Tibetischer Buddhismus im Westen

Fakten, Hintergründe, Standpunkte

 

Über die Entwicklung des Tulku-Systems

Dagyab Kyabgön Rinpoche


Während des Sommer-Sangha-Treffens im August 2015 hat der spirituelle Leiter des Tibethaus Deutschland, Dagyab Rinpoche, einen Vortrag gehalten über seine persönlichen Erfahrungen mit den jüngeren und auch älteren Geschehnissen der tibetischen Geschichte. Dabei nimmt er kein „Blatt vor den Mund“…

„Es ist weder eine rührselige, noch eine heilige, noch eine schöne Sache. Aber es ist die Wahrheit, die ihr wissen müsst.“

Das Wort „Tulku“ stammt aus dem buddhistischen Kontext. Es ist ein tibetischer Begriff. Man spricht von drei verschiedenen Arten der Verkörperung. Mit Verkörperung kann Wiederverkörperung gemeint sein. Es kann aber auch so sein, dass durch die eigene geistige Kraft an eine andere Person Impulse gegeben werden, so dass diese die Aktivitäten der ersten Person durchführen kann.

Was sind Tulkus?

Im buddhistischen Kontext gibt es die Vorstellung, dass, wo immer du bist, dort auch Buddha ist. Es ist fast so ähnlich wie die christliche Idee, dass – wenn ich es richtig wiedergebe – Gott überall und alles durchdringend ist.

Es gibt in den klassischen Texten solche Ausführungen. Das heißt aber nicht, dass Buddha mit einem eigenen Körper persönlich anwesend wäre. Gemeint ist seine geistige Präsenz. Buddha umfasst alles durch seinen Buddha-Geist, alle Phänomene, alle Bereiche, zu allen Zeiten und überall. So kann ich mir gemäß dieser Logik, wenn ich als Buddhist an den Buddha denke und nach seiner Qualität streben möchte, vorstellen, dass der Buddha tatsächlich anwesend ist.

Als Beispiel dafür könnte man an eine Frequenz von Radio- oder Fernsehprogramm denken, auf der verschiedene Programme – Musik, Nachrichten oder was auch immer – gesendet werden. Wir sehen nur das Radio- oder Fernsehgerät, sonst nichts. Wenn wir es einschalten, erscheinen z.B. Bild und Ton, die Frequenz wird erfahrbar. Wenn ich das Radio auf meinen Tisch stelle und angeschaltet habe, dann merke ich manchmal, wenn ich in die Nähe des Geräts gehe, dass z.B. der Ton sich verändert. Besteht kein guter Empfang, kann es passieren, dass dadurch der Empfang klarer wird. Das bedeutet, dass in diesem Raum die ganze Frequenz vorhanden ist. Ich kann das, in anderen Worten gesagt, auch als eine Art von Energie bezeichnen, und wenn ich das übertrage, spreche ich von Buddhas Kraft oder Buddhas Energie, die auf diese Weise existiert. Das als Ausgangspunkt.

Kloster Sera, TibetKloster Sera, Tibet  © Elke Hessel

Wenn ich dies peu à peu vertiefe, gibt es die sogenannten Tulkus. In der buddhistischen Philosophie wird von verschiedenen Arten von Tulkus gesprochen, aber das brauchen wir nicht so sehr vertiefen, sonst entsteht vielleicht mehr Verwirrung als Klarheit. Aber es ist wichtig, eines noch einmal zu betonen: Buddhas können und werden absichtlich überall präsent sein. In verschiedenen Formen, in verschiedenen Rahmen, das ist auch eine Art von Tulku. Darüber hinaus können sich Buddhas auch willentlich als Menschen, als Tiere oder auf sonstige Weise verkörpern und für uns präsent sein, für unsere Bedürfnisse, um uns zu unterstützen. Diese kann man auch als eine Art von Tulku verstehen. Beispielsweise denken wir, dass der Dalai Lama die Emanation von Avalokiteshvara sei. Die Idee dahinter ist, dass Buddhas als Menschen für uns, in unserer Welt, unter uns sein können.

Eine weitere Vorstellung ist, dass die Bodhisattvas je nach Verwirklichungsgrad eine hervorragende Freiheit haben, eine bestimmte Art Verkörperung zu manifestieren. Andere Bodhisattvas mit einem geringeren Grad von Verwirklichung oder Menschen, die eine besondere geistige Kraft haben, ohne Bodhisattvas zu sein, können durch ihre eigene Willenskraft und/oder durch großes Mitgefühl und durch ihre Wunschgebete auch etwas manifestieren. Da gibt es verschiedene Kategorien und Möglichkeiten.

Als Beispiel hierzu: Während meines Sterbeprozesses oder auch schon in der Zeit davor denke ich: „Ich möchte gerne in meiner nächsten Existenz Afrikaner sein und dortige Menschen unterstützen.“ Wenn ich mir das durch meine Willenskraft und mit vielen Gebeten wünsche, kann ich vielleicht in der nächsten Existenz in Afrika geboren werden. Aber so einfach ist es nicht: Ich spreche einen Wunsch aus und zack, mit einem Fingerschnippen, werde ich in Afrika wiedergeboren. Das ist natürlich alles mit Ursache und Wirkung verbunden. Dafür muss wirklich die Fügung oder die „zusammengesetzte karmische Verbindung“ stimmen. Soviel als grundlegende Informationen.

Vor- und Nachteile des Tulku-Systems

Zunächst beschreibe ich die Tulku-Idee im tibetisch-mongolischen Kulturkreis. Hier bedeutet ein reinkarnierter Tulku nicht, dass sich jemand noch einmal reinkarniert oder manifestiert hat, sondern es geht lediglich um die offizielle Anerkennung als Reinkarnation einer bestimmten früheren Person, ich sage nicht eines Meisters oder einer Meisterin oder was auch immer, sondern eines verstorbenen praktizierenden Menschen, sei er weiblich oder männlich. Das war die grundlegende Idee!

Kloster Sera, Tibet1950 Einsetzung des Chetsang Rinpoche  © Chetsang Rinpoche

Dieses Konzept hat sich im 13. Jh. in Tibet herausgebildet: 1284 wurde der dritte Karmapa, Rangjung Dorje, geboren. Der erste Karmapa war Düsum Khyenpa, der zweite Karmapa ist Karma Pakshi. In diesem Zeitraum gab es keine klare Aussage, ob Karma Pakshi die Reinkarnation von Karmapa Düsum Khyenpa sei, damals hat es dieses System noch nicht gegeben. Aber, nach dem Tod des zweiten Karmapa, Karma Pakshi, als der – dann dritte – Karmapa, Rangjung Dorje, 1284 geboren wurde, wurde er als Reinkarnation des zweiten Karmapa, Karma Pakshi, identifiziert, offiziell anerkannt, und Karma Pakshi wurde wiederum als Reinkarnation des ersten Karmapa anerkannt. Es hat also eine Art rückwirkende Identifikation stattgefunden. Dies war die erste offiziell bestätigte Reinkarnation überhaupt im tibetisch-mongolischen Kulturkreis.

Frühere Lehrer

Was gab es zuvor? Seit dem 8. bzw. 7. Jh. wurde die Buddha-Lehre in Tibet – fast hätte ich „unter der Leitung von“ gesagt – von Padmasambhava mit seinem Gefolge, einer Reihe von 24, 25 tibetischen Meistern, hervorragend verbreitet. Später gab es dann – aus der Sakyapa-Perspektive her gesehen – fünf große Sakyapa-Meister und weitere führende, unzählige viele großartige Meister dieser Tradition.

Danach, angefangen mit Marpa Lotsawa, weiter zu Milarepa, Rechungpa und vielen anderen, entwickelten sich die vier großen Kagyüpa-Traditionen und acht kleinere Gruppen von Kagyüpa-Traditionen mit vielen großartigen Meistern. Weiterhin bei den Kadampas gab es ebenfalls, beginnend mit Atisha, Dromtönpa und alle diese hervorragenden Kadampa-Meister. Es folgten die Gelugpas, mit Tsongkhapa und seinen acht hervorragenden Schülern und viele Meister.

All diese Persönlichkeiten haben die Buddha-Lehre wirklich – sowohl was die Erklärung über den Buddhismus, als auch die Verwirklichung durch die buddhistische Praxis angeht – hervorragend verkörpert.

Durch die Leistung dieser außergewöhnlichen Lehrer und Praktizierenden können wir heutzutage immer noch vom Buddhismus profitieren und ihn praktizieren. All dies beruht auf der Güte aller früheren Lehrer.

Mit den Karmapas hat also das Tulku-System angefangen, und der Tulku hat natürlich damit einen spirituellen Status gewonnen. Seitdem gab und gibt es in allen Traditionen Tulkus, einschließlich der Bönpo-Tradition hätte ich fast gesagt, denn im Bön hat es ganz früher noch keine Tulkus gegeben.

Es gibt zwei Gruppen im Tulku-System, die das Vertrauen der tibetischen Bevölkerung, der tibetischen Gesellschaft haben. Die eine Gruppe hat durch das Studium, durch die Praxis, hervorragend die Bedeutung des Buddhismus erkannt, verstanden und konnte und kann sie weiter vermitteln. Die großartigen Lehrer, die ich vor hin genannt habe, sind vergleichbar mit den damaligen indischen, vortrefflichen Panditas, also den Gelehrten, und mit den Mahasiddhas, also den verwirklichten Personen. Was sie wissen und wie sie wissen, kann man gar nicht in Worte fassen. Das ist die eine Kategorie, also die Lehrer, die großartiges Wissen und Verwirklichungen haben, eine Art von Elitegruppe, könnte man vielleicht sagen.

Die andere Kategorie ist leider die größere. Die Mehrheit der Tibeter und Mongolen sind Bauern, Nomaden und Händler, die meistens entweder Bön oder überwiegend Buddhismus praktizieren. Ihre Praxis basiert auf Hingabe, meist besitzen sie gar kein Wissen oder nur sehr, sehr, dürftiges Wissen über Buddhismus. Aber sie haben bombastisches Vertrauen, unerschütterliche Hingabe. Niemand kann sie davon abbringen, so stabil sind sie. Es geht nicht nach Lust und Laune, wie z.B., dass sie großartiges Vertrauen nur dann haben, wenn sie sehr glücklich sind und eine gute Zeit haben, aber Zweifel, wenn private oder persönliche Komplikationen auftauchen, und sie dann sagen: „Naja, ich weiß nicht, wie Buddhismus überhaupt ist, wie das mit Karma, mit Buddha und Reinkarnation usw. ist“, das gibt es nicht. Nein, sie haben wirklich stabiles Vertrauen. Durch dieses Vertrauen wurden positive Wirkungen hervorgebracht, aber auch sehr viele negative Wirkungen erzeugt.

Die positive Wirkung, wenn man so sagen möchte, des Vertrauens in das Tulku-System ist, dass es eine großartige Solidarität in der Gesellschaft bewirkt. Nur ein Beispiel: Wenn es in einem Ort einen großartigen Geshe gibt, einen großartigen Einsiedler, der mehrere Drei-Jahres-Retreats absolviert hat oder fast sein ganzes Leben lang „eingesperrt“ und auf Meditation bezogen ist, so ist das die eine Kategorie. Aber gleichzeitig gibt es einen „sogenannten“ Tulku, der – ich übertreibe ein bisschen – so gut wie gar kein Wissen besitzt, aber eben den Titel „Tulku“, dann wird von der Bevölkerung der Tulku bevorzugt, ihm wird mehr Respekt gezeigt als dem Geshe oder Drugpön oder wem auch immer. Der Titel zählt mehr als nachgewiesenermaßen intensive Praxis. Es war immer so und ist auch heute noch so.

Anerkennung von Tulkus

Nun komme ich zu den Nachteilen des Tulku-Systems, dafür muss ich noch eine Frage einschieben: Wie wird ein Tulku anerkannt? Hier gibt es – wie überall – immer Theorie und Praxis. Die Theorie: Entweder der Tulku oder Lehrer selbst hinterlegte, bevor er oder sie verstarb, ein Testament bzw. äußerte sich vor seinem Tod: „Ich werde am Soundsovielten bei Vater soundso, Mutter soundso, Ort soundso usw. geboren werden.“ Zum anderen gibt es verschiedene Zeichen, die gedeutet werden, um die Reinkarnation zu suchen. Das ist allerdings eine komplizierte Sache. So die Theorie.

In der Praxis läuft es leider nicht immer so, es gibt bedauerlicherweise anderweitige Formen. Denn ein anerkannter Tulku steht meistens nicht allein da.

Jeder Tulku hat eine Art Haushalt. Dieser Haushalt wird „Labrang“ genannt. Der größte Tulku-Labrang ist der des Dalai Lama, der ursprünglich privat war. Aus ihm ist die spätere tibetische Regierung hervorgegangen. Dies hat der jetzige Dalai Lama rückgängig gemacht. Seit 2010 oder 2011 ist sein Labrang wieder privatisiert, und die tibetische Exilregierung ist getrennt davon. So soll es auch in Zukunft bleiben: Von nun an wird es niemals mehr einen Dalai Lama als Regierungsoberhaupt geben.

Ob es Reinkarnationen von Dalai Lamas weiterhin geben wird oder nicht, das ist eine andere Frage.

Der kleinste Labrang wäre ein Tulku, ein Lama mit ein oder zwei Mitarbeitern, einer kocht, und der andere könnte z.B. sein Assistent sein. Man könnte auch ganz salopp sagen, als Tulku ist man mehr oder weniger eine Art von Einnahmequelle. Wenn ich als Tulku irgendwo hingehe, dann werden Menschen kommen und mich beauftragen, Bittgebete zu machen für Verstorbene oder Kranke oder überhaupt für das Wohlergehen der Familie. „Dazu mögest du bitte ein Gebet machen“, dann gibt man ein paar Cent, ein paar Euro bis hin zum gesamten Reichtum der Familie, da gibt es eine große Bandbreite. Diese Einnahmen müssen auch verwaltet werden. Zum Beispiel sollten früher alle Einnahmen der tibetischen Regierung, der tibetischen Bevölkerung und dem Land zugutekommen.

Beijing Panchen LamaPlakat mit dem „Beijing Panchen Lama“  © privat

Allgemein gehen die Einnahmen der Rinpoches beispielsweise in den Bau und den Unterhalt von Klöstern, werden z.B. für die Herstellung von Statuen, Büchern und Publikationen verwendet sowie zur Unterstützung von Nonnen und Mönchen. Auch seine Assistenten, deren Familien und auch die eigene Familie profitieren von den Einnahmen. Nochmals: Der Tulku ist eine Einnahmequelle.

Wenn ein Tulku stirbt, wird die Reinkarnation gesucht. Diese Reinkarnation wird durch bestimmte Maßnahmen gefunden und kommt zurück in denselben Labrang, damit die Verwalter, seien es zwei, drei Mönche oder der ganze Regierungsapparat, die finanzielle Kontrolle, d.h. auch die Macht, den Wohlstand in diesem Rahmen behalten können. Sollte der nächste Tulku in einer anderen Familie geboren werden und somit die gesamten Einnahmen dorthin gehen, würde der ursprüngliche Labrang arbeitslos. Doch so läuft es nicht. Weiterhin dortzubleiben und an den Einnahmen der Tulkus teilzuhaben, das ist das Interesse der Mitarbeiter.

So arbeitet dieses System eigentlich niemals sauber. Vetternwirtschaft und Korruption sind immer dabei. Von der Dalai-Lama-Regierung bis hin zu kleinen Tulkus, es gibt kein sauberes Verhalten. Natürlich kann bei kleinen Tulkus nicht viel passieren, weil die Einnahmen sehr gering sind, deshalb ist hier das Interesse nicht allzu groß. Der Tulku ist sowieso ein kleiner Tulku, seine Mitarbeiter sind beschränkt auf ein, zwei Personen. Es kann höchstens vorkommen, dass nach dem Tod eines seiner Assistenten vielleicht einer seinen Neffen reinbringt, der kann dann weitermachen. Das war’s, mehr ist nicht drin. So ist das mit der gesamten Tulku-Landschaft. So ist das!

Aspekte des Tulku-Daseins

An und für sich sind die Tulkus selbst, theoretisch und meist mehr oder weniger auch praktisch, in Ordnung. Sie haben brav studiert und sind dadurch ganz großartige Lehrer geworden, unabhängig davon, ob wirklich das Bewusstsein von der früheren Existenz „mit im Spiel war“ oder nicht. Das ist ein Kapitel für sich, ich interessiere mich im Moment wenig dafür. Interessanter ist, was diesen Tulkus, großen und kleinen, in ihrem Leben passierte und wie ihr Leben verlief. Dabei gibt es sowohl spirituelle als auch politische Aspekte, Macht als auch wirtschaftliche Aspekte, da gibt es verschiedene Betrachtungsweisen.

Beispielsweise ist der 14. Dalai Lama schon allein nur durch seinen intensiven Lernprozess ein großartiger Lehrer geworden. Er ist nicht mit großem Wissen geboren worden, er ist als Analphabet geboren. Vom Alphabet angefangen musste er alles lernen, und er hat sehr gut gelernt. Er hat Eigeninitiative und Interesse gezeigt, dadurch ist er ein großer Gelehrter geworden. Selbst als 80jähriger Mensch studiert er immer noch jeden Tag, er liest und liest und liest und meditiert und meditiert immer weiter, dadurch hat er eine große Qualität erlangt. Nicht mit Simsalabim oder so.

Kein einziger Mensch, kein einziger Tulku hat etwas von seinem früheren Wissen mitgebracht. Alle waren Analphabeten. Bei der Anerkennung, bei der Identifikation als Reinkarnation im Babyalter – meist werden zwei- bis dreijährige Kleinkinder als Kandidaten für einen Tulku geprüft – werden den Kindern natürlich verschiedene Gegenstände vorgelegt, die von ihnen richtig identifiziert werden müssen. Oder dieser Tulku weiß den Namen des früheren Assistenten oder den Namen des Pferdes des Vorgängers usw. Da gibt es so viele Geschichten. Als mein Freund Samdhong Rinpoche, der ehemalige tibetische Regierungschef, klein war, hatte ihn sein Lehrer geschimpft: „Du hast den Namen des früheren Assistenten usw. gekannt, aber warum konntest du nicht früheres Wissen mitbringen? Nur den Namen von Tieren und Menschen zu kennen, das ist keine weltbewegende Sache. Wenn du frühere Qualität mitgebracht hättest, dann wärst du ein richtiger Tulku!“ Das ist sehr, sehr richtig.

Wenn wir nun die Reinkarnationsreihen betrachten, so gibt es fast immer, nicht bei allen, viele großartige Lehrer aufzuzählen oder zu entdecken – angeblich zu entdecken. Dann, wie ich auch ab und zu sage, folgen die Biographien eines Rinpoche oder Lama einem mehr oder weniger eintönigem Schema: Bevor er geboren wurde, hatten seine Mutter oder der Vater hervorragende Traumzeichen. Und als er geboren wurde, schien die Sonne, es gab einen Regenbogen. Und das in großen Wasserfässern gesammelte Regenwasser usw. – früher gab es in Tibet kein Leitungswasser –, dieses ganze Wasser ist zu Milch geworden. Blumenregen fiel herab und so weiter und so fort. Alles wird im mythologischen Stil präsentiert. In manchen Biographien gibt es wirklich haarsträubende Erklärungen: Er musste gar kein Alphabet lernen, er hat es sofort verstanden – ob das so ist oder nicht, wer weiß das ... Dann ist er ein großartiger Lehrer geworden, hat eine großartige Lehrtätigkeit ausgeübt, großes Mitgefühl entwickelt, das ganze Pipapo – alle diese Dinge sind hinzugefügt … Und dann verstarb er irgendwann. Er hat diese oder jene Stupa errichtet, diese Statue, dieses Kloster. Und soundso viele Mönche und Nonnen ernährt, Unterweisungen gegeben usw. Das ist dann die Biographie. Ob man es dadurch wirklich sehr glaubhaft machen kann oder nicht, über seine eigentliche Persönlichkeit ist jedenfalls fast nie irgendwo etwas zu entdecken. Das ist alles problematisch.

Gefährliche Machtspiele

Und jetzt möchte ich gerne einige spezifische Beispiele dafür nennen: Es gab einen großen Meister, Rati¹ Rinpoche (Reting Rinpoche). Er wurde 1912 geboren und zeigte in seiner Jugend einige übernatürliche Fähigkeiten, hinterließ auf einem Stein einen Fußabdruck und stach mit einem spitzen Holzstock in einen Felsen. Aber abgesehen davon hat er ganz brav und gut studiert, der 13. Dalai Lama hat persönlich seine Prüfung abgenommen, und er wurde Geshe Lharampa. Als Rati Rinpoche 22 Jahre alt war, verstarb der 13. Dalai Lama, und Rati Rinpoche wurde ein Jahr später zum Regenten von Tibet ernannt. In dieser Funktion hat er viele großartige Leistungen erbracht, z.B. eine Veränderung des Regierungssystems durchgesetzt und die unparteiische Unterstützung der Klöster aller buddhistischen Traditionen geregelt. Das ist allen Klöstern gut bekommen. Aber zu seinen wichtigsten Leistungen zählt, dass er die Reinkarnation des 14. Dalai Lama anhand von Visionen analysiert hat. Wie er das machte, möchte ich hier nicht weiter ausführen, jedenfalls hat er alles mit Sorgfalt durchgeführt und darüber hinaus alle Aktivitäten geleitet, um den Dalai Lama aus Amdo nach Zentraltibet zu holen. Das alles war seine Leistung, das war alles hervorragend. Daneben, als Nebensache könnte man sagen, hat er sein Leben genossen. Angeblich war er auch kein Mönch mehr, er habe einige Freundinnen gehabt, solche Gerüchte gab es. Das ist der eine Aspekt, den ich mit einem zweiten verbinden muss.

Reting Rinpoche - Regent von Tibet

Reting Rinpoche - Regent von Tibet
Bundesarchiv: Bild 135-KA-08-077
Fotograf: Krause, Ernst / Lizenz CC-BY-SA 3.0

Reting Rinpoche - Regent von Tibet

Reting Rinpoche - Regent von Tibet
Bundesarchiv: Bild 135-KA-08-078
Fotograf: Krause, Ernst / Lizenz CC-BY-SA 3.0

Reting Rinpoche - Regent von Tibet

Reting Rinpoche - Regent von Tibet
Bundesarchiv: Bild 135-S-12-40-25
Fotograf: Schäfer, Ernst / Lizenz CC-BY-SA 3.0

Reting Rinpoche - Regent von Tibet und Bruno Beger

Reting Rinpoche mit Bruno Beger
Bundesarchiv: Bild 135-S-13-11-15
Fotograf: Schäfer, Ernst / Lizenz CC-BY-SA 3.0

Reting Rinpoche - Regent von Tibet

Reting Rinpoche - Regent von Tibet
Bundesarchiv: Bild 135-S-13-25-29
Fotograf: Schäfer, Ernst / Lizenz CC-BY-SA 3.0

Als Rati Rinpoche Regent war, sollte der Dalai Lama, der inzwischen ca. 6-7 Jahre alt war, zum Mönch ordiniert werden. Diese Gelübde konnte ihm nur der Regent erteilen, das war die Vorschrift oder Tradition. Man kann nicht einen anderen großen Lehrer holen, um dem Dalai Lama Gelübde zu erteilen. Zudem war der Regent ohnehin der Lehrer des Dalai Lama, seit dieser in Zentraltibet war. Da er aber aus der Sicht vieler Menschen kein Mönch mehr war, konnte er dem Dalai Lama die Gelübde nicht geben. Aber es wäre auch zu peinlich gewesen, einfach öffentlich zu sagen: „Leider bin ich kein Mönch mehr, deshalb holen wir jemand anderen.“ Da die Tibeter aber sehr diplomatisch sind, haben sie einen sehr, sehr guten Plan ausgedacht. Und zwar gab es einen anderen großen Meister, sein Name ist Takdra² Rinpoche. Rati Rinpoche hatte von ihm auch Unterweisungen genommen, und er war bereits zum stellvertretenden Lehrer des Dalai Lama ernannt worden. Rati Rinpoche und Takdra Rinpoche waren also enge Vertraute und saßen immer in den Zeremonien nebeneinander.

Rati Rinpoche hat ihn nun gebeten: „Ich muss ein Dreijahresretreat machen, sonst besteht große Gefahr für mein Leben. Deshalb ziehe ich mich zurück in mein Kloster. Während dieser Zeit möchtest du mich bitte vertreten und die Regentschaft übernehmen.“ So hat er sich verabschiedet und ist zu seiner eigenen Einsiedelei gegangen. Übrigens, diese Einsiedelei ist das Kloster Reting, das einst Dromtönpa gegründet hatte.

Dromtönpa (Drom-tön Gyal-we Jungne, 1005–1054)Dromtönpa (Drom-tön Gyal-we Jungne, 1005–1054)  © Elke Hessel

Nun hatte also Takdra Rinpoche die Macht inne. Er hat den höchsten Geshe-Titel, den Lharampa Geshe, erlangt, war ein großartiger Lehrer geworden, hat sehr viele Unterweisungen, sehr viele Ermächtigungen gehört, sehr gut praktiziert. Fast alle respektierten ihn als Kyabje Takdra Rinpoche. Das Wort oder die Verehrungsbezeichnung „Kyabje“ können nur einzelne, besondere Lamas bekommen, nicht einer, der einmal auf einem „Thrönchen“ gesessen ist. So jemanden Kyabje zu nennen, das wäre früher nicht möglich gewesen. Heute ja, früher nein!

Jedenfalls hat Takdra Rinpoche dann problemlos den Dalai Lama zum Mönch ordiniert. Nach drei Jahren ist Rati Rinpoche – wie vereinbart – nach Lhasa zurückgekehrt und wollte wieder seine Regentschaft übernehmen. Klar, so war die Vereinbarung. Rati Rinpoche hat also Takdra Rinpoche, dem jetzigen Regenten, einen Besuch abgestattet, und sie haben ein paar nette Worte gewechselt, aber die Rückgabe der Regentschaft kam nicht zur Sprache. Es wurde weiter versucht, aber von Takdra Rinpoches Seite gab es gar keine Anzeichen. Natürlich hatten sowohl Takdra Rinpoche als auch Rati Rinpoche eine gewisse Rückendeckung von Adligen, und jeder hat gemeinsam mit seinen Freunden mit allen Mitteln Schwierigkeiten verursacht.

Zu diesem ganzen Vorgang gibt es einiges an Literatur. Jedenfalls, Rati Rinpoche gehörte zum Sera-Kloster, und zwar Sera-Je. Takdra Rinpoche hatte im Gomang-Kolleg des Drepung-Klosters studiert. Somit haben die Sera-Mönche Rati Rinpoche und die Drepung-Mönche Takdra Rinpoche unterstützt. Wie dem auch sei, letztendlich wurde von der Rati-Seite – angeblich, so sag ich mal – eine Art Bombe gebastelt, um Takdra zu beseitigen. Diese haben sie dann verschickt, und zum Glück oder bedauerlicherweise ist das Paket nicht zu Takdra Rinpoche gelangt, sondern irgendwo anders. Dadurch wurde alles aufgedeckt.

Offensichtlich war Rati Rinpoche wirklich persönlich involviert. Er hat sich dann wieder nach Hause, nach Reting zurückgezogen. Takdra Rinpoche oder, besser gesagt, dessen sogenannter Schatzmeister hatte das Sagen, die tibetische Regierung lag in seiner Hand, so heißt es. Später wurden zwei Kabinettsmitglieder mit einem Trupp nach Reting geschickt, Rati Rinpoche verhaftet und das ganze Kloster vernichtet, alle Besitztümer Rati Rinpoches zerstreut. Rati Rinpoche wurde in das schlimmste Gefängnis im Potala-Palast in Lhasa gebracht, und auf das heftigste verhört. Er habe dann zugegeben, dass er über diese Angelegenheit Bescheid gewusst habe. Am Ende, so wird berichtet, habe Rati Rinpoche, da er ein großartiger Meister gewesen ist, sich freiwillig von seinem Leben verabschiedet, seinen Körper verlassen. Aber es gibt auch sehr viel Hinweise, dass man ihm möglicherweise Gift verabreicht hatte. Jedenfalls ist er in der Haft verstorben.

Mein Kommentar dazu ist: Sicherlich hatte der Schatzmeister ihn wesentlich beeinflusst, aber als Rati Rinpoche verhaftet und in den Potala gebracht wurde, hat der Dalai Lama ihn, der er ja ein vertrauter Lehrer gewesen ist, persönlich gesehen. Durch den Türspalt. Er war noch ein Kind, und obwohl er der höchste tibetische Tulku war, war er vollkommen machtlos.

Dass Takdra Rinpoche, der Lehrer des großen Phabongka war, der Schüler von Phabongka war und der Lehrer des jetzigen Dalai Lama sowie von dessen beiden Lehrern, Kyabje Ling Rinpoche und Kyabje Dorje Chang, und von allen so stark verehrt wurde, dass dieser großartige Meister, auf dessen Knochenresten nach seinem Tod das Wurzelmantra von Yamantaka spontan entstanden sein soll, von all dem gar keine Ahnung gehabt haben soll, das kann ich nicht akzeptieren, das ist eine zu gigantische Sache. Es ging um Leben und Tod des ehemaligen Regenten, aber er hat nichts unternommen, hat einfach die Augen zu gemacht. Wo bleiben seine gesamten Verwirklichungen, seine buddhistischen Gedanken, sein Mitgefühl und Bodhicitta-Gedanke? Alle diese Dinge sind, nicht unter einen Hut zu bringen. Das ist ein Problem.

Es ist schon ein Problem, ein Tulku zu sein. Wäre er kein Tulku, wäre er möglicherweise gar nicht Lehrer des Dalai Lama geworden und in all diese Vorgänge nicht so involviert gewesen. Und, wie ich vorhin gesagt habe, das Sera-Kloster hat Rückendeckung für Rati Rinpoche gegeben, deshalb hat die tibetische Regierung das Sera-Kloster attackiert. Dabei sind so viele Mönche umgekommen, viele Hunderte! Den Abt des Sera-Klosters wollten sie verhaften, er war aber schon abgehauen. Den habe ich später, nachdem alles vorbei war, kennengelernt. Er war, glaube ich, nach Amdo verschwunden. Viele solche Dinge sind geschehen. Auch das ist ein Nachteil des Tulku-Systems.

̈Mutter und Kind in LhasäMutter und Kind in Lhasa  © Tibethaus

Weitere Konflikte

Und wenn ich an das 15., 16. Jh. denke: Was für einen Konflikt hat es damals zwischen Gelugpas und Kagyüpas gegeben!

Tsongkhapa hatte zu der Zeit in Lhasa das Mönlam-Fest eingeführt. Damals hatten – behaupte ich mal ganz vorsichtig, ich habe zwar darüber gelesen, sage es aber trotzdem mit Zurückhaltung – der 10. Karmapa und Sharmapa Yeshe Chödrak angeblich enge Verbindungen zum damaligen Regenten. Von Tsang aus hatten sie mit Hilfe des lokalen Königs 10.000 Soldaten nach Zentraltibet geschickt, um die Klöster Sera, Drepung und Ganden usw. zu zerstören. Dann bauten sie als Gegnerschaft in Lhasa ein Kagyüpa-Kloster. Das Kloster heißt Karma Künsar, das gibt es heute nicht mehr, der Ort ist inzwischen relativ bekannt und ein Stadtteil von Lhasa geworden. Als in Tsang Tashi Lünpo durch den 1. Dalai Lama gegründet wurde, hatten die Kagyüpas ebenfalls eine gegnerische Haltung eingenommen. Viele Gelugpa-Klöster wurden gezwungen, Kagyüpas zu werden. Auch Drikung Kagyüpa haben dementsprechend Kriege geführt und die gesamten Güter von den Kagyü/Gelugpa-Klöstern übernommen. Und so weiter. Da gibt es sehr viele Probleme. Und immer waren Tulkus involviert.

Dann gab es einen Sharmapa, der ein Neffe des Pänchen Rinpoche war. Er hatte einen Bruder, der in China zu Reichtum gekommen war. Dieser Sharmapa wollte einen Anteil davon haben, den er aber nicht bekam. Dadurch war er unzufrieden – ich verkürze jetzt die ganze Geschichte –, er ging nach Nepal und führte von dort aus Krieg gegen die tibetische Regierung. Später durften die Gelugpas 20 Jahre lang nicht am Mönlam-Fest teilnehmen. Wie dem auch sei, es war eine sehr, sehr schwierige Situation unter dem Machteinfluss der Kagyüpas. In der Folge haben die Gelugpas die Mongolen kontaktiert, die dann gegen die Kagyüpas Krieg führten. Somit hat sich alles wieder geändert, viele Kagyüpa-Klöster wurden wieder in Gelugpa-Klöster umgewandelt. Auch gab es Konflikte und kriegerische Handlungen der Nyingmapas gegen Gelugpas und umgekehrt. Es gab einfach unzählige solcher Konflikte, und das alles unter der Leitung von Reinkarnationen, also Tulkus.

Heutiges Beispiel

Nun möchte ich noch ein Beispiel aus der Gegenwart anbringen, es gibt zahlreiche davon. Es gab einen großartigen Lehrer aus der Nyingma-Tradition, Trülshig Rinpoche, der leider 2008 verstorben ist. Von ihm hat der Dalai Lama sehr viele Unterweisungen genommen und ihn sehr verehrt. Trülshig Rinpoche lebte meistens auf einem Berg in Nepal, ganz weit weg; er war hervorragend, aber seine Assistenten! Er hatte zwei Assistenten, einen Schatzmeister und einen Speisemeister, die Brüder waren. Kurz vor seinem Tod soll Rinpoche Folgendes gesagt haben: „Was meine Reinkarnation angeht, macht ihr genau das, was der Dalai Lama vorschlägt.“ Die beiden Brüder haben natürlich zunächst mit dem Kopf genickt und zugestimmt. Sie gingen dann, vielleicht mit gewissem Vorbehalt und mit Hintergedanken, zum Dalai Lama. Dieser sagte: „Das ist richtig. Ich habe eine gewisse Verantwortung, er war mein Lehrer, sogar ein sehr wichtiger Lehrer. Deshalb müssen wir alles gemeinsam machen. Das kann man nicht so salopp entscheiden. Bitte bildet ihr eine Suchdelegation.“ Sie sagten „laso, laso“, also ja, ja, und sind wieder nach Hause gegangen. Aber heimlich kontaktierten sie jemanden in Tibet. Dort gibt es einen Miling Dung-Sä, den Sohn eines großen Nyingmapa-Meisters. Dung-Sä heißt Sohn eines Lamas. Anstatt eine Suchdelegation zu bilden, baten sie ihn, eine Reinkarnation zu finden. Wenn man nämlich eine Suchdelegation bilden würde, wäre die gesamte Macht, der Reichtum usw. mit dieser Suchdelegation verbunden, das gibt dann Komplikationen.

Trülshig RinpochëTrülshig Rinpoche  © Rigpa Wiki

Die Brüder hatten eine Schwester, die eine Tochter im heiratsfähigen Alter hatte. Sie haben sie also ganz schnell verheiratet und schnell, schnell ein Kind zeugen lassen. Das haben sie geschafft. Aber bedauerlicherweise war es ein Mädchen. Deshalb konnte sie nicht als Rinpoches Reinkarnation präsentiert werden. Dann sagten die Brüder zu ihrer Nichte: „Mach weiter!“ Schließlich wurde zum Glück ein Sohn geboren. Und dieser Sohn wurde von dem in Tibet lebenden Nyingmapa-Lama als die Reinkarnation von Trülshig Rinpoche bestätigt. Somit wurde ihr Wunsch erfüllt. Der Rinpoche hatte ein Kloster, Thubten Chöling, darüber haben die beiden Brüder die gesamte Macht. Dort leben 594 Mönche und Nonnen, und die meisten, bzw. die überwiegende Zahl der Mönche und Nonnen mögen die Brüder nicht, weil diese beiden zu mächtig sind und nicht im Einklang mit dem früheren Lama handeln. Sie wollen nur Macht und Reichtümer an sich reißen. Auch viele von Rinpoches Schülern, die auch Laien sind, wissen darüber Bescheid. Man findet keine Übereinstimmung. Diese Geschichte habe ich neulich in einem Protestschreiben im Internet durch Zufall gelesen. Ich war sehr verblüfft. Doch all das bestätigt meine Erfahrungen.

Ich bin seit fast 75 Jahren, naja, vielleicht nicht ganz 75, aber mindestens 73 Jahren Tulku gewesen. Wie das meine Leute überhaupt gemacht haben und vielleicht immer noch machen – ich habe im Moment gar keinen Labrang, zum Glück, doch den einen oder anderen Mitarbeiter gibt es noch.

Das Tulku-System abschaffen

Was ich damit sagen möchte – übrigens genau wie mein Freund Samdhong Rinpoche – ist Folgendes: Das Reinkarnations-System gehört ins Museum! Es hat damals auch großartigen Nutzen gebracht, doch jetzt ist es vorbei mit dem Tulku-System. Was den Buddha-Dharma angeht, was die Buddha-Lehre angeht, haben früher – wie ich vorhin gesagt habe, deshalb habe ich es so aufgebaut – die großartigen Lehrer aller Traditionen dermaßen sorgfältig gearbeitet, damit wir immer noch den Dharma genießen können.

Deshalb soll man in Zukunft nicht mehr irgendwelche Säuglinge suchen und vor uns auf dem Thron platzieren, damit wir vor ihnen Niederwerfungen machen, um dann einige Jahre später, wenn der eine oder andere von ihnen nicht so brav ist und nicht studiert hat, zu sagen: „Der ist Buddha-Dharma-Zerstörer“. So sagen sie auch heute noch. Ein Baby soll weder zu einem Zerstörer noch zu einem Verehrungsobjekt gemacht werden. Das ist nicht nötig, das ist nicht gut.

Was gut wäre: Mönche, Nonnen und Laien, wer auch immer, die wirklich sorgfältig studieren und Erkenntnis bzw. gewisse Verwirklichungen erlangen, die mit Ernsthaftigkeit die buddhistische Lehre unterstützen, die Unterweisungen geben, diese Frauen, Männer, Mönche und Nonnen sind geeignet, als Lehrer verehrt zu werden. Sie sollen diese Aufgabe übernehmen. So wie es die früheren Nyingmapa, Kagyüpa, Sakyapa, Gelugpa, Kadam-Meister gemacht haben. Was brauchen wir anderes? Wenn wir das machen, dann gibt es weniger Probleme mit Reichtümern, weniger Probleme mit Macht, weniger Probleme mit Politik.

Und heute, wie viele Karmapas haben wir, wie viele Pänchen Rinpoches, Jamgön Kongtrül Rinpoches! Und es steht auch hundertprozentig fest, dass wir nach dem Tod des 14. Dalai Lama zwei Dalai Lamas bekommen werden. Die chinesische Regierung hat jetzt schon einfach organisiert, dass sie den nächsten Dalai Lama durch die kommunistische Regierung ernennen und auf den Thron setzen wird, davon wird sie niemand abhalten können. Der 14. Dalai Lama kann noch so oft versprechen: „Ich will mich so und so, bei dem und dem manifestieren“, das hilft alles nichts. Angeblich wird er in Indien, Nepal oder meinetwegen in der Mongolei, in Europa oder Amerika, irgendwo geboren werden. Wie er immer sagt: „Wenn ich reinkarniert werde, dann soll das ein Mensch sein, der meine Arbeit fortführen wird.“ Theorie, das ist Theorie. Und ob er seine Theorie in Praxis umsetzen kann oder nicht, ich sage nein. Im Exil vielleicht ein bisschen, ja, aber nur ein bisschen. Ohnehin wird kein Dalai Lama in Zukunft wie der 14. Dalai Lama sein, mit diesem Wissen, seiner Bekanntheit, all diesen Qualitäten, das kann kein einziger Dalai Lama in der Zukunft schaffen. Das haben sie früher in der Vergangenheit nicht geschafft, in der Zukunft wird das auch nicht möglich sein.

Unser Land ist Tibet, und der Dalai Lama gehört zu Tibet. Er wird durch die Chinesen eingesetzt werden. Und somit ist dann Schluss. Und deshalb sollten wir freiwillig solche Systeme beenden und nicht unter Zwang. Diese Meinung habe ich immer mal wieder verkündet, aber gleichzeitig weiß ich – ich bin nicht blind, ich bin realistisch, ich bin hundertprozentig sicher –, dass es innerhalb von einigen Generationen nicht gelingen wird, es abzuschaffen. Dieses Reinkarnationssystem wurde von Menschen eingeführt, es muss bzw. kann nur von Menschen beendet werden. Worauf müssen wir warten? Auf niemand! Wir müssen das akzeptieren und dieses System verändern. Aber dabei muss man gewisse Dinge aufgeben können. Mut haben! Was müssen wir aufgeben? Macht, wirtschaftliches Interesse, politischen Status: Diese drei muss man aufgeben können. Wenn wir das schaffen, dann gibt es gar kein Problem, das zu beenden. Das ist einfach die Situation der Reinkarnation.

Wir haben unter uns gerade keine Tibeter, aber ihr seid direkt oder indirekt mit der tibetischen Gesellschaft und somit mit Buddhismus sehr stark verbunden. Deshalb solltet ihr all das wissen. Ich habe den Eindruck, dass sowohl Tibeter als auch Nicht-Tibeter, besonders unter den Nicht-Tibetern, besonders bei den Buddhisten, zu viele manchmal eine naive Einstellung haben: Wenn jemand ein Tulku ist, dann, oooh, das muss wirklich die Verkörperung von diesem oder jenem, Manjushri oder Avalokiteshvara oder Vajrapani oder was auch immer sein. Wir Tibeter haben an den chinesischen Kaiser als Manifestation von Manjushri geglaubt und ihm vertraut und dem mongolischen Kaiser als Manifestation von Vajrapani. Was haben diese Manifestationen für uns getan? Ist das der Wunsch von Manjushri, die tibetische Situation in dieser Weise in diese Lage zu versetzen? Das kann nicht sein. Das kann kein Gedanke oder keine Absicht von Vajrapani sein. Deshalb gibt es da Probleme.

Mehr habe ich nicht zu sagen. Es ist weder eine rührselige, noch eine heilige, noch eine schöne Sache. Aber es ist die Wahrheit, die ihr wissen müsst.

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Fragen und Antworten

Frage: „Zum einen, Rinpoche, stimme ich Ihnen zu. Neulich habe ich eine Einführung von einem sogenannten Rinpoche gehört, da standen mir die Haare zu Berg. Also ich denke, dass es durchaus heutzutage Reinkarnationen gibt, die dem Buddhismus meiner Meinung nach mehr schaden als nutzen mit dem, was sie verkünden. Andererseits glaube ich und ich denke auch, ich denke mal an uns, dass es auch sehr hilfreich sein kann, sich an fortgeschrittenen Schülern zu orientieren, und darüber hinaus, denke ich, dass die Qualität eines Lehrers vielleicht jeder von uns selbst erkennen muss. Die Qualität eines Lehrers, diese innere Verbundenheit, die ist ja auch das, was uns trägt und weiterhilft, und selbst wenn Sie mal nicht mehr hier sind, Rinpoche, ist doch meine große Hoffnung, dass wir die Qualität eines solchen Lehrers wieder erleben dürfen. Weil es natürlich das ist, was uns letztendlich doch als Notnagel weiterhilft. Manchmal helfen auch die Qualität eines guten Schülers und die Gespräche mit anderen Schülern, das ist auch hilfreich. Dennoch wünsche ich mir natürlich für unser Zentrum, dass das nicht abreißen wird. Und wir würden versuchen, ob wir eine Reinkarnation von Ihnen finden würden, glaube ich. Also ich denke mir, zumindest hätten wir den Wunsch danach.“

Rinpoches Antwort: O.k., ich stimme deiner Bemerkung zu 90 % zu. Und der letzte Punkt: Nein! Den letzten Punkt, wieder meine Reinkarnation zu finden, lehne ich strikt ab! Zwei Gründe: Der erste Grund ist, Buddhas Aktivitäten können nicht von unseren menschlichen Organisationen abhängig sein. Buddha, Bodhisattvas, wer auch immer, großartige Meister, sie müssen für den Nutzen aller Lebewesen wirken, und wie sie wirken und wo sie wirken, das ist ihre Auswahl! Wenn wir glauben, dass sie unsere Unterstützung brauchen, damit sie ihre Aktivität entfalten können, dann wäre ihre Fähigkeit, Aktivität zu entfalten, dürftig. Sie haben Freiheit, sie haben Fähigkeit, ohne unsere Hilfe, unabhängig von uns. Das ist der erste Grund. Der zweite Grund ist, in allen tibetisch-buddhistischen Traditionen werden, wie wir wissen, sehr viele Reinkarnationen immer wieder ausgesucht. Ich spreche, wenn ich von Gelugpa aus spreche, von dem jetzigen Ganden Tripa, dem Oberhaupt der Gelugpa-Schule, dem sogenannten Oberhaupt der Gelugpas, er ist der hundertdritte oder so ungefähr. Unter den bisherigen hundert Ganden Tripas wurden höchstens zehn bisher als Reinkarnation gesucht. Früher, zu meiner Zeit im Kloster, gab es sehr viele Äbte, und der eine oder andere von ihnen wurde als Reinkarnation gesucht, aus welchen Gründen auch immer. Nicht alle Äbte! Wie sieht es heute im Exil aus? Von sämtlichen Äbten wird nach ihrem Tod deren Reinkarnation gesucht. Ich sage nicht: Reinkarnationen kommen! Es geht nicht ums Kommen, sondern ums Suchen. Es gibt viele Lehrer, die sagen: „Sucht meine Reinkarnation überhaupt nicht!“ Dennoch werden die Leute gesucht bzw. einfach auf den Thron gesetzt. Ob sie wirklich die richtige Reinkarnation gefunden haben oder nicht, das ist eine große Frage. Jedenfalls wurde ein Kind gefunden und ihm dann dieser Namen gegeben.

Wie viele junge Rinpoches gibt es heutzutage in den Klöstern, und wie viele von ihnen haben wirklich ernsthaftes Interesse, Buddha-Dharma zu studieren und buddhistische Praxis auszuüben. Wenn ich ganz, ganz großzügig bin, aber wirklich großzügig, dann fiftyfifty. Das war großzügig! Viele davon, ich kann jedenfalls einen nach dem anderen aufzählen: Von diesem großen Meister so und so, jenem großen Meister so und so wurde die Reinkarnation wieder gesucht bzw. wieder gefunden – und inthronisiert. Alle haben nichts getaugt, alle sind aus dem Kloster verschwunden! Und was passierte danach? Sie haben weder Kenntnisse über die buddhistische und tibetische Kultur erlangt bzw. Wissen entwickelt, sie besitzen kein tibetisches Wissen, sie haben keine schulische Ausbildung, sie haben gar nichts. Was können sie machen? Höchstens als Kuli arbeiten in Indien oder so.

Manche arbeiten auch als Kuli oder als Taxifahrer. Im Kloster wollen sie nicht leben.

Nur ein Beispiel: Ein „Tulku“ ist verschwunden und arbeitet als Taxifahrer. Sein Labrang ist immer noch in Südindien. O.k.?! Und worauf wartet dieser Labrang? Er wartet auf seinen Tod! Um dann die nächste Existenz suchen zu können, die nächste Reinkarnation. Um damit vielleicht mehr Glück zu haben. Wenn der aber 90 Jahre lang lebt, dann können sie lange warten, nicht wahr? Und beim nächsten Mal – zum Glück stirbt er irgendwann – sucht man wieder und findet natürlich sowieso, dann ist es genauso wie zuvor … Und wozu dient das Warten? Was ist die Funktion von Labrang, wozu soll man das so lange aufrechterhalten? Wofür behalten sie diesen ganzen Apparat? Es geht nur um finanzielles Interesse, um Machtinteresse, politisches Interesse, nur um diese drei Arten von Interesse. Nur das!

So, deshalb lehne ich diese Vorgehensweisen strikt ab! Und so spreche ich auch zu unseren Leuten. Was mich betrifft: Ich bin irgendwie mehr oder weniger zufällig auf den Thron des 9. Kyabgön von Dagyab gelangt, und ich kann nicht zurücktreten. Das geht nicht! Ich kann nur sterben. Das ist eine lebenslängliche Sache. Aber nach meinem Tod, das ist hundertprozentig sicher, wird es meine nächste Existenz geben, aber vielleicht als ein Vogel oder ein Fisch, vielleicht als ein Mann, eine Frau. Wo auch, wie auch immer, irgendwann komme ich. Mein subtiles Bewusstsein wird nicht mit dem Ende dieses Lebens beendet sein. Das wird irgendwie kommen. Aber bestätigt als meine Reinkarnation, damit bin ich überhaupt nicht einverstanden! Mein Wunsch ist somit, die Dagyab-Kyabgön-Linie damit zu beenden. Das ist mein Wunsch. Aber das ist nur mein Wunsch. Was die Leute daraus machen, darauf habe ich keinen Einfluss.

Sonntag, den 2. August 2015

Transkription: Sabine Bergmann
Sprachliche Bearbeitung: Sabine Leuschner, Rob Jandaka, Elke Hessel

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Fußnoten

¹ Radreng Rinpoche / Reting Rinpoche (རྭ་སྒྲེང་རིན་པོ་ཆེ་)

² Stag brag Rinpoche

 

  • Bild 1 - Dagyab Kyabgön Rinpoche
  • Bild 2 - Dagyab Kyabgön Rinpoche
 

Dagyab Kybgön Rinpoche

Loden Sherab Dagyab Rinpoche wurde 1940 im Osten Tibets geboren und mit vier Jahren als der IX. Kyabgön (Schutzherr) der Region Dagyab anerkannt. Er zählt zu den ranghöchsten Tulkus (Hotuktu).

Als die VR China im Jahre 1959 Tibet überfiel und besetzte floh er zusammen mit dem Dalai Lama nach Indien ins Exil. Nach seiner Flucht aus Tibet erwarb er im indischen Exil den akademischen Grad eines Geshe Lharampa. Von 1964 bis 1966 leitete er das Tibethaus in New Delhi, welches als international anerkanntes Institut zur Erhaltung und Förderung der tibetischen Kultur gilt.

Einer Einladung der Universität Bonn folgend kam Dagyab Rinpoche 1966 nach Deutschland, lebte für ca. vierzig Jahre mit seiner Familie in der Nähe von Bonn und arbeitete an der Bonner Universität als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Seit 2009 lebt er mit seiner Familie in Berlin. Er ist spiritueller Leiter des Tibethauses in Frankfurt am Main.

S. E. Dagyab Kyabgön Rinpoche wird als derjenige tibetisch-buddhistische Meister angesehen, der die meisten Übertragungslinien der Gelugpa-Linie, aber auch umfassende Übertragungslinien der Sakya- und Kagyü-Schulen hält.

© Chökor und Dagyab Rinpoche
Dieser Artikel wurde im Dezember 2015 in Chökor Nr. 60, Seiten 8–15 veröffentlicht.

Veröffentlicht mit freundlicher Erlaubnis von Elke Hessel.