Tibetischer Buddhismus im Westen

Fakten, Hintergründe, Standpunkte

 

Die Ernst Schäfer Tibetexpedition 1938–1939

Isrun Engelhardt

Brennpunkt Tibet 03/2009

Vorbemerkung der Redaktion: Warum ein Artikel über eine Tibetexpedition, die schon 70 Jahre zurückliegt, in BrennpunktTIBET? Was fasziniert an dieser Expedition? Was löst noch heute Kontroversen aus? Immer wieder ist sie Gegenstand sensationsheischender Darstellungen in Filmen, Büchern und vor allem im Internet, die sich mit ihren angeblichen politischen Zielen und ihren geheimen okkulten Aspekten befassen. Dabei treiben die Spekulationen wilde Blüten. Vor allem Tibet-Kritikern dient diese Expedition als Beweis für eine vermeintliche Tibet-Nazi-Verbindung, die letztlich ein Baustein für die Rechtfertigung der chinesischen Annexion ist. Die Tibetologin Isrun Engelhardt, eine der profiliertesten Forscherinnen auf dem Gebiet, beschreibt die Hintergründe, den Verlauf und die Ergebnisse dieser Expedition und räumt dabei mit vielen Vorteilen und Halbwahrheiten auf.

 

Expeditionsteilnehmer Ernst-Schaefer-Tibetexpedition, Gangtok, Expedition mit Maharadscha [Maharaja]

Expeditionsteilnehmer mit Maharadscha von Sikkim
[Beger (links), Schäfer, der Chogyal / Maharadscha, Geer, Krause, Wienert]

Bundesarchiv: Bild 135-KA-01-051
Fotograf: Krause, Ernst / Lizenz CC-BY-SA 3.0

Expeditionsteilnehmer Ernst-Schaefer-Tibetexpedition

Expeditionsteilnehmer: Kalkutta, Expedition beim Magazinern
[von links nach rechts: Wienert, Schäfer, Beger, Krause, Geer]

Bundesarchiv: Bild 135-KA-01-039
Fotograf: Krause, Ernst / Lizenz CC-BY-SA 3.0

Expeditionsteilnehmer Ernst-Schaefer-Tibetexpedition

Zemugebiet, Expeditionsgruppenaufnahme
[von links nach rechts: Geer, Wienert, Krause, Beger, Schäfer]

Bundesarchiv: Bild 135-KA-03-076
Fotograf: Krause, Ernst / Lizenz CC-BY-SA 3.0

Expeditionsteilnehmer Ernst-Schaefer-Tibetexpedition

Zemutal, Krause beim Filmen und Wienert beim Vermessen im Basecamp

Bundesarchiv: Bild 135-S-06-17-07
Fotograf: Schäfer, Ernst / Lizenz CC-BY-SA 3.0

Expeditionsteilnehmer Ernst-Schaefer-Tibetexpedition

Expeditionsteilnehmer in Tracht, Takse-Gyantse, Rast während des Marsches
[von links nach rechts: Krause, Schäfer, Möndro (Möndo), Beger]

Bundesarchiv: Bild 135-KA-11-002
Fotograf: Krause, Ernst / Lizenz CC-BY-SA 3.0


Unter rein technischen Aspekten war die Schäfer-Expedition nichts Außergewöhnliches, nichts Spektakuläres, nicht zu vergleichen mit den Abenteuern, die z.B. Sven Hedin und Wilhelm Filchner zu bestehen hatten. Es wurden kaum unbekannte Gebiete erforscht oder neue Routen erkundet. Die Expeditionsteilnehmer waren auch nicht Angriffen von irgendwelchen räuberischen Stämmen ausgesetzt, und niemand kam ums Leben. Selbst die früheren Expeditionen von Ernst Schäfer in Osttibet waren wesentlich aufregender verlaufen.

Nein, was im Nachhinein Anlass zu wilden Spekulationen über diese Expedition gab, ist der Zeitpunkt ihrer Durchführung, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, und die – unter heutigem Gesichtspunkt – politische Brisanz, dass sämtliche Expeditionsteilnehmer Angehörige der SS waren. Dabei war das, was das Unternehmen eigentlich zu etwas Besonderem machte, etwas ganz anderes: Als erste wissenschaftliche deutsche Tibet-Expedition überhaupt wurde diese von der tibetischen Regierung offiziell nach Lhasa eingeladen. Eine kleine Sensation angesichts der strikt ablehnenden Politik der tibetischen Regierung gegenüber einreisewilligen Ausländern in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts.

Da Schäfers eigene Expeditionsberichte nie ins Englische oder Französische übersetzt worden sind, wurde die öffentliche Meinung über Tibet in der internationalen Welt fast ausschließlich durch den damaligen britischen Repräsentanten in Lhasa, Hugh Richardson, und die verfügbaren Quellen im India Office in London geprägt. Kein Wunder, dass die Einschätzung aufgrund der Animositäten, die schon vor dem Krieg zwischen Deutschland und England bestanden, ausgesprochen negativ ausfiel, und dass sich diese Beurteilung, bedingt durch die Gräuel des Zweiten Weltkriegs, weiter durchsetzen konnte. Diese einseitige Information mag zum zweifelhaften Ruf beigetragen haben, welcher der Expedition bis heute anhaftet.

Erschwerend kam hinzu, dass die einschlägigen Archivmaterialien Jahrzehnte lang nicht zugänglich waren. Die konkreten und wichtigen naturwissenschaftlichen Ergebnisse der Expedition finden nach wie vor kaum Beachtung; weitgehend unbeachtet schlummert das umfangreiche Material immer noch in den Magazinen und Archiven.

Auch in Deutschland war diese Expedition, deren Mitglieder es sich zur Aufgabe gemacht hatten, in einer Vielzahl zumeist naturwissenschaftlicher Disziplinen wie Geologie, Biologie und Medizin neue Forschungsergebnisse zusammenzutragen, lange Zeit fast in Vergessenheit geraten.

Die Vorgeschichte

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Ernst Schäfer

Ernst Schäfer
Bundesarchiv: Bild 135-KB-14-089
Fotograf: Krause, Ernst / Lizenz CC-BY-SA 3.0

Ernst Schäfer

Ernst Schäfer
Bundesarchiv: Bild 135-KB-14-082
Fotograf: Krause, Ernst / Lizenz CC-BY-SA 3.0

Ernst Schäfer

Ernst Schäfer
Bundesarchiv: Bild 135-KB-14-083
Fotograf: Krause, Ernst / Lizenz CC-BY-SA 3.0


Ernst Schäfer, 1910 in Köln geboren, studierte nach dem Abitur 1929 zunächst in Göttingen Zoologie und Geologie. Im Jahr 1930 kam der junge reiche Amerikaner Brooke Dolan nach Deutschland, um Naturwissenschaftler für seine zoologische Expedition nach Westchina und Tibet zu finden. Schäfer, gerade zwanzigjährig, unterbrach sein Studium für zwei Jahre und ging mit. 1934 beging er »den größten Fehler [meines] Lebens«, wie er es später nannte, und trat, offensichtlich aus Karrieregründen, in die SS ein.

Noch im selben Jahr unterbrach er noch einmal sein Studium, um – diesmal als wissenschaftlicher Leiter – bis 1936 die zweite Brooke Dolan Expedition nach Osttibet und China zu führen. Diese Expedition unter bürgerkriegsähnlichen Bedingungen im chinesisch-tibetischen Grenzgebiet wurde aufgrund seiner Beharrlichkeit wissenschaftlich gesehen ein großer Erfolg. Schäfer kehrte danach zunächst nicht nach Deutschland zurück, sondern ging, zusammen mit Brooke Dolan, an die Academy of Natural Sciences of Philadelphia.  Noch 1992 hebt die Akademie in ihrem Nachruf auf Schäfer hervor, dass er und Dolan, sowohl was Umfang wie Bedeutung betrifft, bisher unerreichte und unübertroffene wissenschaftliche Daten über ihr Studiengebiet gesammelt haben. Bereits 1932 hatte die Akademie den damals erst 22-jährigen Deutschen zum Mitglied auf Lebenszeit gewählt.

Schäfer nahm schließlich sein Studium in Berlin wieder auf und promovierte 1937 bei dem international anerkannten Ornithologen Erwin Stresemann mit einer umfangreichen Dissertation über die Vogelwelt in Tibet.

1936 kam es zu einer Begegnung mit Himmler, der ihn nach seinen künftigen Plänen befragte. Himmler hing einer seltsamen Mischung von mystischen und esoterischen Vorstellungen an. Durch seinen Glauben an Karma und Reinkarnation, der zu seiner Vorstellung einer zyklischen Wiederkehr der Geschichte gehörte, hatte er ein genuines Interesse an Tibet. Als Schäfer davon sprach, dass er gerne eine eigene deutsche Expedition nach Tibet organisieren würde, nahm Himmler die Idee begeistert auf und schlug vor, das »Ahnenerbe« solle die Organisation übernehmen, ein 1935 von Himmler gegründetes Institut, das sich anfänglich mit germanischer Frühgeschichte, Runenforschung und dem Atlantismythos befasste. Interessiert daran, den wissenschaftlichen Ruhm Schäfers für seine Ziele zu nutzen, versuchte Himmler von Anfang an, im Sinne seines pseudowissenschaftlichen Interesses massiv Einfluss zu nehmen auf die Zielsetzung der Expedition. So geriet diese angesichts von Himmlers Machtposition im Unterschied zu den beiden amerikanischen Tibetexpeditionen, an denen Schäfer teilgenommen hatte, schon im Planungsstadium in die Konfliktzone zwischen Wissenschaft und Politik. Sowohl Schäfer, der nur seine Naturwissenschaft im Kopf hatte und nicht bereit war, bei seiner wissenschaftlichen Zielsetzung Abstriche zu machen, wie auch die übrigen Mitglieder der Expedition lehnten die Vorgabe Himmlers ab und weigerten sich zum Beispiel, einen Vertreter von Hörbigers »Welteislehre« mitzunehmen. Schäfers Forschungsziele in Tibet waren klar: »eine gesamtbiologische Erfassung des tibetischen Hochlandes, eine Synthese der Naturwissenschaften untereinander mit den verwandten geisteswissenschaftlichen Richtungen, eine Erforschung von Erde – Pflanze – Tier – Mensch«.

Schäfers Zielvorstellungen und diejenigen Himmlers und des Ahnenerbe drifteten immer weiter auseinander, bis Wolfram Sievers, der Reichsgeschäftsführer, am 23. Januar 1938 erklärte: »Eine Forschungsreise, die nicht den kulturwissenschaftlichen Absichten des Reichsführers-SS dient, kann vom Ahnenerbe nicht durchgeführt werden, weil sie außerhalb seines Aufgabenbereiches liegen würde!«

Später wurde »dem Antrag Dr. Schäfers, hinsichtlich Finanzierung und Abwicklung der Expedition ihm selbst die Verhandlungen zu überlassen, vom Reichsführer entsprochen«. Und noch später: »Die Expedition des SS-Obersturmführers Schäfer ist auf Wunsch des Reichsführers-SS vom ›Ahnenerbe‹ nicht durchgeführt worden.«

Die Expedition wurde also weder von der SS noch vom Ahnenerbe finanziert, und die immer wiederholte Gleichsetzung von Himmlers pseudowissenschaftlichen Ideen mit den Zielen Schäfers und seiner Expedition entbehrt jeder Grundlage.

Schäfer beschaffte die Mittel für die Expedition völlig selbständig. 80 Prozent sponserte der Werberat der Deutschen Wirtschaft, den Rest die Deutsche Forschungsgemeinschaft, große deutsche Firmen und Brooke Dolan.

Doch obwohl Schäfer es geschafft hatte, eine relativ unabhängige Position zu bewahren, war er weiterhin auf die politische Unterstützung durch Himmler angewiesen, selbst um den Preis von Kompromissen, um die zur damaligen Zeit nur äußerst schwierig zu beschaffenden Devisen und Pässe zu erhalten und seine Fürsprache in London für die benötigten Bewilligungen für den Aufenthalt in Britisch-Indien zu gewinnen. Himmler war bereit, die notwendigen Demarchen zu unternehmen, aber er stellte zwei Bedingungen: Schäfer musste nachgeben, was die Bezeichnung der Expedition betraf. Zunächst hatte er den Briefkopf »Schäfer Expedition 1938/39« drucken lassen, um Sponsorengelder zu werben. Himmler ordnete aber am 8. Februar 1938 an, dass die Expedition unter der Bezeichnung »Deutsche Tibetexpedition/ Dr. Ernst Schäfer ausgesandt vom ›Ahnenerbe‹ / Schirmherr Reichsführer SS« laufen müsse. Dieser Briefkopf bereitete Schäfer nach seiner Ankunft in Indien große Schwierigkeiten bei den dortigen britischen Behörden.

Eine weitere Bedingung war, dass alle Expeditionsteilnehmer SS-Mitglieder wurden.

Die Expedition bestand aus fünf Mitgliedern: Schäfer als Zoologe und vor allem Ornithologe, Ernst Krause, Entomologe, Photograph und Kameramann, Bruno Beger, Anthropologe und Ethnologe, Karl Wienert, Geophysiker, und Edmund Geer, technischer Leiter. Die grundlegende Kritik an der Expedition entzündet sich zumeist an der Person von Bruno Beger. Er war zweifellos ein überzeugter Nazi und SS-Mann, dessen Teilnahme von Himmler durchgesetzt worden war. Später beteiligte er sich sogar an pseudowissenschaftlichen Studien in Auschwitz. Für seine Tätigkeit als SS-Anthropologe wurde er nach der Befreiung von der Nazi-Herrschaft wegen »Beihilfe zum Mord« zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Vor den Toren Tibets

Im April 1938 brach die Expedition schließlich auf. Aufgrund des damaligen schwierigen und angespannten englisch-deutschen Verhältnisses geriet sie schon bei ihrer Ankunft in Kalkutta ins außenpolitische Sperrfeuer, als es um die Verhandlungen mit den Engländern über die offiziellen Genehmigungen für Sikkim und Tibet ging. Das Misstrauen und die Befürchtungen der Engländer in politischer Hinsicht standen in umgekehrtem Verhältnis zu Größe und wissenschaftlicher Zielsetzung der Expedition.

Schließlich gelang es Schäfer auf seine unkonventionelle Art, ohne die vorgeschlagenen diplomatischen Wege einzuhalten, in Audienzen mit dem Staatssekretär für Auswärtige Angelegenheiten Sir Aubrey Metcalfe und dem indischen Vizekönig Lord Linlithgow die Bedenken der Engländer soweit zu zerstreuen, dass die Expedition eine sechsmonatige Aufenthaltsgenehmigung für Sikkim erhielt und die Briten versprachen, sich bei der tibetischen Regierung um eine Einreiseerlaubnis für die Teilnehmer nach Tibet zu bemühen. Doch nach wiederholten Gesuchen kam, nicht wirklich überraschend, die endgültige Absage: Die tibetische Regierung verwehrte, entsprechend ihrer üblichen Gepflogenheiten, der Expedition die Einreise nach Tibet.

Wieder gab Schäfer nicht auf. Und nachdem es ihm gelungen war, persönliche Kontakte mit einflussreichen Tibetern zu knüpfen, die sein Gesuch, ohne die Briten einzuschalten, direkt nach Lhasa weitergereicht hatten, erhielt die Expedition tatsächlich einige Wochen später ein fünffach versiegeltes Schreiben: die offizielle Einladung des Kashag, des tibetischen Ministerrats, mit der Genehmigung, nach Lhasa zu reisen:

»An den deutschen Herrn Dr. Schäfer.
Vielen Dank für Ihren Brief vom 17. Tag des 9. englischen Monats [17. September] … Bezüglich Ihrer und der anderen Deutschen, Dr. Wienert, Herrn Krause, Herrn Beger und Herrn Geer (insgesamt nicht mehr als fünf Personen), Absicht, Lhasa und die heiligen tibetischen Klöster kennenlernen zu wollen, verstehen Sie bitte, dass es Ausländern grundsätzlich nicht erlaubt ist, Tibet zu betreten.

Obwohl wir wissen, dass, wenn wir es Ihnen gestatten, nächstes Mal Andere kommen werden, erscheint uns doch aus Ihrem Brief hervorzugehen, dass Sie nur Freundschaft wünschen und das heilige Land und seine religiösen Einrichtungen sehen möchten. Indem wir dies eingestehen, geruhen wir, Ihnen die Erlaubnis zu gewähren, nach Lhasa zu reisen und sich dort zwei Wochen aufzuhalten unter der Bedingung, dass Sie sich verpflichten, den Tibetern kein Leid zuzufügen und sich einverstanden erklären, weder Vögel noch Wild zu jagen, was die Gefühle der tibetischen Bevölkerung, sowohl des Klerus wie auch der Laien, zutiefst verletzen würde. Bitte behalten Sie dies freundlich im Gedächtnis.

Abgeschickt vom Kashag [dem tibetischen Ministerrat] am glückverheißenden 3. Tag des 10. Monats im Erd-Tiger Jahr.«


Für Schäfer war diese Einladung eine kleine Sensation, da sie als erste Deutsche offiziell Lhasa besuchen durften. Vielen Ausländer vor ihnen – darunter Sven Hedin und Wilhelm Filchner – war das nicht gelungen und Alexandra David-Néel nur in der Verkleidung als Bettlerin. Angesichts der komplizierten britisch-tibetischen Beziehungen demonstrierte die Einladung einer ausländischen Expedition möglicherweise auch eine gewisse Unabhängigkeit gegenüber den Engländern.

In Tibet

Einmal in Lhasa gelang es Schäfer, den Aufenthalt mehrfach zu verlängern, so dass die Teilnehmer dort zwei volle Monate bleiben konnten statt der ursprünglich genehmigten zwei Wochen. So hatten sie auch Gelegenheit, die mehrwöchigen Neujahrsfestlichkeiten und das große Mönlam-Fest zu erleben, die Schäfer farbig und ausführlich beschrieb.

Bald lernten sie offiziell die Minister des Kashag kennen und den Regenten Reting Rinpoche. Doch wie alle Ausländer faszinierte auch sie aber am meisten Dzasa Tsarong, der, obwohl zu dieser Zeit schon längst entmachtet, ihrer Einschätzung nach der einzig wahre Politiker und ungekrönte König war.

 

© Bundesarchiv

Schäfer versuchte, alle nur verfügbaren Informationen zu sammeln. Seine wertvollste Informationsquelle war Möndro, ein hoher Mönchsbeamter, einer der vier so genannten »Rugby Boys«, die der 13. Dalai Lama 1913 zur Ausbildung nach England geschickt hatte. Er traf ihn fast täglich. Und er schloss enge Freundschaft mit dem nepalesischen Repräsentanten Major Bista.

Insgesamt vermitteln uns Schäfers Tagebücher – viel mehr als seine Bücher – ein realistisches Bild der tibetischen Gesellschaft, vor allem der Oberschicht, Ende der 1930er Jahre. Obwohl der britische Repräsentant in Lhasa, Hugh Richardson, und Schäfer völlig gegensätzliche Charaktere waren, stimmten sie in der Charakterisierung und Beurteilung tibetischer Führungspersönlichkeiten verblüffend überein.

Schäfers Bild vom tibetischen Buddhismus pendelte zwischen überschwänglicher Begeisterung und tiefer Missbilligung, die sich vor allem auf die Massen der Mönche bezog, die zu den Neujahrsfeierlichkeiten nach Lhasa geströmt waren und die Einwohnerzahlen in dieser Zeit verdoppelten.

Während ihres langen Aufenthalts in Lhasa schaffte es Schäfer sogar, die – seinen Aussagen nach – erste Genehmigung für Westler überhaupt für einen Besuch des Yarlungtales, der Wiege der tibetischen Kultur, zu erhalten.

Auch in den persönlichen Beziehungen zu den Tibetern in Lhasa scheinen die Expeditionsteilnehmer – trotz gegenteiliger Berichte von Hugh Richardson – Anklang gefunden zu haben, wenn man die entspannten tibetischen Gesichter auf den Fotos betrachtet. Möglicherweise haben die Tibeter einfach die Art der Fröhlichkeit der Deutschen gemocht, die nicht so auf Distanz und korrektes diplomatisches Verhalten bedacht sein mussten, wie es ihr Status von den englischen Repräsentanten forderte. Es ist höchst amüsant, über die manchmal ausufernden Parties im Hause Tsarong zu lesen oder sich vorzustellen, wie die Deutschen untergehakt und schunkelnd mit den Tibetern »In München steht ein Hofbräuhaus« gesungen haben. Als Heinrich Harrer, der Schäfer nicht persönlich kannte, einige Jahre später nach Lhasa kam, stellte er fest, dass die Deutschen sich sehr beliebt gemacht hatten. Immer wieder stieß er in den Häusern auf deren Spuren: Medikamente, Geschenke, Fotos …

Auf die Bekanntschaft mit Reting Rinpoche, dem jungen tibetischen Regenten, der in der Interimszeit zwischen dem Tod des 13. Dalai Lama 1935 und der Inthronisierung des 14. Dalai Lama die Regierungsgeschäfte führte, möchte ich näher eingehen, denn es war hauptsächlich dieser Kontakt, der bis heute als Beweis für eine angebliche Nazifreundlichkeit der Tibeter angeführt wird und der verantwortlich ist für die anhaltenden Gerüchte über die angeblichen geheimen politischen Ziele der Expedition.

Reting Rinpoche - Regent von Tibet

Reting Rinpoche - Regent von Tibet
Bundesarchiv: Bild 135-KA-08-077
Fotograf: Krause, Ernst / Lizenz CC-BY-SA 3.0

Reting Rinpoche - Regent von Tibet

Reting Rinpoche - Regent von Tibet
Bundesarchiv: Bild 135-KA-08-078
Fotograf: Krause, Ernst / Lizenz CC-BY-SA 3.0

Reting Rinpoche - Regent von Tibet

Reting Rinpoche - Regent von Tibet
Bundesarchiv: Bild 135-S-12-40-25
Fotograf: Schäfer, Ernst / Lizenz CC-BY-SA 3.0

Reting Rinpoche - Regent von Tibet und Bruno Beger

Reting Rinpoche mit Bruno Beger
Bundesarchiv: Bild 135-S-13-11-15
Fotograf: Schäfer, Ernst / Lizenz CC-BY-SA 3.0

Reting Rinpoche - Regent von Tibet

Reting Rinpoche - Regent von Tibet
Bundesarchiv: Bild 135-S-13-25-29
Fotograf: Schäfer, Ernst / Lizenz CC-BY-SA 3.0

Schäfer schildert in seinen Tagebüchern anschaulich und detailliert ihre Audienzen beim Regenten. Während der Besuche der Deutschen saß Reting Rinpoche auf einer Art Thronbett, seinen Lieblingshund an seiner Seite. Der anfänglich positive Eindruck, den Schäfer von ihm hatte, bekam bald negative Aspekte, da Reting ganz offensichtlich immer auf seinen Vorteil bedacht war. Zudem gewann Schäfer den Eindruck, dass der Regent wenig Ahnung von der Welt außerhalb Tibets hatte. Er war besonders von Beger angetan und hätte ihn wegen seiner Größe gern als Personenschützer behalten. Im Austausch dafür, so bot er an, sollte Schäfer einen tibetischen Geshe mit nach Deutschland nehmen, der dort den Buddhismus lehren könnte …

Das bekannteste Ergebnis dieser Audienzen aber ist der Brief von Reting an Hitler: Schäfer, der bei seiner Rückkehr einen sichtbaren Erfolg vorweisen wollte, war es gelungen, den Regenten zum Schreiben dieses Briefes zu überreden, obwohl Reting Rinpoche offenkundig kaum wusste, wer Hitler war.

Ich gebe den Brief in der deutschen Übersetzung des Tibetologen Helmut Hoffmann wieder:

Die Adresse auf dem Briefumschlag lautet:

To His Majesty Herr Hitler, Berlin, Germany
An den deutschen König, den erhabenen Herrn Hitler,
Vom Regenten von Tibet, Reting Hutuktu
am 18. Tag des ersten Monats im Erde-Hasen-Jahr abgesandt.

»An Herrn Hitler, den deutschen König, der auf der breiten Erde Macht erlangt hat. Es freut mich, dass Ihr Euch wohl befindet und Eure guten Handlungen von Erfolg gekrönt sind. Auch ich befinde mich wohl und widme mich eifrig den Angelegenheiten der buddhistischen Religion und der Regierung. Ich habe nicht nur Sahib Schäfer und seine Begleiter, die jetzt als erste Deutsche nach Tibet gekommen sind, ohne Behinderung nach Tibet hineingelassen und bin ihnen im wahrsten Sinne des Wortes ein freundschaftlicher Helfer gewesen, vielmehr hege ich auch den Wunsch, die bisherigen freundschaftlichen Beziehungen zwischen unseren beiden Residenzen zu intensivieren. Ich glaube, dass Ihr, erhabener König, Herr Hitler, in dieser Angelegenheit mit mir übereinstimmend dies wie früher für wesentlich und nicht für gleichgültig erachtet. Widmet Eurem Befinden Sorgfalt und benachrichtigt mich von Euren Wünschen. Als Gabe sende ich in gesondertem Paket eine vorzügliche Seidenschärpe (Khatag) tibetischer Art, einen silbernen Tassendeckel und Untersatz samt der weiß-roten Teetasse selbst und einen tibetischen Apso Hund.

Von Reting Hutuktu, dem Regenten von Tibet, am 18. Tage des 1. tibetischen Monats im Erde-Hasen-Jahr abgesandt.«


Obwohl dieses Schreiben nur ein typisches Beispiel unverbindlicher höflicher tibetischer Briefliteratur darstellt, spielt es angesichts der Spekulationen über die geheimen politischen Ziele der Expedition eine Schlüsselrolle bei der Konstruktion einer immer wieder beschworenen »Nazi-Tibet-Connection«. Dazu beigetragen hat insbesondere die 1995 veröffentlichte »Konkurrenzübersetzung« des bekannten Tibetologen Johannes Schubert, die dieser 1942 von dem Schriftstück angefertigt hat. Er hat es damals wohl als politisch opportun angesehen, eine »zeitgenössische«, eine »reichsdeutsche« Übersetzung abzuliefern, und fügte in diesem Bemühen etwas hinzu, was nicht im Brief stand. So heißt es bei Schubert: »Gegenwärtig bemühen Sie [Hitler] sich um das Werden eines dauerhaften Reiches in friedlicher Ruhe und Wohlstand, auf rassischer Grundlage.«

Kein Wunder, dass diese inkorrekte Übersetzung seitdem immer wieder herangezogen wird, um tibetische Sympathien für rassistische Ideen nachzuweisen und dem tibetischen Regenten eine unkritische Freundschaft mit den Nationalsozialisten anzudichten.

Wegen der drohenden Kriegsgefahr endete die Expedition mit einer überstürzten Rückkehr der Teilnehmer nach Sikkim und Indien; von Kalkutta ging es dann weiter über Karachi und Bagdad nach Athen. Dort wurde ihnen zur großen Überraschung als besondere Ehre eine funkelnagelneue Sondermaschine der Reichsregierung für den Weiterflug nach Deutschland zur Verfügung gestellt. Die Kosten dafür hatte der »Freundeskreis« Himmlers übernommen Dieser Abschnitt des Rückflugs, Athen – München, war der einzige Teil der gesamten Expedition, den Schäfer nicht selbst finanziert hatte. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs trafen die Expeditionsmitglieder wieder in Deutschland ein.

Ergebnis

Das Ergebnis der Expedition fasste Schäfer folgendermaßen zusammen: »Das Hauptziel meiner dritten Tibet-Expedition war es, ein im weitesten Sinne biologisches Bild dieses rätselhaften Landes in einer Gesamtschau zustande zu bringen. Es war in ihrem Wesen wohl eine uralte, in ihrer Durchführung jedoch durchaus neue Synthese aller naturwissenschaftlichen Gebiete untereinander. Diese Zusammenarbeit der biologischen Richtungen mit den ihnen verwandten geisteswissenschaftlichen Gebieten führte zu einem vollen Erfolg.«

Es ist beeindruckend, welch umfangreiches wissenschaftliches Material die Expeditionsmitglieder trotz ihres relativ kurzen Aufenthalts in Sikkim und Tibet zusammengetragen haben, und wie sie jede Gelegenheit genutzt haben, so viele Informationen wie nur irgend möglich zu sammeln und sich Wissen anzueignen, um die einzigartige Chance zu nutzen. Kurz vor der Rückkehr nach Europa wurde Schäfer am 25. Juli 1939 die Ehre zuteil, vor dem britischen Himalaya-Club in Kalkutta zu sprechen. Dort präsentierte er die Ergebnisse seiner Expedition, darunter unter anderem:

Sammlung von 2000 ethnologischen Objekten, 20 000 Schwarz-Weiß-Fotos, 2000 Farbfotos, ca. 16 000 m Schwarz-Weiß-Film, ca. 1500 m Farbfilm.

650 erdmagnetische Stationen wurden angelegt. 400 vollständige anthropologische Vermessungen, 2000 Samenproben von wilden Blumen.

4000-5000 Samenproben von Nutzpflanzen und Getreidesorten, 3500 Vogelbälge und 2000 Vogeleier. Viele photogrammetrische Vermessungen für Landkarten, Höhenmessungen, meteorologische Messungen.

 
 
 
 
 
 

Für Nichtexperten ist vor allem die Sammlung der Fotos bemerkenswert, die einen eindrucksvollen Ausschnitt vergangenen tibetischen Lebens in allen seinen Facetten bietet. Immerhin sind noch 17 000 davon als Negative im Bundesarchiv Koblenz vorhanden. Etwa 1700 Abzüge sind inzwischen eingescannt worden und können online angeschaut werden.

Schlussbemerkung

Trotz ihrer wissenschaftlichen Zielsetzung und Durchführung und trotz ihrer politischen Harmlosigkeit hat kaum eine andere Tibet-Expedition je so viel öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen und wurde derart mit böswilligen Unterstellungen, Verdrehungen und Verfälschungen bedacht. Der überwiegend okkulte und geheimpolitische Gesichtspunkt, unter dem diese Expedition gesehen wird, führt bis heute dazu, dass den Tibetern, dem tibetischen Buddhismus und dem Dalai Lama immer wieder eine geistige Nähe zum Nationalsozialismus unterstellt wird – und sie auch von Neonazis vereinnahmt werden.

Bei diesen unhaltbaren Unterstellungen wird völlig ignoriert, dass das Interesse einseitig von westlicher Seite kommt, und die tibetische Seite zum großen Teil völlig ahnungslos bezüglich dieser Behauptungen ist. Die Schäferexpedition ist längst zu einem Bestandteil des ›Mythos Tibet‹ geworden. Fakten haben da kaum noch eine Chance.

Dr. Isrun Engelhardt arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Sprach- und Kulturwissenschaft Zentralasiens der Universität Bonn. Ihr Hauptinteresse gilt den wechselseitigen Begegnungen zwischen Tibetern und Europäern.

© Isrun Engelhardt und BrennpunktTIBET

Veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis der Autorin und BrennpunktTIBET, vertreten durch Klemens Ludwig.

Isrun Engelhardt: „Tibetan Triangle: German, Tibetan and British Relations in the Context of Ernst Schäfer's Expedition, 1938-1939“, in: Asiatische Studien 58 (2004), S. 57–113.

Isrun Engelhardt (ed.): „Tibet in 1938-1939: Photographs from the Ernst Schäfer Expedition to Tibet.“ Chicago: Serindia Publications 2007.

Isrun Engelhardt: „Nazis of Tibet: A Twentieth Century Myth.“ In: Monica Esposito (ed.), Images of Tibet in the 19th and 20th Centuries. Paris: École française d'Extrême-Orient (EFEO), coll. Études thématiques 22, vol. I, 2008, 63–96.

Isrun Engelhardt: „Mishandled Mail: The Strange Case of the Reting Regent's Letters to Hitler“ in Zentralasiatische Studien (ZAS) 37 (2008), 77-106.