Tibetischer Buddhismus im Westen

Fakten, Hintergründe, Standpunkte

 

Der Dalai Lama und die CIA in deutschen Medien

Berichterstattung über den Dalai Lama und die CIA im ARD-Magazin Panorama und SZ, 08. Juni 2012

von Nicola Hernádi

30. Juni 2012

In der europäischen Gesellschaft, deren geistiges Klima lange Zeit durch Bevormundung durch patriarchalische religiöse Strukturen geprägt war, verwundert der Argwohn nicht, mit der eine Figur wie der Dalai Lama von grundsätzlich alles Religiöse ablehnenden Seiten beäugt wird. Die Legenden über seine Existenzweise als Reinkarnation und seine Ehrentitel, sie riechen nach esoterischer Naivität, dem Feindbild der Aufklärung schlechthin. Dieses verständliche Misstrauen berechtigt jedoch nicht dazu, unlautere Behauptungen, irreführende Angaben und polemische Angriffe als scheinbar entlarvende Fakten zu präsentieren, wie jüngst in der Berichterstattung des Magazins Panorama und der SZ vom 8. Juni 2012 zum Thema „CIA und Dalai Lama“ geschehen, damit verrät man die Grundsätze der Wahrheitsfindung, für die man vorgibt, ins Feld zu ziehen.

Das Kapitel der Beziehungen zwischen CIA und tibetischer Exilregierung bietet einiges an Stoff für Historiker und Politologen. Auf der einen Seite ein aus der Zeit gefallenes, heterogenes Volk, das bis dato gar kein Bewusstsein für eine tibetische Identität entwickelt hatte, und welches sich erst durch die brutale Zerstörung all dessen, was seine Kultur ausmacht, als Nation formen musste; auf der anderen Seite das selbstbewusst seine antikommunistischen Interessen vertretende Amerika in seiner wankelmütigen Rolle als Weltpolizist und globaler Hasardeur. Man kann kritisieren, dass in der damaligen Exilregierung die feudalen, ultrakonservativen Kräfte des alten Tibets die Politik bestimmten, denen man aus heutiger Sicht durchaus eine beschönigende Darstellung, Opportunismus und mangelnde Transparenz vorwerfen kann. Zu keiner Zeit hatte jedoch der Dalai Lama darauf einen Einfluss. Was genau werfen ihm die Kritiker eigentlich vor? Dass er ein Heuchler sei, der Gewaltlosigkeit predigte, dafür 30 Jahre später den Nobelpreis einheimste, während er mithilfe der CIA zum blutigen Kampf gegen China anstachelte? Das ist absurd. An seiner Politik des friedlichen Widerstandes tragen viele Tibeter schwer, und nur die große Verehrung, die sie ihm aus freien Stücken entgegenbringen, hält viele davon ab, sich mit Gewalt aufzulehnen. Was ihnen an Radikalität des Kampfes bleibt, ohne andere zu schädigen, ist die Verweigerung der Unterwerfung durch Selbstverbrennung, wie derzeit in erschreckendem Ausmaß praktiziert. Der Dalai Lama verfügt über keinen institutionellen Machtapparat, mit dem er irgendwelche Ansprüche weltlicher oder religiöser Art durchsetzen könnte. Er ist in eine Rolle eingesetzt worden, die auszufüllen an Schwierigkeit kaum zu überbieten ist. Wie er mit dieser Last der Verantwortung umgeht, dem gebührt Respekt. Für jedermann zugänglich bemüht er sich, den verzweifelten Tibetern, die unter großen Entbehrungen zu ihm kommen, Trost zu spenden, und als ein inspirierender Lehrer der äußerst komplexen philosophischen Traditionen des Mahayana-Buddhismus begeistert er ein Publikum weltweit, das sicher nicht komplett aus blinden Gläubigen besteht. Bedauerlicherweise beschränkt sich die Berichterstattung durch die öffentlichen Medien, ob nun positiv oder negativ, überwiegend auf immer die gleichen Klischees, lächelnder Gottkönig oder tückischer Manipulator, obwohl diese mit der realen Person nicht das Geringste zu tun haben. Eine neutrale Präsentation von Fakten über den Dalai Lama - offenbar ein frommer Wunsch.

 

Autorin

Nicola Hernádi
Wartburgstr. 52
10823 Berlin
abu-concept@t-online.de
Zentralasienwissenschaftlerin und Indologin

 

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