun, und dies um so mehr, wenn es von konkreten Führerpersönlichkeiten dargelegt wird, deren Wort viel höher steht als alle heiligen Schriften - in diesem Fall also der Lama (Skt. guru, Lehrer), dessen Anweisungen strikt zu befolgen sind; deshalb sehe ich den Ausdruck »Lamaismus« durchaus nicht als antiquiert an, weil er eines der wesentlichen Charakteristika des tibetischen Buddhismus ist.

Armageddon im Lamaismus

Ein grundlegender Unterschied zwischen dem Buch der Röttgens und dem Goldners besteht darin, daß es letzterem nur darum ging, den Lamaismus als gewalttätig und unterdrückerisch darzustellen, als eine Religion, die »kleine Kinder mißbraucht« (gemeint ist die Einsetzung von Inkarnationen hoher geistlicher Würdenträger im Kindesalter), während die Röttgens im Lama-System eine universale Bedrohung sehen, das immer mehr Einfluß unter der weißen westlichen Elite gewänne (gemeint sind vor allem Hollywood-Größen wie Richard Gere, Urna Thurman, die Tochter Alexander Thurmans, u. a.) und sich auf eine globale Auseinandersetzung mit dem Islam vorbereite, der unter Afroamerikanern immer stärkeren Anhang finde.

Basis für diese Endzeitschlacht (es fällt durchaus auch der Name Armageddon) bildet das wohl im 9. Jh. n. Chr. entstandene Kalacakra-Tantra, in dem Bezug auf muslimische Invasionen genommen und von der Errichtung eines im Norden gelegenen mythischen Reiches Sambhala berichtet wird, in dem spirituelle Könige herrschen, deren letzter namens Rudracakrin in einer von heute aus gesehen nicht mehr fernen Zukunft in einer apokalyptischen Endschlacht die Ungläubigen niederwerfen wird. Die Röttgens haben hier gut recherchiert und eine unveröffentlichte deutsche Übersetzung des Indologen Albert Gründwedel (1856-1935) zu Rate gezogen. Ihre Darstellung der eschatologischen Aspekte des Werkes ist akzeptabel, nicht jedoch die Schlußfolgerung, dieses Buch diene dem lamaistischen System als Grundlage für seine Vorbereitungen zu dieser Endschlacht: zu diesen Vorbereitungen gehört nach ihrem Verständnis natürlich die Bekehrung der weißen Eliten des Westens. Als Beweis für ihre These ziehen sie die Aussagen einiger tibetischer Geistlicher heran, die als Generäle in Sambhala wiedergeboren werden möchten sowie die Tatsache, daß der gegenwärtige Dalai Lama bei Zeremonien immer wieder aus dem Kälacakra-Tantra zitiert, allerdings nicht die Passagen, die sich auf die Endzeitschlacht beziehen. Damit wird aber letztlich unterstellt, das friedliche Auftreten des Dalai Lama sei nur eine Maske, hinter der sich massive Kriegsvorbereitungen verbergen. Es mag ja sein, daß es einige »Buddhokraten« gibt, in deren Köpfe tatsächlich solche Vorstellungen spuken, und man kann auch diskutieren, ob der Dalai Lama in seinen Beziehungen zu bestimmten Personen wie etwa Shoko Asahara immer nur vom reinen Friedenswillen bewegt war, aber die Heranziehung dieses Tantras als Inspiration zur Errichtung einer lamaistischen Weltherrschaft wirkt doch zu konstruiert. Wenn dieses Konzept tatsächlich dahinterstände, hätte man davon hören müssen, denn das Argument der Geheimhaltung verfängt nicht, da man ja die eigene Anhängerschaft darauf einstimmen müßte.

Lamaistische Weltherrschaftspläne?

Während das sehr spekulative Element aber in diesem Fall noch auf einer textlichen Grundlage und auf darin verbreiteten Endzeitvorstellungen beruht, die verabsolutiert und in dieser Absolutheit in die Gegenwart transponiert wurden, entbehren andere Schlußfolgerungen, die das Streben nach der buddhokratischen Weltherrschaft belegen sollen, jeder Grundlage und sind von den Autoren willkürlich für ihre Sichtweise zurechtgezimmert worden. Es ist unmöglich, auf alle Facetten und Bizarrheiten einzugehen. Als Grundmuster dient den Röttgens offensichtlich die Unterwerfung und Dienstbarmachung des Weiblichen durch die tibetischen Geistlichen zur Steigerung ihrer spirituellen Macht. Die Röttgens vertreten aber darüber hinaus die Ansicht, diese Unterwerfung des Weiblichen beziehe sich nicht nur auf reale Frauen, sondern auch auf gesellschaftliche Gruppen und politische Mächte, die der tibetische Klerus ebenfalls als »weiblich« klassifiziere. Im historischen Kontext meinen sie damit einerseits den Kriegeradel Tibets bzw. dienstbar gemachte mongolische Mächte, sowie andererseits China und in der Gegenwart die westlichen Gesellschaften, die vom Lamaismus instrumentalisiert werden sollen. Zur Stützung für das Alter der auf das Gegensatzpaar von weltlicher und geistlicher Macht übertragenen Polarität männlich-weiblich werden die altindischen Kasten der Krieger (ksatriyas) und Priester {brahmana, Brahmanen) ins Feld geführt und auf das Werk Spiritual Authority and temporal power in the Indian Theory of Government (New Haven 1942) des ceylonesisch-amerikanischen Wissenschaftlers Ananda Kentish Coomaraswamy (1877-1947) Bezug genommen und sogar Vergleiche mit Kaiser- und Papsttum bemüht. Eine dem Papsttum vergleichbare Institution hat es aber in Indien nie gegeben. Die durchaus bestehende Rivalität zwischen den beiden Klassen als Geschlechterkonflikt zu sehen, ist aber völlig aus der Luft gegriffen, denn Coomaraswamy nennt als Vertreter für beide Bereiche (bei ihm sacerdotium und regnum genannt) männliche Götter und benutzt an anderer Stelle nur in Anführungsstrichen das Wort »marriage«. Allerdings scheint Coomaraswamy, der eine Philosophie der Ästhetik vertrat, selbst von diesem Gedanken fasziniert gewesen zu sein, und die Röttgens greifen begierig ein von ihm angeführtes Zitat aus der Chandogya-Upanisad (I, 1, 6) auf, das aber mit regnum und sacerdotium überhaupt nichts zu tun hat, weil es hier um die Zusammensetzung der heiligen Silbe Om geht. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Röttgens um ihrer idée fixe willen unkritisch alles in ihr Konzept Passende rezipiert haben.

Dies dient aber nur zur ideologischen Untermauerung ihrer These von der »kosmologischen Rivalität« zwischen Tibet und China, bei der China aus der Sicht der tibetischen Lamas den weiblichen Part spiele. Da den Röttgens diese China zugedachte Rolle aber offensichtlich nur dann glaubwürdig erschien, wenn dort tatsächlich »Kaiserinnen« herrschten, griffen sie drei weibliche Gestalten aus der dreieinhalbtausend Jahre (!, davon 2000 Jahre im Kontakt mit dem Buddhismus) alten Geschichte heraus: eine echte Kaiserin, Wu Zetian (ca. 625-705), eine Kaiserinwitwe, die Cixi-Witwe Yehenara Xiaojin (1835-1908) und die Mao-Gattin Jiang Qing (1914-1991). Die erste Polarität wird zwischen Wu Zetian (als angebliche Verkörperung des/r Guanyin, der bisweilen weiblichen Form des Bodhisattva Avalokitesvara) und dem tibetischen König Songtsen Gampo (reg. 627-649!), der erst viele Jahrhunderte später als Verkörperung des Avalokitesvara betrachtet wurde, konstruiert. Solche Aussagen wie »religiöse Konkurrenz [zu den Herrschern Tibets]« und »Zwei Weltenherrscher …« sind völlig an den Haaren herbeigezogen, nur weil Wu Zetian eine Zeitlang glühende Buddhistin war. Mit Tibet hatte sie politisch (im Gegensatz zu ihren Vorgängern) kaum zu tun und religiös überhaupt nichts. Zudem existierte zu ihrer Zeit das lamaistische Tibet noch gar nicht und der Buddhismus hatte dort gerade einmal in Hofkreisen Fuß gefaßt. Unausgesprochen wird jedoch insinuiert, sie sei wie die beiden anderen »Kaiserinnen« an der (spirituell-magischen?) Überlegenheit der tibetischen Buddhokraten gescheitert. Als Beleg wird angeführt, sie sei nach der Zerstörung des auf ihre Initiative zusammen mit dem konfuzianischen Mingtang (der von den Röttgens totgeschwiegen wird) erbauten Tiantang (»Himmelshalle«, »Devahalle«) im Jahre 694 nur noch kurze Zeit im Amt geblieben; das trifft nur zu, wenn man 11 Jahre für eine kurze Zeit hält. Die Röttgens übersetzen tiantang auch willkürlich als »Zeitturm«, um das Gebäude mit der Lehre vom »Zeitrad« (kalacakra) in Verbindung zu bringen und damit als Konkurrenz zum tibetischen Buddhismus darzustellen. Die Geschichtsklitterung geht so weit, daß im Ernst die Ansicht vertreten wird, das chinesische - stark konfuzianisch geprägte - Staatsdenken hätte es in Erwägung gezogen, solche »Barbaren« wie die Tibeter für würdig zu erachten, eine (ideologische) Konkurrenz zu ihrem eigenen universellen Anspruch darzustellen. Im Falle der Cixi-Kaiserinwitwe gab es wenigstens eine Begegnung einer weiblichen Herrscherin Chinas mit einem lamaistischen Hierarchen (dem XIII. Dalai Lama), und der kurz aufeinanderfolgende Tod des Guangxu-Kaisers (der wahrscheinlich von der Kaiserinwitwe verursacht wurde) und der der Herrscherin während des Besuches des XIII. Dalai Lamas bietet natürlich Anlaß zu wilden Spekulationen. Hier wie auch an anderen Stellen des Buches wird deutlich, daß die Verfasser selbst an die Macht der von ihnen negativ empfundenen Magie glauben.

Der tibetische Buddhismus - System der Ausbeutung oder Weg zur Erleuchtung?

Solche Anwandlungen sind Colin Goldner völlig fremd, dessen Anliegen eher politisch und gesellschaftlich als religiös motiviert ist. Er zeichnet ein ganz und gar negatives Bild von einer reaktionären und parasitären lamaistischen Ausbeuterklasse. Es kommt ziemlich deutlich zum Ausdruck, daß er vom Buddhismus als Religion wie möglicherweise von jeder Religion überhaupt nichts hält. Goldner hat sein Buch an der Biographie des gegenwärtigen Dalai Lama orientiert und unternimmt von Stationen seines Lebensweges immer wieder Exkurse (»Geschichtsfälschung«, »Religiöser Wahnwitz«, Geschichte des tibetischen Buddhismus, usw.). Seine Angriffe gegen den »religiösen Wahnwitz« der Karman-Lehre richtet sich vor allem gegen die auch vom Dalai Lama gelehrten schrecklichen Höllenvorstellungen. Gewiß hat er nicht unrecht, daß diese Vorstellungen in den Köpfen Ungebildeter und vor allem von Kindern Unheil anrichten können. Schon Günter Schulemann hatte in seiner Geschichte der Dalai-Lamas (Leipzig 1958) darauf hingewiesen (S. 559), daß es der Psyche eines kindlichen Dalai Lama (im konkreten Fall ging es um den XII.) bestimmt nicht gut tue, wenn er einen bestimmten »Schreckenstempel« (im Kloster Chorkhorgyal am mystischen See Lamoi Latso) besuche.

Zur Besetzung Tibets durch die Chinesen äußert er sich zurückhaltend; er argumentiert zwar nicht gerade prochinesisch (sein Standardausdruck lautet »chinesische Militärdiktatur«), aber es läßt sich durchaus die Tendenz heraushören, daß die Okkupation nicht ohne weiteres als Bruch des Völkerrechtes verurteilt werden könne. Würde man dieser Argumentation folgen, könnte Deutschland auch Anspruch auf die Wiedereingliederung Togos erheben. Goldner erhebt auch immer wieder kritisch seine Stimme, wenn es um Menschenrechtsverletzungen, Zerstörungen und Todesopfer seitens der Chinesen geht. Er bestreitet zwar nicht grundsätzlich den ausgeübten Terror, stellt aber - zu Recht - sich einander widersprechende Zahlen und Fakten, die in den westlichen Medien kursieren, in Frage. Es müßte auch allen für Tibet eintretenden Organen und Personen klar sein, daß Übertreibungen oder Falschmeldungen, die möglicherweise sogar noch von den Chinesen widerlegt werden, nicht der Sache dienen können. Dennoch kann man sich nicht des unguten Eindrucks bei Goldner erwehren, daß er nur im Falle der Chinesen so überkritisch vorgeht. Wenn er diese überkritische Haltung etwa bei der Tatsache einnehmen würde, daß das Nichterwähnen der Nazi-Expedition Ernst Schäfers in Lhasa kurz vor dem Einzug des Dalai Lama vielleicht kein böser Wille war, sondern einfach in diesem Zusammenhang nicht interessant, hätte das Buch einiges an Format gewonnen. Man fragt sich auch, was die Ideen von Nazis über Tibet und den Lamaismus unmittelbar mit diesem selbst zu tun haben (auch die Röttgens haben dies breit thematisiert). Andererseits könnte - darauf weist Goldner hin - dadurch, daß Tibet und die Tibeter im Westen eine besonders starke und hörbare Lobby haben, der Eindruck erweckt werden, daß willkürliche Verhaftungen, Folter und Unterdrückung von Oppositionellen nur hier vorkommen: Goldner hat darauf hingewiesen, daß so etwas auch in anderen Ländern vorkomme (er nennt die Türkei, Sri Lanka und den Sudan, und man könnte gewiß noch andere hinzufügen), ohne daß dies gleichermaßen lautstark angeprangert werde. Obwohl man sich nicht des Eindrucks erwehren kann, daß er manche Fälle herunterspielen möchte, ist doch festzustellen, daß solche Vorwürfe wie der eines systematischen Genozids in der Art der Nazis gewiß übertrieben sind, zumindest in der Gegenwart (der Völkermord-Vorwurf in der Ära Maos hatte eine gewisse Berechtigung). Denn das Ziel der chinesischen Politik ist nicht die Ausrottung des tibetischen Volkes durch fabrikmäßige Tötung, sondern die Zerschlagung oppositioneller Kräfte. Es mag auch sein, daß man langfristig durch Ansiedlung immer größerer chinesischer Bevölkerungsteile eine »biologische« Lösung anstrebt. Wie gesagt, weder eine Verharmlosung der Unterdrückung noch ein maßloses Aufbauschen dient der Sache. Hitler und die Nazis werden zu oft zum Vergleich herangezogen - unter anderem auch von Goldner und den Röttgens.

Gewiß wären der tibetische Buddhismus und der Dalai Lama nicht zu einem solchen Reizthema geworden, wenn beide sich nicht so medienwirksam im Westen ausgebreitet hätten und es nicht so viele probuddhistische und protibetische Gruppierungen gäbe, die von Menschenrechtsgruppen, Politikern, gläubigen Westlern bis hin zu esoterischen Zirkeln reichen, die zum Teil auch personell miteinander vernetzt sind. Für Goldner dürfte es ein besonderes Ärgernis sein, wie gutgläubig viele sind und wie verklärend sie Tibet und den Lamaismus darstellen. Vielen Außenstehenden zeigt sich der gegenwärtige Dalai Lama ausschließlich als moderne weltoffene Persönlichkeit, doch hat die sogenannte Shugden-Affäre, d. h. die Ermordung dreier Mönche aus dem innersten Kreis des Dalai Lama durch Anhänger der dämonischen Schutzgottheit Dorje Shugden im Jahre 1997 offenbart, wie stark auch er noch den volksreligiösen Elementen (Dämonenglaube, Orakelwesen, Magie, etc.) verhaftet ist. Dieser Dorje Shugden (von Goldner durchweg als »Phallusbrüller« übersetzt, weil er es bevorzugt, daß tibetische Wort rdo-rje = Sanskrit vajra mit Phallus zu übersetzen und so vom Vajrayana auch immer die lächerlich klingende Übersetzung »Phallusgefährt« liefert) wurde wohl nicht zuletzt aus Konkurrenzgründen vom Dalai Lama und seiner Anhängerschaft als »Götze« abgelehnt, und zwar auf Anraten des Staatsorakels, das aber letztlich eine Verkörperung des mongolischen Kriegsgottes Pehar ist. Es wäre ja noch einsichtig, wenn, wie der von Goldner zitierte Michael von Brück ausführt, »die Argumente des Dalai Lama darauf« zielten, »die öffentliche Religionsausübung an den Maßstäben des buddhistischen Kanons und der mit Vernunftargumenten interpretierten Geschichte zu messen«. Gerade diese postulierte Ausschließlichkeit ist aber im tibetischen Buddhismus nicht vorhanden. Während die Röttgens offensichtlich - selbst im magischen Denken verhaftet - an die Wirksamkeit solcher dämonischer Mächte glauben, sind sie für Goldner nur Instrumente der Realpolitik.

Goldner sieht von seinem durch und durch antireligiösen Standpunkt vieles richtig, neigt häufig aber zu Übertreibungen oder stellt Umstrittenes als faktisch richtig dar (so ist die Frage, ob der V. Dalai Lama Vater seines Regenten war, keineswegs klar), viel zu oft vergreift er sich im Ton (so trifft er mit seinem plakativen »Phallusgefährt« nur einen Bruchteil des Bedeutung von vajra), und seine gänzlich negative Sichtweise der tibetischen Mönchskultur und ihrer Vertreter, von denen viele auch Gelehrte im Sinne der Bewahrung und Fortführung der eigenen Tradition waren, verstellt ihm häufig auch den Blick auf andere Aspekte der tibetischen Kultur. Wenn man sein Buch als Korrektiv zur Vielzahl der verklärenden Schwärmerliteratur liest, kann ihm eine gewisse Berechtigung auf dem Büchermarkt nicht abgesprochen werden. Allerdings gab es in der ferneren (so wurde zum Beispiel Schulemann erwähnt) und jüngeren Vergangenheit immer wieder Publikationen, die sich um eine neutralere Darstellung bemüht haben, nicht zuletzt das von Goldner (ohne es anzumerken) in seinem historischen Abriß ausgiebig zitierte Werk Die vierzehn Wiedergeburten des Dalai Lama (Bern, München, Wien 1997), das von mir in Zusammen­arbeit mit Pietro Bandini verfaßt wurde.

Autor & Copyrights

Dr. Karl-Heinz Golzio ist Indologe und Religionswissenschaftler. Er arbeitet am Indologischen Seminar der Universität Bonn und schrieb zahlreiche Bücher zu Geschichte und Religion Süd- und Südostasiens – u.a. zur Geschichte Kambodschas – und verfaßte, zusammen mit Pietro Bandini, Die vierzehn Wiedergeburten des Dalai Lama.

© Karl-Heinz Golzio und Spirita

Online-Veröffentlichung mit freundlicher Erlaubnis des Autors und diagonal-Verlag, vertreten durch Thomas Schweer.
Die Rezension wurde urpsrünglich in SPIRITA 1/99 publiziert.