Tibetischer Buddhismus im Westen

Fakten, Hintergründe, Standpunkte

 

War Hitler Buddhist?

von Christian Ruch

Eine unsinnige Frage, möchte man meinen – warum sollte ausgerechnet Hitler, einer der grössten Verbrecher der Menschheitsgeschichte, Anhänger einer friedliebenden Religion gewesen sein? Dennoch stellte das deutsche Boulevardblatt „Bild“ diese Frage nicht ohne Grund, und dieser Grund war das neue Buch eines illustren Ehepaars namens Victor und Victoria Trimondi.

Victor und Victoria Trimondi heissen eigentlich Herbert und Mariana Röttgen. Herbert Röttgen war in den achtziger Jahren ein glühender Verehrer des Dalai Lama, brachte in seinem eigenen Verlag ein Buch des Dalai Lama heraus und organisierte dessen Auftritte. Doch dann kam es – aus unbekannten Gründen – zum Bruch, Röttgens wandten sich enttäuscht vom Dalai Lama ab und aus der glühenden Verehrung muss offenbar ebenso glühender Hass geworden sein. Wie sonst ist es zu erklären, dass das Ehepaar, nun unter dem Pseudonym Trimondi, 1999 ein Buch veröffentlichte, das mit dem tibetischen Buddhismus im allgemeinen und dem Dalai Lama im besonderen abrechnete. „Der Schatten des Dalai Lama. Sexualität, Magie und Politik im tibetischen Buddhismus“, so der Titel des über 800 Seiten dicken Wälzers, unterstellte dem Dalai Lama, eine „buddhokratische“ Weltherrschaft anzustreben, mittels tantrischer Rituale Frauen sexuell und energetisch auszubeuten, durch Gedankenkraft Erdbeben auszulösen, um nur die irrwitzigsten Behauptungen zu nennen. Die Besprechungen fielen, wen wundert’s, grösstenteils vernichtend aus, denn Tibetologen und Theologen verwiesen die Behauptungen der Röttgens mehrheitlich ins Reich der Phantasie. Die Käufer liessen das Buch links liegen, so dass es sich für den eigentlich renommierten Patmos-Verlag zu einem kommerziellen Desaster ohne gleichen entwickelt haben muss. Trotz – oder vielleicht gerade wegen – der negativen Besprechungen und des schwachen Verkaufs legten die Trimondis unlängst nach: „Hitler, Buddha, Krishna. Eine unheilige Allianz vom Dritten Reich bis heute“ heisst das neue Buch, in dem der tibetische Buddhismus noch eindeutiger in die Nähe des Nationalsozialismus gerückt wird. Neu ist, dass jetzt allerdings auch der Zen-Budddhismus und der Hinduismus unter Faschismusverdacht gestellt und dementsprechend angeprangert werden. Um es gleich vorweg zu nehmen: das neue, über 600 Seiten dicke Buch lässt sich eigentlich nicht in wenigen Zeilen besprechen, denn zu unentwirrbar ist das Dickicht aus altbekannten Fakten, fragwürdigen Interpretationen, gewagten Behauptungen und logischen Kurzschlüssen. Den Trimondis muss vor allem vorgeworfen werden, dass sie permanent Subjekt und Objekt verwechseln. Das (angebliche) Interesse einiger Nationalsozialisten und heutiger Neo-Nazis für Tibet kann ja wohl nicht in einem quasi automatischen Umkehrschluss bedeuten, dass die tibetische Kultur und Religion ihrerseits Berührungspunkte mit dem Nationalsozialismus aufweisen. Genau das aber wird vom Ehepaar Röttgen behauptet, indem es eine vermeintliche „Nazi-Tibet-Connection“ zu beweisen sucht. Würde man sich diese Logik generell zu eigen machen, könnte man genauso gut alle Vegetarier als Nazis hinstellen, nur weil Hitler auf Fleisch verzichtete. Dieses Beispiel mag absurd erscheinen, aber gerade solche absurden logischen Kurzschlüsse liefern die Trimondis laufend.

Der Buchtitel „Hitler, Buddha, Krishna“ unterstellt eine direkte ideologische Traditionslinie von östlichen Religionen zur Ideologie des NS-Systems. Doch selbst wenn sich einige Nationalsozialisten im Umfeld Heinrich Himmlers tatsächlich für den Hinduismus und Buddhismus interessiert haben sollten, heisst das noch lange nicht, dass sie Einfluss auf die Ideologiebildung Hitlers und der NSDAP hatten. Dies verhinderte schon das oft chaotische Neben- und Gegeneinander innerhalb des NS-Systems. Hinzu kommt vor allem, dass sich Hitler für Himmlers esoterische Interessen nie besonders aufgeschlossen gezeigt hat und – wie neuere Forschungen gezeigt haben – eben gerade nicht von einer überzeugten Religiosität geprägt war. Das alles wird von den Trimondis jedoch beharrlich ignoriert, und es ist sicher kein Zufall dass in ihrem Literaturverzeichnis beispielsweise nicht einmal die neue Hitler-Biographie von Ian Kershaw auftaucht.

Anstatt sich an gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse zu halten, stricken die Autoren lieber an ihrer privaten Verschwörungstheorie. Das Ganze findet dann einen seiner abstrusen Höhepunkte in der Frage, ob Hitler sogar von tibetischen Lamas besessen gewesen sei. Die Antwort ist entlarvend und illustriert, wie unseriös hier argumentiert wird: „Auch wenn diese verschiedenen Spekulationen über Hitlers Besessenheit und seine Manipulation durch tibetische Lamas historisch und psychologisch nicht nachweisbar sind, so rekurrieren diese doch auf ein Phänomen, das für den lamaistischen Kulturkreis prägend und spezifisch ist. Die schamanistisch orientierte Arbeit mit ‚Besessenheitsmedien‘ bestimmt im Himalaja seit jeher das traditionelle Gesellschaftsleben“ (S. 386). Das Autorenpaar muss also selbst zugeben, dass eine Besessenheit Hitlers durch tibetische Lamas nicht nachweisbar ist; weil aber offenbar nicht sein kann, was nicht sein darf, wird mit dem Verweis auf sogenannte „Besessenheitsmedien“ in geradezu krampfhaft anmutender Weise ein Zusammenhang konstruiert, wo keiner existiert.

Es verwundert daher kaum noch, dass einem Brief des tibetischen Regenten Reting Rinpoche an Hitler, der wenig mehr als diplomatische Floskeln enthält, eine Bedeutung zugesprochen wird, die er wohl kaum verdient (S. 130). Röttgens haben dabei offenbar jene Übersetzung ausgewählt, die „nazifiziert“ wurde, indem einiges eingefügt wurde, was im Original gar nicht erwähnt wird. Ausserdem scheint der Brief ohnehin auf Drängen des deutschen Forschers Ernst Schäfer geschrieben worden zu sein, der sich zu dieser Zeit mit einer Expedition in Tibet aufhielt und wohl etwas in Deutschland vorweisen wollte. Von einem aufrichtigen „Interesse tibetischer Kirchenfürsten (sic!) an Adolf Hitler“ (S. 131) kann also wohl kaum ernsthaft die Rede sein. Dass Hitler im übrigen die Geschenke, die er aus Tibet erhielt, „mit einer gewissen Verachtung entegegengenommen haben“ soll, wird von den Trimondis freimütig erwähnt, dass dies aber wohl nicht gerade für eine grosse Tibet-Begeisterung des „Führers“ spricht, bemerken sie offensichtlich nicht (oder vielmehr wollen sie es wahrscheinlich nicht bemerken).

Besonders ärgerlich ist an dem Buch die Polemik gegen die Tibeter im allgemeinen und den Dalai Lama im besonderen; dass dieser wahlweise als „Kirchenfürst“ und „Gottkönig“ bezeichnet wird, spricht nicht gerade für profundes Wissen, zumindest nicht für eine exakte Terminologie. Und spätestens wenn dann noch ausgerechnet die neonazistischen Spinnereien eines Jan van Helsing zur Beweisführung herangezogen werden, ist man vollends versucht, das Buch wegzulegen. Dem tibetischen Buddhismus wird einmal mehr vorgeworfen, in Tat und Wahrheit eine äusserst kriegerische Religion zu sein, und den Tibetern wird vorgehalten, dass auch die Geschichte ihres Volkes (wessen Volkes eigentlich nicht?) Kriege, Mord und Totschlag kennt. Warum aber ausgerechnet das angeblich so kriegerische Volk der Tibeter zur Zeit des Einmarsches der Chinesen (1949/50) lediglich über die Karikatur einer Armee verfügte, lassen die Trimondis leider unbeantwortet.

Fazit: Auch das neuste Röttgen-Werk ist nichts weiter als die pseudo-wissenschaftliche Bemäntelung einer persönlichen Aversion, die marktschreierisch mit allerlei absurden Verschwörungstheorien garniert wird. Grossen Erfolg, das ist das Tröstliche daran, haben die Trimondis damit bisher nicht. Seriöse Verlage wie Ueberreuter oder (im Falle des ersten Buches) Patmos müssen sich allerdings schon fragen lassen, was sie dazu bewegt, so etwas zu verlegen. Vielleicht die Aussicht auf den schnellen Euro durch einen handfesten Skandal?

02.12.2002

 

Über den Autor:

Dr. Phil. Christian Ruch ist Historiker und Soziologe.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

 

 

Sign-End