Tibetischer Buddhismus im Westen

Fakten, Hintergründe, Standpunkte

 

Die Aktivitäten rGya lo don grubs im tibetischen Widerstand – ein Überblick

Petra Maurer
Professorin für Tibetologie,
wissenschaftliche Mitarbeiterin der Bayerischen Akademie der Wissenschaften


Bereits in den Jahren 1905 und 1906, also etwa 55 Jahre vor dem Einzug der Chinesen in Lhasa und der anschließenden Flucht des Dalai Lama, war die chinesische Armee in Tibet eingedrungen und hatte den Unmut der tibetischen Bevölkerung erregt.[1] Immer wieder kam es in den darauffolgenden Jahren zu vereinzelten Aktionen gegen die chinesischen Besatzer und die von ihnen angestrebten Veränderungen in der tibetischen Gesellschaft.

Etwa ein Jahr nachdem Mao Zedong am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik China ausgerufen hatte, marschierte die Volksbefreiungsarmee (mi dmangs bcings dkrol) am 07.10. 1950 in Osttibet ein. Die chinesischen Truppen besetzten bald Chamdo (chab mdo), eine für die osttibetische Provinz Khams wichtige strategische Stadt. Der einflußreiche Kabinettminister Nga phod ngag dbang ’jigs med, der zu dem Zeitpunkt dort als Verwaltungsgouverneur der tibetischen Zentralregierung amtierte, wurde von den Chinesen als Verbindungsmann zwischen der tibetischen Regierung in Lhasa und der chinesischen Regierung eingesetzt.

Zu der Zeit war der 14. Dalai Lama (geb. 1935) minderjährig und noch nicht inthronisiert, so dass er aufgrund der politischen Umstände am 17.11.1950 vorzeitig in sein Amt eingeführt werden mußte. Bereits im Dezember desselben Jahres machte die tibetische Regierung eine Eingabe an die Vereinten Nationen und bat um Unterstützung gegen die Chinesen. Man verschob die Resolution jedoch auf einen unbestimmten Termin (sine die). Obwohl die Tibeter Kontakte zur indischen, nepalischen, britischen und amerikanischen Regierung herstellten, blieben alle Versuche, Unterstützung zu erlangen, recht erfolglos. Dies lag daran, dass die Tibeter damals in diplomatischen Angelegenheiten wenig erfahren waren. Hinzu kam die Uneinigkeit der tibetischen Regierung: die Klerikerer strebten eher eine friedliche Lösung, während der Adel den Widerstand befürwortete.

Auf Einladung der chinesischen Regierung reiste Anfang 1951 unter der Führung des Nga phod ngag dbang ’jigs med eine Gesandtschaft des Dalai Lama nach Peking und unterzeichnete dort am 23. Mai – wohlgemerkt ohne die Zustimmung des Dalai Lama – das von der chinesischen Regierung vorbereitete 17-Punkte-Abkommen. Die Ratifizierung dieses Abkommens beendete die Unabhängigkeit Tibets, das Land wurde ein Teil der Volksrepublik China.[2]

Nach der Unterzeichnung reisten der damalige tibetische Premierminister Klu khang ba tshe dbang rab brtan und der Bruder des Dalai Lama rGya lo don grub zu Beratungen mit dem Premierminister Jawaharlal Nehru nach Indien. Dieser schlug vor, sowohl das Volk zu ermutigen als auch die Demokratiebewegung zu stärken, die die Welt als legale Alternative zur Politik der Chinesen anerkennen würde.

Im Jahre 1954 wurde dann die Bewegung „Vereinigung des Volkes“ (mi mang tshogs ’du oder mi mang thsogs pa) ins Leben gerufen.[3] Der eigentliche Grund hierfür lag darin, dass der Dalai Lama von einer geplanten Reise nach Peking abgehalten werden sollte.[4] Getragen wurde diese Vereinigung von Händlern und Beamten niederen Ranges. Hauptinitiator war A lo chos mdzad, ein osttibetischer Händler aus Li thang, der sich in Lhasa durch den Import von Eisenträgern aus Indien einen Namen gemacht hatte.[5] Da man vermutete, dass einige Angehörige der tibetischen Regierung mit den Chinesen kollaborierten, konnte man nur auf diese Art und Weise den bereits bestehenden Protest zum Ausdruck bringen.

Viele Gründe führten zur Entstehung dieser Bewegung: Die Macht des Dalai Lama war nicht nur in Gefahr, unterwandert zu werden, sondern es gab auch Widerstände gegen die herrschende Elite, die der öffentlichen Meinung gemäß den Dalai Lama nicht ausreichend unterstützte, so dass er sich offenbar selbst verteidigen mußte. Die Bewegung beschränkte sich zunächst auf Lhasa und versuchte auf verschiedenen Ebenen den Problemen entgegenzuwirken: Sie brachte Petitionen im Kabinett (bka’ shag) sowie bei den Chinesen vor und finanzierte Rituale für zornvolle Gottheiten und Langlebens-Gebete für den Dalai Lama. Sie setzte sich außerdem für den Weiterbestand der tibetischen Armee und der eigenen Währung ein. Ihr Ehrgeiz zielte auf Anerkennung als politische Gruppierung so wohl durch die Tibeter als auch durch die Chinesen.[6]

Die Vereinigung erlangte – vor allem aufgrund des Widerstandes gegen die Chinesen – beachtliche Popularität und wurde auch von einigen Kabinettsmitgliedern unterstützt, die sich erhofften, mit ihrer Hilfe Druck auf die Chinesen ausüben zu können. Auch dem Dalai Lama nahestehende Personen unterstützten sie. Schließlich wurden in den größeren Städten, wie gZhis ka rtse und rGyal rtse Zweige dieser Vereinigung gegründet. Zweimal reisten Mitglieder der mi mang tshogs ’du nach Indien und sandten von dort aus Petitionen an die Vereinten Nationen, die jedoch unbeantwortet blieben.[7]

1956 entwickelte die Bewegung dann phantasievollere Aktivitäten: es wurde eine Organisation „Wohlfahrt für die Armen“ gegründet, die die immer zahlreicher werdenden Flüchtlinge aus Osttibet unterstütze und sich für die wachsende Zahl der Armen von Lhasa einsetzte, die wegen der stetig steigenden Preise ihren Lebensunterhalt nicht mehr selbst sichern konnten. Es gelang der Organisation immerhin, die tibetische Regierung zu zwingen, ihre Wassermühlen kostenlos zur Verfügung zu stellen.

Die Einstellung der tibetischen Bevölkerung blieb jedoch ambivalent; dies dürfte daran gelegen haben, dass die Bewegung weder vom Dalai Lama noch vom Kabinett offen unterstützt wurde, da man befürchtete, dass ihre Aktivitäten den Frieden gefährdeten. Ein Beamter aus bKra shis lhun po versuchte gar, die Initiatoren zu verhaften.[8]

Mao Zedong nahm die Gruppe ebenfalls nicht ernst, denn er glaubte, sie sei aufgrund der schlechten ökonomischen Bedingungen entstanden und würde sich nach Besserung der momentanen Verhältnisse auch wieder auflösen.[9] Trotzdem forderten die Chinesen schließlich nach den smon-lam-Feiern 1956 die Auflösung der Bewegung. Während der Feierlichkeiten war es zu heftigen antichinesischen Protesten gekommen, wobei den chinesischen Behörden ein Brief mit der Aufforderung, Tibet zu verlassen, überreicht worden war.[10] Ihrerseits drohten die Chinesen den Tibetern: falls die mi mang tshogs ’du ihre Aktivitäten nicht einstelle, würde man die chinesische Volksbefreiungsarmee gegen sie einsetzen. Außerdem wäre man dann gezwungen anzunehmen, dass auch das Kabinett involviert sei und mit den reaktionären Gruppen sympathisiere.

Die politischen Spannungen in Lhasa waren groß, als A lo chos mdzad, Mitbegründer der Bewegung, von der beabsichtigten Verhaftung ihrer Anführer durch die Chinesen erfuhr. Das Kabinett zitierte schließlich die drei Hauptverantwortlichen und teilte ihnen mit, dass die mi mang tshogs ’du die Beziehungen zu China belaste. Die tibetische Regierung müsse für alle Schwierigkeiten mit China oder Nepal die Folgen allein tragen, die Verantwortlichen der mi mang tshogs ’du mögen sich doch aus den Angelegenheiten des Staates heraushalten.

Im selben Jahr, am 19. Tag des ersten tibetischen Monats, wurden die drei Gründungsmitglieder dann von der tibetischen Polizei verhaftet. Chinesen und Tibeter bildeten ein gemeinsames Komitee, um die Angeklagten zu verhören. Die Chinesen legten dabei das Schwergewicht darauf, herauszufinden, ob die Bewegung von der Kuomintang oder den Amerikanern unterstützt wurde. Zwar ergab die Untersuchung keine Anhaltspunkte für ausländische Beeinflussung, doch die drei Anführer blieben zunächst in Haft, wo einer von ihnen alsbald verstarb. A ’brug mgon po bkra shis, der als Anführer der in Khams gegründeten Bewegung chu-bzhi-gangs-drug-[11] („Vier Flüsse sechs Berge“-) Widerstandsbewegung eine große Rolle spielte, erreichte nach zähen Verhandlungen mit Unterstützung der Äbte der drei großen dGe lugs pa-Klöster Se ra, ’Bras spungs und dGa’ ldan, dass A lo chos mdzad und sein Gefährte im August 1956 begnadigt wurden. Die beiden begaben sich anschließend nach Kalimpong (ka sbug) in Indien, wo sich bereits seit Jahren viele Tibeter zumeist als Händler niedergelassen hatten.[12]

Im Zusammenhang mit dem Verbot der mi mang tshogs ’du zwang die chinesische Regierung den Dalai Lama, allen Mitgliedern – auch seinen beiden Brüdern rGya lo don grub und Thub bstan nor bu – per Erlaß ihre Staatsbürgerschaft zu entziehen.[13]

Einige Jahre zuvor war rGya lo don grub zusammen mit anderen nach Indien emigriert, um von dort aus seinen Beitrag für den Widerstand zu leisten.

Er war im Sommer 1928 in dem kleinen Ort sTag rtser in der osttibetischen Provinz Amdo geboren worden. In jungen Jahren hatte er an der Kuomintang-Schule in Nanking (1944–1949) Politische Wissenschaften und Geschichte studiert. Mit achtzehn Jahren heiratete er die Tochter eines hohen chinesischen Militärbeamten der Kuomintang. Nach dem Sieg der Kommunisten 1949 floh er in die britische Kronkolonie Hongkong und von dort nach Indien. Bei dem Versuch über Hongkong und China nach Tibet zurückzukehren, erhielt er jedoch keine Ausreisegenehmigung und begab sich 1950 nach Taiwan. Erst auf Intervention der US–Behörden konnte er zunächst in die USA reisen und 1952 in seine Heimat zurückkehren. Auch dort stand er zwischen allen Fronten. Die Chinesen betrachteten ihn – wohl vor allem aufgrund seiner Ausbildung, seiner Ehe mit einer Chinesin und seiner Sprachkenntnisse – zumindest als eine Art Mittelsmann. Er hatte auch, wie der Dalai Lama schreibt, die chinesische Führung schon mehrfach getroffen.[14] Nicht zuletzt erhofften sich diese wegen seiner politischen Ansichten seine Unterstützung.

Seine Reise in die USA hatte ihn zutiefst beeindruckt, und er entwickelte anschließend eigene Reformgedanken für ein vereinigtes Tibet, das den Herausforderungen der modernen Welt gewachsen sein sollte. Abgesehen von seiner Opposition gegen die Chinesen, wünschte er politische und ökonomische Reformen sowie die Einführung eines modernen Bildungssystems für Tibet. Er trug seine Ideen dem Ministerrat vor, der sie jedoch ablehnte.[15] Auf die politische Elite in Tibet hatte er aber keinerlei Einfluss, da er bezichtigt wurde, die Familienresidenz der Regierung übergeben, Schuldverträge verbrannt und Ländereien verteilt zu haben, ihm wurde sogar nachgesagt, er „sei roter als die Chinesen“.[16] Schließlich flüchtete er unter dem Vorwand, seine Landsitze in rDza yul und Jora im Süden Tibets zu besuchen, nach Assam im Nordosten Indiens, um dort seine politischen Aktivitäten fortzusetzen.[17]

Zunächst sandte er Telegramme mit der Bitte um Unterstützung an Chiang Kaishek und an den amerikanischen Außenminister. Er schlug u.a. vor, einen geheimen Widerstand zu organisieren, Tibeter außerhalb des Landes zu trainieren und dann in Tibet einzuschleusen.[18]

Nachdem die Chinesen von den Aktivitäten rGya lo don grubs erfuhren, ließen sie ihn über den osttibetischen Wollgroßhändler sPom mda’ tshang in Kalimpong (Assam) auffordern, nach Lhasa zurückzukehren.[19] rGya lo don grub lehnte diese und eine weitere Einladung, die eine Delegation auf dem Weg nach Peking etwa einen Monat später überbrachte, ab.[20] Der indische Politoffizier des Gebietes verwarnte ihn, doch rGya lo don grub wies darauf hin, dass ihm der indische Premierminister Jawaharlal Nehru freie Entfaltung seiner politischen Aktivitäten in Indien zugesichert habe. In einem späteren Gespräch mit dem damaligen Chef des indischen Geheimdienstes B.N. Mullik wurde ihm erneut freier Handlungsspielraum zugesichert, solange er den indischen Geheimdienst über die Ereignisse in Tibet fortlaufend informiere.[21]

rGya lo don grub entfaltete nun eine rege politische Tätigkeit, unter anderem mit Zhva sgab pa dbang phyug bde ldan, dem ehemaligen Finanzsekretär (rtsis dpon) der tibetischen Regierung. Dieser war mit einer Handelsmission über China in die USA und nach Europa gereist. Bei seiner Rückkehr erfuhr er vom Einmarsch der chinesischen Truppen in Tibet und blieb daher als Vertreter der tibetischen Regierung in Indien. rGya lo don grub versuchte auch die Unterstützung der Gebrüder sPom mda’ tshang zu gewinnen, die jedoch mit seinen Vorstellungen nicht übereinstimmten und eigene politische Ideen vertraten.[22]

Zhva sgab pa, rGya lo don grub und andere organisierten Gesandtschaften zu hohen indischen Beamten und Parlamentariern, um auf die sich zuspitzende Lage in Tibet aufmerksam zu machen. Involviert wurde auch der Missionar tibetischer Abstammung Tharchin Babu, Herausgeber des „Tibetan Mirror“, der in zwischen auf Bitten rGya lo don grubs seine Zeitung sogar wöchentlich publizierte. Händler transportierten die Zeitungen nach Tibet, so dass dort die Bevölkerung von den Aktivitäten im Exil erfuhr.

rGya lo don grub wurde zusammen mit Zhva sgab pa und einem Mönchsbeamten Leiter der „Tibetischen Wohlfahrtsorganisation“, der viele Emigranten angehörten und die im Jahre 1954 in Kalimpong gegründet worden war.[23] Anlaß dazu bot die Hilfe für Opfer einer Überschwemmungskatastrophe in der tibetischen Stadt Gyantse im Jahre 1954. Die Organisation diente jedoch bis zum Exil des Dalai Lama im Jahre 1959 den politischen Aktivitäten der tibetischen Emigranten auch als cover-up.[24]

Sie wurde zu einem großen Teil von rGya lo don grub finanziert, der mittels einer indischen Exportgenehmigung die chinesischen Truppen mit Whisky und Tee versorgte. Gleichzeitig ließ er aber auch Pamphlete nach Tibet schmuggeln, um die Sympathisanten des Widerstandes aufzufordern, sich weiter gegen die chinesische Besatzung zu stellen.

Insgesamt gesehen war der tibetische Widerstand von 1952 bis 1956 recht isoliert und wurde in dieser Zeit ohne die Unterstützung der Amerikaner geführt. Nachrichten über Tibet kamen in der Regel aus Sikkim oder von rGya lo don grub persönlich.[25]

1956 war ein entscheidendes Jahr:

  1. Mao sandte zur Einweihung des Vorbereitungskomitees für die Autonome Region Tibet eine Delegation nach Lhasa.
  2. Er erlaubte nach einigem Zögern dem Dalai Lama anläßlich der Feierlichkeiten zu Buddhajayanti, dem 2500sten Geburtstag Buddhas, nach Indien zu reisen. Diese Entscheidung war möglicherweise von den Aufständen in Polen und Ungarn beeinflußt, denn er befürchtete, dass die Abwesenheit des Dalai Lama negative Schlagzeilen in der Presse zur Folge haben könnte.[26]
  3. Die Golok in Osttibet überfielen eine chinesische Garnison in rDza chu kha, woraufhin die Chinesen rDza chu kha und Li thang bombardierten und das Kloster in Li thang völlig zerstörten.[27]
  4. rGya lo don grub erfuhr von dem nach Indien geflüchteten Abt des Klosters in rGyal rtse über die Exzesse der Chinesen.[28] Er schrieb daraufhin mehrere Briefe, die er den indischen Medien und Botschaften in Delhi übergab. So erreichte ein Brief über Karachi auch die amerikanische Mission in Delhi sowie das Konsulat in Kalkutta. Durch diese Aktivitäten wurden die Amerikaner auf rGya lo don grub aufmerksam, der dem damaligen CIA-Offizier in Kalkutta bis dato nicht aufgefallen war, so dass es endlich zu einem Treffen in Darjeeling kam.[29]

In Unkenntnis dieses Treffens mit der CIA hatten mittlerweile Händler aus Khams rGya lo don grub gebeten, doch im Ausland für die tibetische Sache Unterstützung zu erbitten. Nach ihrer Rückkehr organisiertenn sie dort mit A ’brug mgon po bkra shis den Widerstand.[30]

Die amerikanische Regierung hatte bereits 1951 Verbindung zu rGya lo don grub und einigen tibetischen Emigranten aufgenommen.[31] Schon seinerzeit wurde, um den Widerstand in Tibet professioneller organisieren zu können, eine kleine Gruppe Tibeter über Indien und Thailand nach Guam gebracht und dort an modernen Waffen und in Nachrichtentechnik ausgebildet. Nachts wurden sie mit Fallschirmen über Tibet abgesetzt, wo sie dann versuchten, mit ihren bescheidenen Kenntnissen Widerstandsgruppen zu organisieren.[32]

Im Jahre 1957 hatten die Amerikaner ihre Zurückhaltung endlich aufgegeben und beschlossen, sechs Tibeter von der CIA im Guerillakampf ausbilden zu lassen, um sie dann in Tibet einzuschleusen.[33] rGya lo don grub sollte die betreffenden Personen aussuchen, wozu er noch zwei Händler aus der osttibetischen Provinz Khams mitnahm.[34] Die USA fanden sich zur Unterstützung der Tibeter um so mehr bereit, da gerade einige ihrer antikommunistischen Operationen auf den Philippinen gescheitert waren.[35]

Doch wie sollten die sechs aus Khams stammenden Tibeter zur Ausbildung in die USA geschleust werden? Die Khams pas besaßen keinerlei Papiere und Sprachkenntnisse, so dass eine gewöhnliche Reise nicht in Frage kam. Die Ausreise über Indien schien auch deshalb höchst problematisch, da Jawaharlal Nehru weiterhin seine freundschaftlichen Beziehungen zu China aufrechtzuhalten gedachte.

Eine gute Möglichkeit ergab sich schließlich durch die Kontakte zwischen der amerikanischen und der pakistanischen Regierung aufgrund eines Vorschlags des zeitweilig bei den Verhandlungen anwesenden Kronprinzen von Sikkim. Schließlich wurden die Tibeter über die nördliche Grenze von Ostpakistan, dem heutigen Bangladesh, nach Dakka gebracht und ausgeflogen. Die Angelegenheit wurde bis zuletzt streng geheim gehalten, selbst die Tibeter erfuhren erst wenige Stunden vor ihrer Abreise von der Aktion. rGya lo don grub holte sie persönlich ab, sie wechselten ihre Kleidung und ließen alles zurück, was ihre Herkunft oder Identität hätte verraten können. Von ihrem damaligen Wohnort Kalimpong aus wurden sie mit einem Jeep nach Siliguri und dann zur ca. 20 km entfernten ostpakistanischen Grenze gebracht. In Begleitung des Hindi sprechenden Kochs von rGya lo don grub schlichen sie durch eine Teeplantage und wateten durch einen Fluß bis auf ostpakistanisches Gebiet, wo sie bereits Soldaten erwarteten.

Von dort wurden sie zum Flughafen nach Dakka und dann über Bangkok nach Saipan, einer heute japanischen Insel, geflogen.[36] Die ganze Aktion fand unter größter Geheimhaltung statt, selbst den Piloten war die Herkunft der Fluggäste unbekannt.[37] 

Die Schulung gestaltete sich schwierig, da die Khams pas mit einigen Konzepten der westlichen Welt Probleme hatten, wie z.B. mit einem exakten 24-Stunden-Rhythmus. Sie waren zum Teil Analphabeten, so dass selbst Nachrichtenübermittlungen per Funk für sie schwierig zu erlernen waren. Daher heuerte die CIA den tibetischsprechenden mongolischen Gelehrten Geshe dBang rgyal[38] als Übersetzer an, der ihnen zunächst die Grundstrukturen der tibetischen Grammatik beibrachte. Sie wurden u.a. in Funken, Fallschirmspringen, Kartenlesen, Erster Hilfe und an diversen Waffen sowie verschiedenen Guerillatechniken ausgebildet.[39] Vor ihrer Rückkehr wurden sie mit den notwendigen Requisiten, wie tibetischer Kleidung, Messern und Kleingeld ausgestattet, die von rGya lo don grub in der Diplomatenpost von Kalkutta nach Saipan geschmuggelt worden waren.[40]

Das erste und zweite Team sprang im September 1957 mit dem Fallschirm bei bSam yas in Zentraltibet und Li thang in Osttibet ab.[41] Ihre geheime Verbindung zur tibetischen Regierung lief über Pha lags mgron gnyer chen mo, den Sekretär des Dalai Lama.

Die Ausbildung zweier weiterer Gruppen erfolgte in einem nicht mehr genutzten, dann eigens wieder hergerichteten Ausbildungscamp der US Armee in Camp Hale (Colorado), das während der nächsten sechs Jahre als Trainingslager für tibetische Widerstandskämpfer diente.[42] Erst zwei Jahre später, im September 1959, wurden zwei weitere Gruppen über Tibet abgesetzt, die seit 1958 ausgebildet worden waren.[43] Zehn Männer sprangen in der Nähe des gNam tsho-Sees und drei weitere, aus insgesamt achtzehn Männern bestehende Teams über dPal ’bar in Khams ab. Die mit ihnen abgeworfenen Gewehre verteilten sie vor Ort an die Widerstandsgruppen.[44] Ein Teil der Kämpfer machte sich auf den Weg nach Nordwesten, bis ca. 80 km vor die Stadt sKye dgu mdo, wo sie sich einer recht starken Gruppe von Guerillas anschließen wollten.

In den folgenden Monaten des Jahres 1959 spitzte sich die Lage in Tibet jedoch weiter zu. Als der Dalai Lama dann von den Chinesen – ausdrücklich „ohne Begleitung“ – in ihr Hauptquartier in Lhasa eingeladen wurde, versammelte sich die Bevölkerung vor dem Norbulingka, dem Sommerpalast, um ihn an dem Besuch zu hindern, da sie eine Falle befürchtete und eine mögliche Festnahme des Dalai Lama verhindern wollte. Nach wenigen Tagen jedoch, am 17. März 1959, floh der Dalai Lama in Richtung Indien und rief zehn Tage später in dem kleinen, direkt an der Grenze gelegenen Dorf lHun rtse rdzong die provisorische tibetische Regierung aus.[45] 

Inzwischen hatte auch der Dalai Lama, der den bewaffneten Widerstand ablehnte und den Konflikt mit den Chinesen lange mit friedlichen Mitteln zu lösen wünschte, seine Meinung offensichtlich geändert. Er bat die amerikanische Regierung unter Eisenhower durch seinen Bruder rGya lo don grub um Anerkennung der Exilregierung und Unterstützung des Widerstands. Diese reagierte jedoch eher zurückhaltend, obwohl sie den Dalai Lama als „rightful leader of the Tibetan people“ adressierte.[46]

Zusammen mit dem Dalai Lama waren im März 1959 auch viele Mitglieder der Widerstandsbewegung chu bzhi gangs drug nach Indien emigriert. Am 29. April 1959 überquerte schließlich auch A ’brug mgon po bkra shis, Gründer und Anführer dieser Bewegung, mit ca. 2000 Widerständlern die Grenze nach Indien, wo sie den indischen Behörden ihre Waffen aushändigten.

Nach der Ankunft im Exil wurden intensive Überlegungen zur Weiterführung des tibetischen Widerstands angestellt. Schließlich stimmten die Vertreter der CIA sowie rGya lo don grub und sein Assistent Lha mo Tshe ring dem Vorschlag A ’brug mgon pos zu, die Operationen in Tibet von Mustang aus fortzusetzen. Dieses kleine, im nordwestlichen Teil Nepals gelegene Königreich erwies sich als besonders geeignet, da es aufgrund seiner Abgeschiedenheit und klimatischen Verhältnisse durchaus mit Tibet vergleichbar ist. Ca. 2000 Widerstandskämpfer aus der nun „National Volunteer Freedom Force“ genannten Vereinigung sollten wiederum unter der Führung A ’brug mgon pos nach Mustang gehen.[47] Die meisten waren ohnehin ehemalige Mitglieder der chu bzhi gangs drug und stammten aus Kham, weitere aus Amdo und einige wenige aus Zentraltibet. In Mustang wurde die Widerstandsgruppe von dem von ’A brug mgon po ausgesuchten Khams pa ’Ba’ pa Ye shes aus Batang angeführt. Man informierte die nepalische Regierung in Kathmandu aus Geheimhaltungsgründen nicht,[48] dass die Wahl für das Basislager auf Yara und Tangya gefallen war. Dorthin machte sich dann die Truppe möglichst unauffällig ohne Waffen und mit nur wenig Proviant und Zelten auf den Weg. Zur gleichen Zeit, im Winter 1960/ 1961, unterzogen sich weitere 27 Guerillakämpfer in Camp Hale (Colorado) einer Ausbildung durch die CIA.[49]

Doch von Mustang aus unternahmen die Guerillas nur wenige Aktionen. Obwohl Waffen und Geld über rGya lo don grub als Kurier nach Mustang gelangten, dauerte es bis zum September 1961, bis sich sieben Widerstandskämpfer nach Tibet begaben. Etwa vier Reittage von der Grenze entfernt verübten sie einen Anschlag auf einen Posten der chinesischen Armee und kehrten anschließend nach Mustang zurück. Doch die CIA war nicht gerade begeistert, da sie weder Photos zur Dokumentation gemacht noch Gewehre beschlagnahmt hatten, ganz abgesehen davon, dass es sich um die erste und einzige Aktion in mehr als einem halben Jahr gehandelt hatte. Ansonsten erregten die Khams pas eigentlich nur Aufmerksamkeit, indem sie auf der tibetischen Seite Zivilisten überfielen und Viehdiebstähle begingen.

Danach plante ’Ba’ pa ye shes mit 40 Mann einen Überfall auf chinesische Fahrzeuge, die auf der 1957 fertiggestellten, spärlich befahrenen Straße zwischen Xinjiang und Lhasa verkehrten. Im Oktober des gleichen Jahres harrten sie nach einem Dreitagesritt nochmals vier Tage in beißender Kälte an der schwach befahrenen Straße aus. Als sich ein Jeep näherte, eröffneten sie das Feuer und erschossen alle Insassen. Unter Mitnahme der Gewehre der Toten und eines Koffers mit internen Unterlagen der chinesischen Armee ritten sie nach Mustang zurück.[50] Danach hörten diese Aktionen wieder ganz auf.

Im Sommer 1964 tauchte der Missionar George Patterson, der sehr lange – bis zur chinesischen Invasion – in Khams gelebt hatte, mit einem Kamerateam in Mustang auf, um einen Dokumentarfilm über den Widerstand zu drehen. Obwohl der Film nicht öffentlich gezeigt wurde, waren die Amerikaner sehr verärgert, da die geheime Mustang-Mission verraten schien. Deshalb plante man, den Anführer ’Ba’ pa Ye shes auszutauschen, was rGya lo don grub ablehnte, da ’Ba pa Ye shes von A ’brug mgon po persönlich ernannt worden war.[51] rGya lo don grub wurde jedoch mittlerweile bezichtigt, sowohl Regierungsgelder als auch Gelder der Bewegung chu bzhi gangs drug veruntreut zu haben; gegen ’Ba’ pa Ye shes erhob man ähnliche Vorwürfe. Schließlich beschloß man, ’Ba’ pa Ye shes einen Assistenten an die Hand zu geben.[52] Danach zerbrach die Einigkeit der Guerilla in Mustang endgültig und es wurde ein neues Camp in Ostmustang gegründet.

Obwohl heute noch immer Gerüchte über die Veruntreuungen von Geldern seitens rGya lo don grubs kursieren, ist sein Einsatz für die Resistance über jeden Zweifel erhaben, wenn auch sein Verhältnis zur Widerstandsbewegung komplziert war.[53] rGya lo don grub hatte zumeist Probleme mit den Khams pas, die jedoch aus einer Kombination von Mißverständnissen, Eifersucht und unterschiedlichen politischen Zielen entstanden zu sein scheinen.

Im Mai 1965 wurden zum letzten Mal Waffen über Mustang abgeworfen, es folgten jedoch keine größeren Aktionen mehr. rGya lo don grub wurde 1969 informiert, dass die CIA die Unterstützung der Tibeter einstellen werde und er einen Dreijahresplan für die Rehabilitation der Kämpfer aufstellen solle.[54] Offiziell endete das Tibet-Programm der CIA 1972.

Zwar waren viele andere Tibeter bereits seit 1950 in die Verhandlungen über den tibetischen Widerstand zwischen Tibet, den USA, Indien und Nepal involviert – unter anderem gehörten hierzu vor allem Händlerfamilien aus Khams, wie beispielsweise die des Rab dga’ sPom mda’ tshang.[55] Doch rGya lo don grub stand aufgrund seiner Beziehungen und als Bruder des Dalai Lama stets über allen. In den Augen der Amerikaner war er nicht nur ein Vermittler, sondern der Hauptorganisator des tibetischen Widerstands, und er war tatsächlich, eben aufgrund seines Status, einer der wenigen direkten Vermittler zwischen der amerikanischen und der tibetischen Regierung, denn er hatte seinerzeit die Hauptverbindung zwischen der tibetischen Widerstandsbewegung chu bzhi gangs drug und dem amerikanischen Geheimdienst hergestellt.

Im Gegensatz zu ihm galt A ’brug mgon po bkra shis, mit dessen Hilfe 1956 die beiden Anführer der mi mang tshogs ’du frei gelassen worden waren, bei den Tibetern selbst als der eigentliche Kopf des Widerstands.

Doch für die Mitglieder der chu bzhi gangs drug war rGya lo don grub aufgrund seines Status mehr ein Patron als ein Führer des Widerstands. Als Bruder des Dalai Lama gehörte er zu einer privilegierten yab gzhis-Familie;[56] außerdem hatte er seine Schulausbildung in China absolviert. Der Khams pa ’Ba’ ba ye shes, Anführer der in Mustang stationierten Widerstandsbewegung, formulierte dies so: „Wir dachten, rGya lo kenne die Wege in der Welt. Er habe Erfahrungen.“[57]

Schon früh hatte er im Exil versucht, sozialpolitische Reformen durchzusetzen, indem er mit Händlerfamilien und nicht mit adligen Familien kooperierte. Doch diese Versuche konnten das Netzwerk des tibetischen Feudalsystems nicht durchbrechen. Einzelne Gruppen wollten oder konnten sich nicht mit rGya lo don grub verbinden oder waren unzufrieden, weil die Aristokratie und die dGe lugs pa-Schule weiterhin im Exil dominierten. Die politische Macht, die rGya lo don grub im Laufe der Zeit als Vermittler zwischen der Resistance und der CIA erlangte, verkomplizierte die Situation weiter.

Neben seiner Abstammung mag ein weiterer Grund für die Spannungen zwischen rGya lo don grub und der Widerstandsbewegung darin liegen, dass die größte Zahl der Widerstandskämpfer, auch nachdem sich verschiedene Widerstandsgruppen aus unterschiedlichen Landesteilen zusammengeschlossen hatten, aus Khams stammte. rGya lo don grub hatte jedoch weder Erfahrung im Umgang mit Osttibetern noch mit der Politik der großen Händlerfamilien aus Khams wie die Familien des sPom mda’ tshang und des Sa ’du tshang. Zu weiteren Spannungen führte die Ankunft rGya lo don grubs in Kalimpong Anfang der 1950er Jahre, die die Position der Familie des sPom mda’ tshang in der Exilgemeinde schwächte. Die Ablehnung seitens der sPom-mda’-tshang-Familie brachte für rGya lo don grub auch finanzielle Verluste, da er von ihr zuvor unterstützt worden war.[58]

rGya lo don grubs Hauptverbindung mit der chu bzhi gangs drug lief über Männer aus Li thang, dem Herkunftsort des A ’brug mgon po bkra shis, und zwar insbesondere zu den zwei Familien rGya do tshang und A ’brug tshang, die wiederum häufig Differenzen mit anderen Khams pas hatten.[59] Die Probleme in der Widerstandsbewegung wurden durch die Vormachtstellung der Li thang bas ausgelöst. Leute aus anderen Gegenden wie sDe dge und Trehor konnten damit nicht umgehen, und so entstanden mit der Zeit tiefe Ressentiments gegen rGya lo don grub – insbesondere, da die Li thang bas ungleich leichteren Zugang zu ihm hatten.[60] Direkt und indirekt hingen also viele der Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen den Exiltibetern – und auch in jüngerer Zeit zwischen den Spätflüchtlingen – mit der Person rGya lo don grubs zusammen, der bereits 1950 als quasi inoffizieller Botschafter Tibets erheblich an Einfluß gewonnen hatte.[61]

All dies zusammengenommen verursachte eine Spaltung zwischen ihm und der Mehrzahl der Mitglieder des Widerstands, woraus sich dann weitere zahllose Probleme und Konfliktherde ergaben, die heute noch in der Exilgemeinde weiter schwelen.[62] Die tibetischen Exilanten schufen ihre eigenen lokalen Gruppen, wie tsho kha bcu gsum (Dreizehner-Gruppe). Diese Verbindung entstand sogleich nach der im Jahre 1963 gegründeten und rGya lo don grub nahestehenden gcig sgril tshogs pa („Vereinten Partei“ oder „Tibetan United Association“).[63] Eine Gruppe von dreizehn Exilgemeinden und Klostervorstehern – aus Siedlungen und Klöstern in Indien, die hauptsächlich von Khams pas bewohnt wurden – die nicht mit der Reformpolitik der gcig sgril tshogs pa rGya lo don grubs übereinstimmten, riefen die tsho kha bcu gsum genannte Bewegung ins Leben, um sich so von den geplanten Reformen und der Exilregierung zu distanzieren, die mit der gcig sgril tshogs pa verbunden war. Es gab sogar Gerüchte, dass die gcig sgril tshogs pa von ausländischen, westlichen Regierungen oder gar der chinesischen Regierung unterstützt werde. Auf jeden Fall war der Dalai Lama über die Gründung dieser ersten Partei im Exil unterrichtet und stand ihr wohlwollend gegenüber, so dass sie im Mai 1965 von der Tibetischen Exilregierung offiziell anerkannt wurde.[64] Die Spaltung zwischen der tsho kha bcu gsum und der tibetischen Exilregierung hatte wiederum Auswirkungen auf die Exilgemeinde und vor allem auf die Widerstandsbewegung chu bzhi gangs drug, die zu den stärksten Gegnern der gcig sgril tshogs pa gehörte. Hierfür lag der Grund wohl darin, dass rGya lo don grub sich mit einigen Führern der chu bzhi gangs drug überworfen hatte. Es gab eben nur die Anhänger rGya lo don grubs oder seine Gegner. rGya lo don grubs Reformideen waren zwar weitreichender als die der tsho kha bcu gsum, doch als Bruder des Dalai Lama hatte er keine einfache Position.[65]

Die Spannungen zwischen den beiden Gruppierungen, die auch auf die chu bzhi gangs drug übergriffen, verstärkten sich 1964, als ihr Anführer A ’brug mgon po bkra shis starb.[66] Vor seinem Tod hatte er den Khams pa ’Ba’ pa ye shes zu seinem Nachfolger bestimmt, dem jedoch nicht der gleiche Respekt wie seinem Vorgänger gezollt wurde.

Resümierend bleibt festzuhalten, dass rGya lo don grub sicherlich eine bedeutende Rolle innerhalb des tibetischen Widerstandes spielte, dies wohl hauptsächlich aus zwei Gründen: Einerseits besetzte er als Bruder des Dalai Lama eine Position, die ihm, trotz vieler Schwierigkeiten, genügend Ansehen und Macht verlieh. Zum andern hatte er, allein aufgrund seiner Sprachkenntnisse, die Möglichkeit, sich gewandt in der Welt zu bewegen und Kontakte zu knüpfen. Außerdem war er zeitweise der engste Vertraute des Dalai Lama, daher vertrat er sicherlich auch in den Augen vieler Tibeter die offizielle Haltung der Exilregierung.

rGya lo don grub war der Hauptverbindungsmann zwischen CIA und Tibetern und hatte sich bei den Amerikanern große Achtung erworben, da er „knew how to operate in the wider world“. Der CIA-Direktor Desmond FitzGerald sagte ein mal zu ihm: „Please arrange in your next reincarnation to be the Prime Minister of a country where we can do more to help you.“[67]

Probleme für die Widerstandsbewegung im allgemeinen dürften sich dadurch ergeben haben, dass der Dalai Lama seine Ziele im Laufe der Jahre nur noch durch Gewaltlosigkeit zu erreichen suchte und deshalb der Guerillakampf immer unpopulärer wurde. Doch waren die Tibeter sicherlich auch Spielball der amerikanischen Außenpolitik, die im Laufe der Jahre ihre Prioritäten änderte.

Fußnoten

[1] Vgl. Wim van Spengen: Fontier Histories of Southern Kham: Banditary and War in the Multi-ethnic Fringe Lands of Chatring, Mili, and Gyethang, 1890–1940. In: Lawrence Epstein (ed): Khams pa Histories. Visions of People, Place and Authority (Tibetan Studies: Proceedings of the Ninth Seminar of the International Association for Tibetan Studies, Leiden 2000), Leiden – Boston – Köln, S. 12ff. Das Hauptkloster in Batang wurde 1905 dem Erdboden gleichgemacht, und ein Jahr später drangen die Chinesen in das Kloster Sangpiling ein.

[2] Die Unterzeichnung ist umstritten, und die Gültigkeit der Unterschrift wurde lange diskutiert. Es gab Gerüchte, daß die tibetischen Delegierten zur Unterzeichnung gezwungen worden waren und sich daher auch nicht an die Unterzeichnung gebunden fühlten. Möglicherweise ist auch das Siegel des Dalai Lama gefälscht worden; vgl. hier zu George Ginsburgs and Michael Mathos: Communist China and Tibet. The first douzen Years, The Hague 1964, S. 18f. Vgl. auch Michael V. van Walt van Prag: The Status of Tibet. History, Rights and Prospects in International Law, London, S. 147ff., und Alexander Syllaba: Tibet – sein stilles Sterben. Die Minderheitenpolitik der VR China am Beispiel Tibets, Wien 1992, S. 80ff.

[3] Den Namen mi mang tshogs ’du hatte man absichtlich gewählt, denn der Terminus mi mang war von den Kommunisten geprägt worden und bedeutete in etwa „das Volk“, ähnlich der westlichen Terminologie; vgl. Tsering Shakya: The Dragon in the Land of Snows. A History of Modern Tibet since 1947, London 1999, S. 144f.

[4] Der Dalai Lama reiste trotzdem nach Peking.

[5] Diese neue Konstruktionsmethode ersetzte zum Teil die üblichen hölzernen Stützsäulen in den tibetischen Häusern; vgl. Shakya 1999, S. 145.

[6] Vgl. Shakya 1999, S. 146.

[7] Michel Peissel: Cavaliers of Kham: The Secret War in Tibet, London 1972, S. 102.

[8] Shakya 1999, S. 146.

[9] Vgl. auch Ginsburgs und Mathos 1964, S. 74.

[10] Carole McGranahan: Arrested Histories: Between Empire and Exile in 20th Century Tibet, Ann Arbor, Michigan 2001, S. 254; Shakya 1999, S. 145.

[11] Ein alter Name für Khams. Die vier Flüsse sind rgya mo rngu chu (Salween), ’bri chu (Yangtse), rdza chu (Mekong) und rma chu (Yellow River). Die sechs Berge sind ngul rdza zal mol sgang, spor ’bor sgang, mi nyag ‘a ba sgang, tsha ba sgang, smar khams sgang und dmar rdza sgang; vgl. Shakya 1999, S. 489. Gedeckt wurde die Gründung dieser Widerstandsbewegung von Vorbereitungen für ein Langlebensgebet für den Dalai Lama und der Herstellung eines goldenen Thrones, der dem Dalai Lama als Geschenk überreicht wurde. Vgl. auch Dalai Lama: Buch der Freiheit, Bergisch Gladbach 1990, S. 124, und Gompo Tashi Andrugtsang: Four rivers, six ranges. Reminiscences of the resistance movement in Tibet, Dharamsala 1973, S. 52ff.

[12] Vgl. McGranahan 2001, S. 255.

[13] Vgl. Peissel 1972, S. 102 und Dalai Lama 1990, S. 150.

[14] Dalai Lama 1990, S. 85. Vgl. hierzu auch Tsong kha lha mo Tshe ring: bTsan rgol rgyal skyob, deb dang po, sKu’i gcen po lha sras rgya lo don grub mchog gi thog ma’i mdzad phyogs dang gus gnyis dbar chab srid ’brel ba byung stangs skor, Dharamsala 1992, S. 109ff.

[15] Siehe John Kenneth Knaus: Orphans of the Cold War. America and the Tibetan Struggle for Survival, New York 1999, S. 113f.

[16] Knaus 1999, S. 114f. Zu den Reformvorschlägen, die rGya lo don grub der tibetischen Regierung unterbreitete, siehe Tsong kha lha mo Tshe ring 1992, S. 112f.

[17] Wangpo Tethong: Der Wandel der politischen Elite der Tibeter im Exil. Integrations- und Desintegrationsprozesse in der politischen Führungsschicht 1950-1979, Rikon 2000, (Opuscula Tibetana, Kleine Arbeiten aus dem Tibet-Institut in Rikon-Zürich), S. 47; Dalai Lama 1990, S. 85.

[18] Knaus 1999, S. 120.

[19] sPom mda’ tshang hatte von Dezember 1929 bis zum Jahre 1933 das Monopol für den Wollhandel in Kalimpong. Die Inder, Briten und Tibeter opponierten gegen das Monopol, dass dadurch seine Gewinne stark anstiegen und er nicht nur durch den Wollhandel, sondern auch durch indische Güter und chinesischen Tee, der über Indien nach Tibet gebracht wurde, profitieren werde; vgl. McGranahan 2001, S. 153f.

[20] Nach Knaus 1999, S. 120, kooperierte sPom mda’ tshang, wie viele der Adligen in Lhasa, in gewisser Weise mit den Chinesen.

[21] Vgl. hierzu Knaus 1999, S. 121. rGya lo don grub stand von da an in ständiger Verbindung mit dem indischen Geheimdienst; vgl. Kenneth Conboy and James Morrison: The CIA’s Secret War in Tibet, Lawrence, Kansas 2002, S. 179.

[22] Vgl. Knaus 1999, S. 122. Angeblich war das Verhältnis zwischen rGya lo don grub und Rab dga’ so gespannt, daß ersterer 1962 versuchte, Rab dga’ in Darjeeling ermorden zu lassen. Seinem Bruder Yar ’phel wurde vorgeworfen, mit den chinesischen Kommunisten zu sympathisieren. Dies schuf letztlich viele Probleme, Yar ’phel mußte Indien verlassen, ging nach England und blieb zunächst bei Patterson, reiste dann nach Hongkong, wo er Schwierigkeiten hatte, an sein Geld zu kommen, da der CIA ihn ebenfalls für einen Kommunisten hielt. Vgl. auch McGranahan 2001, S. 167f.

[23] Siehe Tethong 2000, S. 46

[24] Siehe Knaus 1999, S. 123. Auch die indische Regierung sandte medizinische und finanzielle Hilfe nach rGyal rtse.

[25] Knaus 1999, S. 138.

[26] In Indien trafen der Dalai Lama, rGya lo don grub und Thub bstan nor bu auch mit dem chinesischen Premierminister Zhou Enlai zu Gesprächen zusammen. Zhou Enlai versuchte ohne Erfolg dem Dalai Lama von einer Reise nach Kalimpong abzuraten; vgl. Dalai Lama 1990, S. 138f., und Knaus 1999, S. 134f.

[27] Vgl. hierzu auch Dalai Lama 1990, S. 129. Der Widerstand der Tibeter und ihre Erfolge führten zwangsläufig dazu, daß die Chinesen ihre Truppen weiter verstärkten und schließlich das Kloster bombardierten.

[28] Knaus 1999, S. 127ff.

[29] Conboy and Morrison 2002, S. 33.

[30] Carole McGranahan: Tibet’s Cold War. The CIA and the Chushi Gangdrug Resistance 1956-1974. In: Cold War Studies, Vol. 8, No. 3 (2006), S. 111.

[31] Dawa Norbu: China’s Tibet Policy, Richmond, Surrey 2001, S. 268.

[32] Roger McCarthy: Tears of the Lotus. Accounts of Tibetan Resistance to the Chinese Invasion, 1950-1962, Jefferson, North Carolina – London 1997, S. 238.

[33] Knaus 1999, S. 138; Conboy and Morrison 2002, S. 39.

[34] Vgl. Knaus 1999, S. 138. Demnach suchten rGya lo, sTag tser, Zhva sgab pa und rGya do tshang dbang ’dus die Leute auf Empfehlung von A ’brug mgon po bkra shis aus. Nach Peissel 1972, S. 79, suchte Thob rgyal sPom mda’ tshang die geeigneten Männer noch in Khams aus und sandte sie nach Kalimpong.

[35] Knaus 1999, S. 139.

[36] Siehe hierzu auch Roger McCarthy 1997, S. 240f. Zur strategischen Bedeutung siehe Conboy and Morrison 2002, S. 46.

[37] Nach Angaben eines CIA-Agenten kam die Hilfe für den Widerstand viel zu spät; vgl. Jane Ardley: The Tibetan Independence Movement. Political, Religious and Gandhian Perspectives, London – New York 2002, S. 30.

[38] Zu den Hintergründen für Wangyals Leben in den USA siehe Conboy and Morrison 2002, S. 50f.

[39] Da das Training so authentisch wie möglich sein sollte und immer scharfe Munition eingesetzt wurde, mußte in einem heißen Sommer aufgrund eines Waldbrandes die Feuerwehr alamiert werden, die eine ganze Woche mit Löschen beschäftigt war. Hierbei sahen die Feuerwehrleute auf den brennenden Hügeln tibetische Schriftzeichen, die von angehenden Widerstandskämpfern in Steine geritzt worden waren, sie wurden jedoch zur Geheimhaltung verpflichtet; vgl. Conboy and Morrison 2002, 136.

[40] Conboy and Morrison 2002, S. 55.

[41] Knaus 1999, S. 148, McGranahan 2001, S. 280. Nach Dawa Norbu 2001, S. 268, wurden bei insgesamt neunzehn Flügen 47 Khams pas über Tibet abgesetzt und achtzehn Abwürfe von Waffen vorgenommen. Über Mustang wurden sechsmal Güter abgeworfen und siebenmal Khams pas abgesetzt.

[42] Knaus 1999, S. 155.

[43] Die zweite Trainingsgruppe mit zehn Männern, davon neun aus Li thang, verließ Indien 1958 unter der Begleitung von Lha mo Tshe ring, dem Assistenten von rGya lo don grub; McGranahan 2001, S. 280f.

[44] Conboy and Morrison 2002, S. 123. Zwischen 1958 und 1961 warfen die CIA mehr als 30 mal Waffen, Munition, Radios, Medikamente etc. für die chu bzhi gangs drug ab; McGranahan 2001, S. 81.

[45] Tethong 2000, S. 51. rGya lo don grub ging zusammen mit bKra shis tshe ring nach Assam, um dort Flüchtlinge zu interviewen. Die Gespräche wurden aufgezeichnet, in Delhi aus dem Tibetischen ins Englische übersetzt und dann an die Vereinten Nationen nach Genf gesandt; vgl. Melvyn Goldstein, William Siebenschuh und Tashi Tsering: The Struggle for Modern Tibet. The Autobiography of Tashi Tsering. Armong, New York – London 1997, S. 56ff.

[46] Conboy and Morrison 2002, S. 124.

[47] Zu den verschiedenen Namen der Widerstandsgruppe siehe Ardley 2002, S. 31.

[48] Knaus 1999, S. 239.

[49] Die Versorgung in Mustang wurde problematisch, da der CIA noch keine Versorgungsflüge erlaubte. Hinzu kam, daß die neue Verwaltung unter Kennedy sich nicht sicher war, ob der Mustangplan überhaupt weiter verfolgt werden sollte. Schließlich stimmte Kennedy im März 1961 einer Unterstützung der Kämpfer zu, doch der neue amerikanische Botschafter in Indien, John Kenneth Galbraith, ein ehemaliger Berater Roosevelts, setzte sich für ein Ende der Operationen ein. Hierbei wurde er von der pakistanischen Regierung unterstützt, da Kennedy proindisch war und das Land ökonomisch unterstützte – Eisenhower hingegen war propakistanisch gewesen. Dies führte dazu, dass die in Camp Hale ausgebildeten Tibeter nicht ausgeflogen werden konnten. Doch Kennedy, der weiterhin um gute Beziehungen zu Pakistan bemüht war, lud den damaligen Präsidenten Ayub Khan nach Washington ein und bat ihn um Unterstützung für die CIA, so daß die Tibeter schließlich reisen konnten. Vgl. Conboy and Morrison 2002, S. 153ff.

[50] Conboy and Morrison 2002, S. 160f.

[51] Knaus 1999, S. 278f.

[52] Nach Ardley 2002, S. 39f., wurde ’Ba’ pa ye shes als Kommandeur im Jahre 1969 von rGya lo abgesetzt, weil er offensichtlich Gelder der CIA veruntreut hatte. rGya do dbang ’dus, ein in Camp Hale ausgebildeter Veteran aus Li thang, wurde sein Nachfolger und nicht sein Assistent; er war zwar ein Neffe des A ’brug mgon po, doch wurde er als Repräsentant der Exilregierung angesehen. In der Exilgemeine schlug sich diese Ost-West-Spannung ebenfalls nieder. Vgl. auch McGranahan 2001, S. 319. Im Jahre 1969 wurde ’Ba pa Ye shes anläßlich des 10. Jahrestages des Widerstandes nach Dharamsala eingeladen. Bei dieser Gelegenheit teilte ihm rGya lo don grub mit, daß er nicht mehr der Befehlshaber der Truppe in Mustang sei und nun eine andere wichtige Position im Sicherheitsbüro des Dalai Lama einnehmen sollte. Er kehrte zunächst jedoch heimlich nach Mustang zurück; vgl. Knaus 1999, S. 295f.

[53] Sowohl rGya lo don grub als auch Yar ’phel sPom mda’ tshang wurden verdächtigt, den tibetischen Staatsschatz, der im Palast des Königs von Sikkim lagerte, teilweise veruntreut zu haben; vgl. McGranahan 2001, S. 332.

[54] Die Unterstützung wurde nach Knaus 1999, S. 296, nicht aus geopolitischen Gründen eingestellt, sondern war bereits vor Nixons Plänen, diplomatische Beziehungen zu Peking aufzunehmen, beschlossen worden. Die Operationen in Mustang hatten mehr als acht Jahre und somit länger als die meisten Projekte der CIA gedauert.

[55] Rab dga’ sPom mda’ tshang hatte die „Tibetan Improvement Party“ gegründet und wurde vom Britischen Geheimdienst für einen Spion der Chinesen gehalten; vgl. McGranahan 2001, S. 154f.

[56] yab gzhis ist die Bezeichnung für Familien, aus der ein Dalai Lama kommt.

[57] McGranahan 2001, S. 294.

[58] Die Familie des Dalai Lama wurde nicht immer vom Adel respektiert. Der tibetische Adel unterstützte rGya lo don grub nicht ausreichend, doch seine finanziellen Mittel schienen ebenso wie seine politischen Aktivitäten zu steigen; vgl. McGranahan 2001, S. 331.

[59] Nach Knaus 1999, S. 143, hatte auch schon A ’brug mgon po keine einfache Stellung, da er als Händler von den lokalen Clanführern nicht voll anerkannt wurde. Er war in ihren Augen zu sehr mit der Moderne verbunden und sie fühlten sich dementsprechend „bedroht“.

[60] McGranahan 2001, S. 335.

[61] So bildeten sich in den Exilgemeinden Splittergruppen, die unterschiedliche Interessen vertraten und direkten Einfluß auf die Widerstandsbewegung chu bzhi gangs drug ausübten.

[62] Die Amerikaner bemerkten diese Spaltungen nicht, denn ihnen fiel nicht auf, daß die anfänglichen Auseinandersetzungen in der Exilgemeinde keine alten Stammesauseinandersetzungen waren, sondern sozialpolitische Organisation der Khams pas repräsentierten.

[63] Die Gründung dieser Partei reicht vermutlich bis 1959 zurück und geht auf eine geheime, bereits in Tibet ins Leben gerufene Widerstandsgruppe zurück, der junge Adlige, Kaufleute und Mönche angehörten; vgl. Tethong 2000, S. 99.

[64] Vgl. hierzu Tethong 2000, S. 99f.

[65] Die Beziehungen zwischen der tsho kha bcu gsum und dem Exilparlament verbesserten sich zwar im Laufe der Jahre, aber es bestanden immer zwei gegensätzliche Ansichten: diejenigen, die auf einer religiösen und territorialen Verbundenheit basierten und diejenigen, die frei davon waren.

[66] McGranahan 2001, S. 316ff. Im Jahre 1963 reiste A ’brug mgon po zur medizinischen Behandlung nach England und wurde von rGya lo don grub und Repräsentanten der chu bzhi gangs drug in Kalkutta verabschiedet. Zunächst besserte sich sein Gesundheitszustand, dann verstarb er jedoch 1964 in Indien im Alter von 59 Jahren.

[67] Knaus 1999, S. 297.

 

Sign-End

 

Diese Arbeit wurde in ZAS (Zentralsiatische Studien) 36, 2007 veröffentlicht. Mit freundlicher Genehmigung von Prof. Dr. Petra Maurer.

Zur Autorin

Siehe auch